Es ist schön, hier in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung, ich bin gekommen, um Rock’n’Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“

Das sagte Bruce Springsteen vor 25 Jahren zu seinen Zuschauern in Weißensee, wo offiziell 160.000, tatsächlich eher 300.000 Menschen versammelt waren. Zu dem Zeitpunkt konnten sie ihre seit Stunden anhaltende Dauer-Euphorie kaum noch aushalten, bei diesen Sätzen aber drohte die Zuschauermasse nochmals in einem gemeinschaftlichen Schrei zu kollabieren. Als habe ein Messias gesprochen und nicht ein amerikanischer Musiker. Das war mehr, als jemand hatte erwarten können, das war tiefe kollektive Glückseligkeit. Springsteen hatte nicht nur die Songs zum Mitsingen gespielt. Er hatte auch gesagt, was zu sagen war.

Nie gab es ein größeres Konzert in der DDR. Auch Springsteen hatte nie mehr Zuschauer. Der Eindruck bleibt. Man kann das jetzt noch einmal in dem MDR-Dokumentarfilm „Mein Sommer ’88“ von Carsten Fiebeler und Daniel Remsperger betrachten, was da am 19. Juli 1988 für Energien freigesetzt wurden – mit einem vibrierenden, glühenden Sänger in Geberlaune auf der Bühne, mit einem wogenden Meer beseelter Menschen davor. Im hinteren Drittel des flunderflachen Geländes einer ehemaligen Radrennbahn haben sie kaum mehr gesehen als ferne Bilder auf einer Videoleinwand, nicht mehr gehört als Tonfetzen aus Lautsprechern. Aber egal – der Mann da vorn war echt. Er war bei Fans im Osten, weil die nicht zu ihm in den Westen konnten. Die halbe DDR schien auf den Beinen an diesem heißen Sommertag.

Ich war schon am frühen Nachmittag eingetroffen und sicherte mir einen Platz auf einer Mülltonne in Bühnennähe. Bob Dylan 1987 in Treptow hatte ich kaum wahrnehmen können, so weit war er entfernt. Bei Depeche Mode im März ’88 in der Seelenbinder-Halle hatten mich schweigende Ordner gewaltsam von meinem Platz geschleppt, weil Sitze nur für Funktionärsgattinnen reserviert wurden, nicht für Ost-Presseleute. Von dieser Mülltonne würde ich mich nicht vertreiben lassen. Ich blickte auf die Fans vor der Bühne, die ihre selbst gebastelten USA-Fahnen und Freedom-Poster hoch hielten. Gleich würden sie mit dem Amerikaner gemeinsam „Born in the U.S.A.“ singen, alle. Nach Springsteens Barrieren-Ansprache dachte ich kurz, Himmel – was, wenn er zum Sturz der Mauer aufgerufen hätte?

Ja, was? Tatsächlich hatte Springsteen das Wort Mauer auf seinem Zettel. Einiges über das Konzert war ja durchgesickert: Dass die FDJ-Funktionäre in ihrer tumben Ahnungslosigkeit dem Weltstar ein Bekenntnis der „antiimperialistischen Solidarität mit Nikaragua“ unterjubeln wollten, wo Springsteen doch zeitlebens auf der Hut war vor Vereinnahmung. Dass die Solidaritätsbanner auf der Bühne kurz vor dem Konzert eiligst wieder abgerissen werden mussten, hatte die Runde gemacht. Dass deshalb eine Absage im Raum stand, dass eine Klarstellung mit dem Wort Mauer vorbereitet war, wusste dagegen keiner.

Von den Ereignissen hinter den Kulissen erzählen mit Akribie der MDR-Dokumentarfilm sowie das dieser Tage auf deutsch erscheinende Buch des Amerikaners Erik Kirschbaum „Rocking the Wall“. Man erfährt, dass das Wort Mauer von Springsteens Bühnen-Botschaft plötzlich aus der Garderobe waberte und Funktionäre wie Veranstalter erbleichen ließ. Der Ost-Berliner Organisator Gerald Ponesky, der sich die Peinlichkeit mit dem Nikaragua-Motto ausgedacht hatte, fürchtete sein letztes Konzert sei gekommen. Der Münchner Veranstalter Marcel Avram wollte keine politischen Verwicklungen und schlug ein anderes Wort vor. Der Manager Jon Landau winkte Springsteen während des Konzertes von der Bühne, der Dolmetscher Georg Kerwinski sprach dem Sänger das neue Wort vor und schrieb auf: Bar-hee-AIR-en. Dann war es weg, das Wort Mauer. Verstanden wurde es trotzdem.

