Studenten in München, 1968
Foto: imago images/United Archives International

BerlinAuf dem viel zu schnell auf den Haufen der saisonalen Neuerscheinungen abgeschobenen Album „Rough and Rowdy Ways“ von Bob Dylan gibt es das im Rhythmus eines Stoptime-Blues vorgetragene Stück „False Prophet“. Er sei kein falscher Prophet, lässt Dylan darin sein lyrisches Ich singen: „I just know, what I know“ („Ich weiß eben, was ich weiß“).

Fast, möchte man meinen, reiht sich der Meister der andeutungsreichen Verschlüsselung hier ein in eine nicht selten zum Ausdruck kommende, resignative Sprecherhaltung, der zufolge jede weitere Erörterung vergeblich ist. Das Wissen der Welt steht nicht mehr bereit, abgerufen zu werden, sondern scheint nur noch ein lästiger Restposten zu sein, der gelegentlich ungefragt zur Sprache kommt, dann aber umso heftiger.

In dem Pflegeheim, in dem ich meine Mutter bis zu ihrem Tod im Alter von 99 Jahren besucht habe, traf ich über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren beinahe täglich auf das unerschöpfliche Reservoir nicht mehr nachgefragten Wissens, das weder einfach zu entlocken noch zu entschlüsseln war. Eine Tischnachbarin meiner Mutter war eine Künstlerin und Dichterin, die manchmal mit ihr durch die Flure streifte und ihr die Schönheit eines einfachen Wasserturmes nahe brachte, der sich ganz in der Nähe des Wohnheimes befand und auf der Wohnetage auf einem Foto abgebildet war. Angesichts der klaren und geradlinigen Formen des Backsteingebäudes geriet die Dichterin ins Schwärmen, und meine Mutter hörte ihr andächtig zu, als gelte es, der fortschreitenden Demenz mit einem blitzgescheiten Gedanken ein Schnippchen zu schlagen.

Die Idee der Gegenöffentlichkeit

Allerdings war meine Mutter nicht immer so aufnahmebereit. Manchmal wurde ihr einfach alles zu viel. Aber wenn ich beschwichtigend eingreifen wollte, winkte sie ungeduldig ab. Es war nicht die Zeit für falsche Propheten: „I just know, what I know.“

An Szenen wie diese muss ich denken, wenn ich mit der immer häufiger zu hörenden Einschätzung konfrontiert werde, dass wir, die Leute aus den Medien, nicht die ganze Wahrheit sagen, sie verschweigen, verdrehen oder noch unfreundlicher: lügen. Der dahinterstehende Gedanke ist mir nicht fremd. In den 70er-Jahren wurde ich politisch sozialisiert mit der Überzeugung, dass die bürgerlichen Medien ein nur unvollständiges Bild der sozialen Wirklichkeit zeichnen. Einer der stärksten und letztlich erfolgreichen Impulse, die aus der sogenannten 68er-Bewegung hervorgingen, war die Idee von der Herstellung einer Gegenöffentlichkeit, in der einer ganz anderen Wirklichkeit Rechnung getragen werden müsse. Das Schlüsselwerk für diese Form von Gegenöffentlichkeit lieferten Oskar Negt und Alexander Kluge mit ihrem assoziativen Potpourri „Öffentlichkeit und Erfahrung“, den sie später mit dem anspielungsreich gestalteten und im Zweitausendeins-Verlag erschienenen Band „Geschichte und Eigensinn“ fortsetzten und vertieften.

Die intellektuell herausfordernde Pointe dieser überaus anspruchsvollen theoretischen Anstrengung bestand in seiner nichtlinearen Anordnung. Negt/Kluge lieferten einen Soundmix aus klugen Gedanken, Abschweifungen und Splittern, die man aufheben konnte. Zwecklos indes die Versuche, es zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen. Kann schon sein, dass ich das alles völlig falsch verstanden habe. Die Arbeiten von Negt und Kluge stützten sich natürlich auf die großen Meisterdenker: Marx, Hegel, you name it.

