Möglicherweise bin ich die einzige Person, die Kaninchen nicht süß findet. Wie sie beim Mümmeln ihre Nasen kräuseln, und dass sie bei Bedarf so lange Beine aus dem Fell strecken können, wirkt auf mich eher befremdlich.

Aber wie sich die Dinge halt entwickeln ... Birgit Vanderbeke hat in einem autobiografisch gefärbten Roman übers Kinderkriegen mal geschrieben, sie hätte gerade „ein bisschen Kraft übrig gehabt“. So war’s bei mir auch. Platz hatte ich auch noch übrig. Ich befragte etliche kaninchenerfahrene Freunde. VOR der Entscheidung rieten mir alle zu, Kaninchen seien recht unkompliziert, jedenfalls im Vergleich zu Hühnern und Schafen.

Kurz und gut, irgendwann war im Internet so ein Hilferuf, dass fünf Kaninchen vorm Schlachten gerettet werden sollten, zwei davon Zwergkaninchen mit Flauschefell und Kulleraugen. Mein Gott, wenn die nicht süß sind, dachte ich, meldete mich ... und habe jetzt die drei anderen, nämlich drei sehr große Kaninchen. Die Zwergkaninchen wollten natürlich alle retten. Die Riesenkaninchen werden von meiner Mutter „deine Ponys“ genannt. Manchmal sagt sie auch noch gemeinere Sachen.

Erdhaufen zum Buddeln

Kaum hatte ich zugesagt, fielen meinen bis dato frohgemuten Freunden Probleme ein: dass ich alle drei sofort kastrieren müsse; wie schwer sie zu vergesellschaften seien; dass eins ihrer Kaninchen bei Kämpfen ein Auge verloren habe; dass ich die Zähne kontrollieren müsse; die artgerechte Fütterung sei recht ausgetüftelt; Erdhaufen zum Buddeln aus soundsoner Erde müssten angelegt werden, sonst ... Eine Freundin reiste an, um in vielstündiger Arbeit Quarantänekäfige zu zimmern für die Zeit, bis die Hormone nachlassen.

Und jetzt sitzen die drei, die zum Aufessen gedacht waren, in diesen Übergangskäfigen, die zweieinhalb Mal so groß sind wie ihre vorigen erbärmlichen „Buchten“, und ich denke darüber nach, was für ein Leben ich ihnen später bieten kann, und bin etwas beschämt. Klar, eigentlich wollte ich sie „retten“; aber was haben wir Menschen eigentlich immer mit dieser Liebe zu Tierchen hinter Gittern?

Genau wie in der Eierproduktion und Schweinemast ist bei Kaninchen viel von „artgerechter Haltung“ die Rede, bloß ist sie nie annähernd artgerecht. Artgerecht wären gewachsene Großgruppen. Weil wir die unterbinden, müssen wir erst mal alle Kaninchen kastrieren, damit ihr Charakter zu der von uns aufgedrängten Lebensform passt.

Normalerweise würden sie sich Kräuter, Rinden und Gräser suchen, aber weil wir auch das nicht zulassen, folgen wir komplizierten Fütterungsempfehlungen (viel Heu! Grünzeug sorgsam übern Tag verteilen.) Artgerecht wäre es, wenn sich die Kaninchen selber Höhlen buddeln könnten, die im Sommer schön kühl und im Winter warm sind. Wollen wir auch nicht, also zimmern wir Häuschen und laden aus dem Internet Bauanleitungen für Kälteschutz runter.

Es ist verrückt, wie wir Menschen eine nahezu perfekt funktionierende Lebensweise zuerst verhindern und dann aufwendig an Ersatz und Problembehebung basteln. Wir möchten das Leben handhabbar und für uns greif- und bekuschelbar, hinter Gittern und in Boxen.

Die verrücktesten Tiere

Kaninchen sind das beste Beispiel dafür, dass man andere „süß“ finden und sogar lieben kann – und dies doch keine Gewähr dafür ist, dass man sie auch anständig behandelt. Sie erinnern einen auch daran, dass Menschen Tiere einmal „süß“ finden können – trotzdem landen sie oder ihre Artgenossen im Ofen. Wieder anderen Artgenossen reißen wir das Angora runter oder spritzen ihnen Gift ins Auge. Wir finden Kaninchen „süß“ – und lecker und praktisch! Das reden wir uns alles ganz fein zurecht, kein Problem.

Wir Menschen sind die verrücktesten Tiere, echt jetzt. Immerhin sind wir auch lernfähig. Langsam komme ich den Eigenarten der drei auf die Schliche (Lasse mag keinen Sellerie. Bosse ist absolut stubenrein. Wenn Ole aufgeregt ist, hoppelt er mit der Karotte einmal ums Häuschen, um sie dann doch am Fütterungsplatz zu verzehren.) Ich finde wirklich nicht, dass Kaninchenhaltung eine gute Idee ist, auf egal wie viel Fläche. Aber Lasse, Bosse, Ole, ich werde mich bemühen, dass Ihr nach der Zeit in diesen „Buchten“ noch Gelegenheit zu Kaninchenleben habt, so gut es geht.