Der Tiergarten in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

BerlinWeil endlich mal die Sonne schien und ich meinem Bademantel, der Einsamkeit und den Corona-fixierten Fernsehprogrammen („man traut sich ja nicht mal mehr ne Dose Sardinen aufzumachen“, empörte sich eine Freundin am Telefon) wenigstens für ein paar Stunden entkommen wollte, entschloss ich mich zu einem Ausflug. 

Ausflug, dachte ich, ist ein seltsames Wort, ich kann doch gar nicht fliegen. Womöglich rührte die nächste Assoziation von dieser mich noch krasser deprimierenden Erkenntnis her, denn nun wusste ich: Mein Ziel kann heute nur der Tiergarten sein! Gedacht, getan; ich schnappte mir drei alte Schrippen, ein Sixpack Aldi-Buletten, vier gut gekühlte, vorsorglich mit Küchenkrepp umwickelte Bierflaschen, steckte all das, nebst Zigaretten, Feuerzeug, Portemonnaie, Handschuhen und einem Schal, in meinen Rucksack und verließ, das erste Mal seit einer Woche, meine Weddinger Selbstisolationshaftanstalt.

Fünf U-Bahn-Stationen und wenige Schritte später war ich im Tiergarten und, wie ich feststellen durfte, ganz und gar nicht die Einzige, die es bei diesem herrlichen Wetter hierhergezogen hatte. Radfahrer flitzten haarscharf an mir vorüber, Mütter schoben Kinderwagen oder hielten kleine Mädchen und Jungs an der Hand und schimpfend davon ab, sich loszureißen.

Livestream am Ostersonntag

Katja Lange-Müller liest ihre Ostergeschichte in der ersten Live-Online-Veranstaltung der Berliner Zeitung vor. Außerdem mit dabei: die Berliner Jazzpianistin Julia Hülsmann.

Alleingänger mit oder ohne Mundschutz wichen einander in weitem Bogen aus. Einer, ein zierlicher, schlanker Typ, hatte sich ein buntes Seidentuch über Nase und Mund gebunden. Mit seinen dunklen Augen, falschen Wimpern und schön geschwungenen Brauen ähnelte er ein bisschen Suleika, der Lieblingsfrau des Sultans.

Der Trampelpfad vom Hardenberg-Platz zum Schleusenkrug führt an der improvisierten Gedenkstätte für Susanne Fontaine vorbei, jener Kunsthistorikerin, die am 5. 9. 2017 ebendort ermordet worden war. Neben dem ausgeblichenen Kunstblumensträußchen, dem roten Grablicht und einem handgeschriebenen Brief, der in einer Plastikfolie steckt, aber dennoch völlig verwittert ist, stocherten fünf putzige Drosseln, deren Tupfen-Gefieder wie poliert glänzte, im Erdreich. Obwohl sie weder Wurm noch Assel zutage förderten, machten sie einander die Jagdgründe streitig und scherten sich einen Dreck um den verordneten Mindestabstand; doch der, sagte ich mir, gilt wohl eh nur für uns Menschen.

Und überhaupt, können sich Säugetiere, vielleicht sogar Vögel, Reptilien und Insekten, mit Corona infizieren? Da das Virus die Artengrenze vom Tier zum Menschen überwunden hat, müsste das umgekehrt ja auch möglich sein. Egal, dachte ich – und im nächsten Moment an ein berühmtes Rilke-Gedicht, dessen zwei Mittelzeilen ich, etwas abgewandelt, vor mich hinmurmelte: Wer jetzt kein Tier hat, kauft sich keines mehr / „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Die Leute verhielten sich – sagen wir mal – untypisch. Sie sahen einander nicht an, starrten aber auch nicht auf ihre Smartphones, sondern, so schien es der Sonne und mir, in sich hinein als suchten sie dort nach etwas Unergründlichem; ich konnte mir denken, wonach. Sie waren salopp gekleidet, genauer sie trugen allesamt jene nicht eben stylischen Jogging-Klamotten, für die wir Berliner von den Bevölkerungen anderer Städte gerne „prollig“ genannt werden. Manche bewegten sich auch wirklich im Laufschritt durch das vermüllte, hier und da mit überquellenden oder umgetretenen Papierkörben bestückte Gelände, die meisten jedoch schlenderten ziel- und strukturlos umher. Ja, dachte ich, wie du haben auch die jeden Halt verloren, von Haltung ganz zu schweigen.

