Meinung: Kirche beleidigt Theater

Berlin - Ein großes, sanftes, ebenmäßiges Männergesicht blickt über die Bühne. Es hat alles-sehende Augen. Von jeder Position aus trifft der Blick den Betrachter. Man könnte dazu verleitet werden, Jesus darin zu erkennen. Doch halt! Außer dem Bart, der Ruhe und eben diesen Augen, gibt es nichts, was ihn als Sohn Gottes ausweist. Genauso gut könnte es das Gesicht eines Jünglings aus dem 15. Jahrhundert sein, der auf den Maler Antonello da Messina traf und Geld und Einfluss genug hatte, sich so malen zu lassen.

Das Bild, das die Bühne des Hau beherrscht und schon im Vorfeld Anlass zu schäumenden Kirchenprotesten gab, kann alles sein und nichts. Denn Romeo Castellucci hat in seiner Inszenierung „Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn“ alle direkten religiösen Insignien fortgelassen. Übrig blieb das nackte Gesicht, das den Blick auf den Betrachter zurückwirft: auf alles also, was dessen Sehen formt, schärft, verblendet. Das ist die Herausforderung dieses Abends.

Im Grunde wäre es erste Pflicht der katholischen Würdenträger dieser Stadt, diese im tiefsten Sinne christliche Performance zu besuchen. Selten gibt im Theater bessere Anregungen, sich auf die Suche nach dem zu machen, was Jesus sein könnte. Leider zog es der Berliner Erzbischof vor, via Boulevardpresse seinen radikalen Protest zu verkünden, noch bevor das Gastspiel begann. Was Menschen heilig sei, so Kardinal Woelki, ziehe das Stück um der billigen Provokation willen „durch den Dreck“. Mit dieser substanzlosen Vorverurteilung bewies die katholische Amtskirche einmal mehr, dass sie sich komplett aus dem kulturellen und intellektuellen Leben verabschiedet hat.

Dabei stammt die hochinteressante Inversion des Blicks, die Castellucci vorführt, von einem der wichtigsten Kirchenväter selbst. Nikolaus von Kues, hat sie vor mehr als 550 Jahren wunderbar ausgeführt: Nicht Christus sehe man an, wenn man ein Bild von ihm betrachte, sondern sich selbst und seine Vorstellungen. Castellucci bringt zwei von ihnen auf den Punkt: die eines Sohnes, der hingebungsvoll seinen kranken Vater pflegt, wovon ihn auch dessen nicht enden wollende Durchfallattacken nicht abbringen − bald schwimmt die Bühne in Kot. Verzweifelt schmiegt er sich an das Bild hinter sich, das für ihn nur der „Erlöser“ sein kann. Die andere ist die sorglos einschlendernder Kinder. Als sie den großen, fremden Kopf bemerken, der plötzlich tatsächlich nur noch wie eine Maske erscheint, bewerfen sie ihn mit kleinen Handgranaten.

Was sieht man, wenn man sieht? Und wer oder was ist er „Salvator mundi“? Das sind die sehr grundsätzlichen, keineswegs dummen Fragen, die diese Performance vor Augen führt. Ihre schlichte Bildersprache ist so wenig schockierend wie beleidigend. Das Kirchentheater drumherum ist es schon.