Berlin - Was motiviert Menschen (und Tiere), mit anderen zu fühlen und zu handeln? Gibt es eine biologische „Hardware“ für das subjektive Phänomen der Empathie? Ja, denn Spiegelneuronen sind diese Hardware. Oder zumindest ein Teil davon. Sie werden aktiv, wenn wir nur beobachten, dass ein anderer eine Tätigkeit vollführt oder Emotionen zeigt. Dann feuern sie genau dort, wo unser Hirn auch aktiviert wird, wenn wir selber handeln, nur in etwas abgeschwächter Form.

Zum ersten Mal beobachteten italienische Forscher dieses Phänomen. Eigentlich wollten sie nur untersuchen, was sich im Gehirn eines Affen abspielt, der mit der Hand Futter aufnimmt. Plötzlich sah ein Wissenschaftler, als er selbst nach einer Rosine griff, dass Neuronen im Hirn des untersuchten Makaken aktiv wurden. Alle möglichen Fehlerquellen und Varianten testete man aus. Die Forscher stellten das Futter hinter eine Sichtblende, so dass der Affe nur ihre Handbewegungen sehen konnte. Sie verwendeten andere Objekte statt Futter. Manchmal konnten die Affen nur hören, wie Nüsse geknackt wurden – immer wurden Neuronen aktiv.

Bei diesen Affen handelte es sich um Makaken. Das ist eine Primatengattung, zu der unter anderem Berberaffen, Rhesusaffen und Meerkatzen gehören. Sie leben in großen sozialen Verbänden und kennen ihre Verwandten, manchmal bis hin zum Urenkel. Meerkatzen-Omas helfen bei der Aufzucht der Enkel; um ein verwaistes Kind kümmern sich oft die Geschwister. Überhaupt sind Kinder allseits beliebt – sobald eine Mutter ein Kind hat, kommen andere herbei, um es zu berühren. Wie das Forscherteam Cheney und Seyfarth herausfand, kennen viele Affen nicht nur die eigene Familie und ihre eigene Rangbeziehung zu anderen, sondern auch die Verwandtschaftslinien der anderen und deren Verhältnis zueinander. Oft verstehen sie sogar Alarmrufe anderer Tierarten.

Kurzum: Makaken sind sozial lebende, intelligente Tiere. Sie bewohnen Gebiete von vielen Hektar – in Freiheit. In wissenschaftlichen Laboren landen sie natürlich nicht freiwillig. Zunächst müssen sie „lernen“, in einem Affenstuhl zu sitzen. Wie ein typischer neurobiologischer Versuchsaufbau aussieht, kennt man von den Anti-Tierversuchs-Aufklebern der 1980er-Jahre. Heute sieht es noch genauso aus, überall auf der Welt. „Grundlagenforschung“. Um die Hirnströme zu messen, wird den Tieren ein Loch in den Schädel gebohrt und darüber eine Kammer montiert. Elektroden werden in das Gehirn geführt. Ein Metallbolzen wird auf den Schädelknochen geschraubt und der Kopf des Affen mit Hilfe dieses Bolzens angeschraubt. Damit die Tiere kooperieren, lässt man sie dursten und belohnt sie für jede vollbrachte Aufgabe mit einigen Tropfen Saft. Die Elektroden selbst verursachen keine Schmerzen. Doch der Druck der Bolzen, das Fixieren, der Durst, die Isolation, die Narkosen, die Operationswunden – das ist Qual.

Von 1959 bis 1985 schickten die USA Affen ins All. Googeln Sie doch einmal: „Rhesusaffe Sam“. Das Foto zeigt Sam in bizarrer Rüstung. Die Arme sind frei, aus der Mitte des Kopfteils schaut ein Gesicht heraus. In einer Geste zwischen Resignation und Unglauben greift sich das Tier dahin, wo seine Schläfe sein müsste – und trifft auf Fiberglas. Woher ich weiß, dass das Tier resigniert war? Spiegelneuronen! Ich sehe seine Miene, ich sehe die Geste, meine Spiegelneuronen flüstern mir: Dieses Tier ist nicht glücklich.

Ja, Menschen machen so allerlei mit Affen. Das meiste davon ist außerordentlich grausam. Aber an Laboraffen zu erforschen, wie Empathie funktioniert, ist nicht nur grausam – es ist im wahrsten Sinne des Wortes pervers. Verdreht. Verrückt. Ein in Gefangenschaft lebendes, mehrfach operiertes, leidendes, sozial depriviertes Tier wird in einen Stuhl gezwungen, und die Forschergemeinde, die Öffentlichkeit, die Sachbuchautoren und Leser von Wissenschaftsmagazinen freuen sich: Es gibt Empathie! – Gibt es sie wirklich? Oder werfen Spiegelneuronen nicht vielmehr so viele Fragen auf, wie sie beantworten: Wenn Empathie biologisch in uns verankert ist – was blockiert dann die Empathie des Forschers mit dem Tier?