Am Saum des Landwehrkanals ließ ich mich zum Picknick nieder, trank eine Bierflasche leer, dann noch eine, biss lustlos, aber abwechselnd in Bulette und Schrippe. Dies bemerkten die beiden Kanada-Gänse, tierische Immigranten oder Flüchtlinge aus dem benachbarten Zoo, die im trüben, geruhsam von links nach rechts fließenden Kanalwasser schwammen und mit ihren schwarzen Schnäbeln und Hälsen zunächst recht prächtig wirkten. Doch als sie an Land und, offensichtlich meiner Schrippen wegen, auf mich zugewatschelt kamen, sah ich, dass je einer ihrer Flügel verkrüppelt war. Ein Grund mehr, sagte ich mir, ihnen etwas abzugeben.

Luftkrieg der Nebelkrähen

Sogleich entdeckten auch Krähen, Möwen, Amseln und Spatzen die freigiebige Futterquelle, die weit und breit einzig ich verkörperte. „Alle Vögel sind schon da“, dachte ich, und sie leiden alle unter der gegenwärtigen Situation. Ihnen fehlen die rüstigen Rentnerinnen, die ihnen früher, als die Welt noch okay war, zerschnippeltes Brot zuwarfen. Außerhalb der selbst nach oben hin mit Maschendraht absicherten Reiher-Voliere baute ein Silberreiher, der irgendwie entkommen sein musste, unbeirrt an seinem Nest hoch oben in den Zweigen einer Buche.

Eine der Nebelkrähen, die sich derzeit rasend vermehren und ihre Nahrungskonkurrenten, die Tauben, gelegentlich mittels Luftangriffen zu Boden und dann zur Strecke bringen, landete auf einer Parkbank ohne Lehne, tunkte ihren Schnabel in die „Risa“-Plastiktüte, die dort herumlag, und verspeiste flink eine Handvoll kalter Fritten. Die Tüpfelhyänen, deren Gehege an das Terrain des Tiergartens grenzt, näherten sich mir, als ich mich ihnen näherte. Sie hoben witternd die Schnauzen, schauten neugierig (oder einfach nur gierig?) und aus jedem ihrer grinsenden Mäuler hing eine rosa Zunge. Lachen die mich an oder aus, fragte ich mich. Erwarten sie, dass ich ihnen Fressen zuwerfe oder halten sie mich für fressbar, zumindest potenziell?

Irgendwann brauchte ich eine Toilette. Aber Schleusenkrug und Tiergarten-Quelle waren ordnungsgemäß geschlossen, und so blieb mir nur übrig, ein Gebüsch aufzusuchen; das, sagten mir meine Nase und meine Augen, hatten schon viele getan.

Immerhin, eine echte Sensation gab es am Ende auch: Auf einem großen Stein, einem Findling, der direkt am Hauptweg liegt, saß eng umschlungen ein jugendliches Paar und küsste sich, so intensiv und selbstvergessen wie es nur ganz frisch Verliebte tun. Die meisten, die vorbeikamen, blieben kurz stehen, starrten das Liebespaar ungläubig an und trollten sich wieder. Doch einer zückte sein Smartphon und schoss, verbotenerweise, ein Foto, vielleicht, um sich zu Hause davon überzeugen zu können, dass das, was er gesehen hatte, keine Halluzination gewesen war.

Katja Lange-Müller wurde 1951 in Berlin geboren. Sie lernte Schriftsetzerin, arbeitete als Bildredakteurin, Requisiteurin und Hilfsschwester in der Psychiatrie, bevor sie ab 1979 literarisches Schreiben studierte. Ihr seit 1986 erscheinendes Werk wurde mit zahlreichen renommierten Preisen bedacht, zuletzt erschien der Roman „Drehtür“ (2016). Katja Lange-Müller ist Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, des P.E.N. und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.