Bei mir und den meisten meiner Generation aber kam es als Aufforderung an, das herauszugreifen, was man zur Vervollständigung seiner sozialen Wahrheit benötigt. Das Soziale dominierte zu dieser Zeit zweifellos die erst am Beginn seiner Entfesslung stehende Kategorie des Individuellen. Wie auch immer sich Negt, Kluge und all die anderen die Sache mit der Gegenöffentlichkeit gedacht haben mögen: Aus ihr ging zunächst das Nachrichtenblatt ID hervor, der Informationsdienst für unterbliebene Nachrichten, und daraus entstanden neben der Tageszeitung taz viele linke Buchläden, freie Radios, Jugendzentren und Clubs.

Es gibt vieles und anderes zu berichten

Der Nachsatz zum Namen birgt übrigens ein Missverständnis. Viele derer, die sich heute an den ID erinnern, sprechen von „unterdrückten Nachrichten“, obwohl die Initiatoren des ID nicht davon ausgingen, dass es so etwas wie eine Meinungsdiktatur gebe. Die Formulierung „unterbliebene Nachrichten“ kennzeichnete vielmehr das Verständnis von einer unerschöpflichen Informationsvielfalt, in der viele wichtige Nachrichten aus bestimmten sozialen Bereichen nicht durchdringen, weil es ihnen an einer gesellschaftlichen Lobby mangelt. Das immer wieder herbeizitierte Beispiel für die Bedeutung und Dringlichkeit des ID etwa war die Situation inhaftierter Menschen, die in den Vollzugsanstalten buchstäblich vergessen wurden.

Wie auch immer man es rekonstruieren und erzählen mag, ging es letztlich nicht darum, verborgene Wahrheiten ans Tageslicht zu hieven, sondern einen neuen Modus kreativer Wertschöpfung zu ermöglichen. Es gibt vieles und anderes zu berichten. „Die Klugen“, schreibt der Philosoph Martin Seel in diesem Sinne, „zeichnen sich dadurch aus, dass sie bereit sind, aus ihrer Erfahrung zu lernen – und dabei zu beherzigen, dass diese Art des Lernens kein Ende nimmt.“

Im Kontext der öffentlichen Debatten, in denen immer häufiger fest verknotete Weltbilder aufeinanderprallen, scheint die Bereitschaft für ein solches Lernen verloren gegangen zu sein. Bei den Teilnehmern der Demonstrationen gegen die Coronabeschränkungen mangelt es mitunter nicht an der Begabung, das jeweilige Anliegen eloquent zum Ausdruck zu bringen. Aus der Kakophonie der Meinungen aber erwächst kein gesellschaftliches Ziel, wenn man einmal die verbitterten Träumer einer Rebellion von rechts ausklammert, die denn auch auf sehr unangenehme Weise auf einen Aufstand der Zuspätgekommenen und Alten hinausliefe. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob aus den aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart so etwas wie die Kraft des Nörgelns hervorzugehen vermag, als die der Schriftsteller Thomas Kapielski einmal jene unterschätzte soziale Energie bezeichnet hat, die im wild-mauligen Schwadronieren mitgeschleppt wird, ohne produktiv gemacht zu werden.

Vieles von dem, was derzeit unter den Stichworten Debatte, Meinungsfreiheit, aber auch Tabu, Sprechverbot und Meinungskorridor verhandelt wird, erscheint mir wie das Abwinken meiner Mutter im Moment des Schwindens ihrer Aufmerksamkeit. Manchmal sagte sie dann: „Recht haste, aber schweigen musste.“ Aber selbst im Zustand ihrer fortschreitenden Demenz habe ich das Leuchten in ihren Augen gesehen, wenn ein Gedanke ihr Bewusstsein erreichte und erfreute. Bob Dylan übrigens schottet sich in seinem Alterswerk keineswegs knurrig ab. Geradezu kraftvoll bilanzierend, vielleicht auch ein wenig erschöpft, singt er: „Ich öffnete mein Herz für die Welt, und die Welt marschierte herein.“ Die Einladung, einfach hereinzuspazieren, scheint derzeit von kaum einer gesellschaftlichen Gruppe auszugehen.