Das alles berichtet der Film anekdotisch und kurzweilig, wie er überhaupt dem gesamten Konzertsommer des Jahres 1988 nachträglich witzige Momente abgewinnt. Damals bot Ost-Berlin Springsteen, Joe Cocker und James Brown auf, West-Berlin setzte Pink Floyd, Michael Jackson und David Bowie dagegen, und zwar vor dem Reichstag. Das hätte der Osten gern verhindert, so direkt an der Grenze. Aber wie? Der Lärm bedrohe das Leben der Kranken in der Charité, musste sich der Veranstalter Peter Schwenkow anhören. Pink Floyd aber wollten Ost-Berlin zum Beben bringen und gaben alles, West-Berlin erhob darauf eine Lärmstrafe. Von den Kranken ist keine Klage bekannt.

Der City-Sänger Toni Krahl, im Vorprogramm von James Brown, erzählt, dass die Band ihren Titel „Halb und Halb“ nicht spielen sollte, dieses Lied von der halben Stadt mit der halben Zufriedenheit gefiel der FDJ nicht, die wollte volle Zufriedenheit. Krahl befolgte das Gebot und rezitierte stattdessen den Liedtext – mit größerem Effekt. Wobei er heute dankbar erwähnt, dass City nicht mit Tomaten beworfen wurde. Keine Tomaten auf eine der etabliertesten Ost-Bands? Da muss sich jemand gut auskennen in den damaligen Verhältnissen, um diesen Schlenker zu verstehen.

Anbiederung beim Volk

Es ist der einzige Hinweis in diesem Film darauf, was für eine Stimmung ein Jahr vor dem Mauerfall in der DDR herrschte – Wechselstimmung. Das Land lebte noch so vor sich hin, weil die meisten Menschen sich eingerichtet hatten, aber die Jugend hatte schon abgeschlossen mit dem Land. Sie ertrug selbst die eigenen Bands nicht mehr. Noch ein paar Jahre vorher dankbar für jeden Subtext gefeiert, haftete ihnen nun der Geruch von DDR-Establishment an.

Die nächstliegende Frage stellt der MDR-Film an keiner Stelle – warum eigentlich haben die FDJ-Funktionäre die Großverdiener des anglo-amerikanischen Rockbusiness eingeladen? Keine zwei Jahrzehnte vorher gingen Jugendliche ins Gefängnis allein für die Absicht, die Rolling Stones nahe der Mauer auf dem Springer-Hochhaus zu hören. Eine westliche Flagge wäre als Hochverrat geahndet worden. Die DDR hatte offiziell nie einen Kurswandel ihrer Jugend- und Kulturpolitik bekanntgegeben. Doch mit der Zeit vergruben die FDJ-Funktionäre ihre selbst erfundenen und den Künstlern oktroyierten Vorstellungen von einer eigenständigen DDR-Rockmusik. Stattdessen biederten sie sich offen beim Volk an mit Konzerten westlicher Stars.

Das ist die ärgerliche Seite des Films. Erstens baut er dokumentarfilmfeindlich eine überflüssige, nachgestellte, gewollt-komische Rahmenhandlung ein, zudem vermittelt er nur das Bild von einem großen Happening. Das war es für die Zuschauer auch, klar, aber hinter den Kulissen lief eben nicht ein fröhlicher Wettbewerb zwischen Ost- und West-Berlin um die besten Bands und die glücklichsten Fans des Sommers, sondern da gab es noch zwei Systeme. Der letzte Mauer-Flüchtling war noch nicht erschossen. FDJ-, SED- und Stasi-Bonzen haben um die Gunst der Jugend gedealt und verloren. Gehört das nicht zum Thema? Stattdessen die Erzählungen der Funktionäre, wie aufregend alles war? So detailreich der Film Erinnerungen wachruft, so sehr ist er ein typisches MDR-Produkt, das die Vergangenheit am liebsten sonnig betrachtet.

Gut, man muss nicht gleich von Erik Kirschbaum folgen, der in seinem Buch die These aufstellt, das Springsteen-Konzert habe die Welt verändert und die Mauer zum Wanken gebracht. Aber einen Anteil an dem Niedergang des Landes wird es schon gehabt haben. In der Redaktion malten wir uns nach dem Konzert aus, wie schön es wäre, die Motto-Blamage der FDJ zu kommentieren oder Springsteens Worte an seine Zuschauer einfach zu drucken. Versuchen wir es? Ach, zwecklos, das lassen die nie drin. Die Redaktion war kein Hort des Widerstands, sondern Teil des Systems. Trotzdem labten sich die meisten Redakteure an Springsteens Barrieren-Abriss-Zettel.

Mein Sommer '88 - Wie die Stars die DDR rockten. Dokumentarfilm, MDR, 05.07.2013, 20.15 Uhr.