Peter Zierler (Hanno Koffler) ist Mitarbeiter des Waffenherstellers HSW. Als ausgezeichneter Schütze führt er Kunden das Sturmgewehr der Firma vor.
Foto:  SWR/Diwa-Film

BerlinEinen ARD-Themenabend, der den Bundestag und die Justiz beschäftigt, das Publikum mitnimmt und mit dem Grimmepreis ausgezeichnet wird, den gibt es nicht oft. Daniel Harrich hatte 2015 sowohl den Polit-Thriller „Meister des Todes“ in Szene gesetzt, als auch mit der Dokumentation „Tödliche Exporte“ die Basis gelegt. Film und Reportage stellten bloß, wie ein deutscher Waffenproduzent, der in der Fiktion HSW, in der Realität „Heckler & Koch“ heißt, trickreich deutsche Exportbestimmungen umging, um Sturmgewehre nach Mexiko zu liefern. Dort setzte die Polizei die G36 unter anderem ein, um aufständische Studenten zu erschießen. 

Manches wirkt wie wüst erdacht. Ist es aber nicht.

Die Fortsetzung widmet sich nun der juristischen Aufarbeitung, die im vorigen Jahr vorerst abgeschlossen wurde. Und was Doku und Film diesmal aufzeigen,ist eigentlich noch beklemmender als die früheren Mauscheleien um fehlende „Endverbleibserklärungen“ für Sturmgewehre in Krisenregionen. Manche Zusammenhänge würde man normalerweise der blühenden Fantasie von Drehbuchautoren zuschreiben – doch die Doku belegt, wie eng sich der Film an das reale Geschehen hält. So gab es tatsächlich einen pensionierten Landgerichtspräsidenten, der sein Insiderwissen nutzte, um erst als „Behördenbeauftragter“, dann als Geschäftsführer für Heckler&Koch zu arbeiten. Axel Milberg spielt eine Figur, die blitzschnell zwischen geheuchelter Fürsorge und Angriff umschalten kann.

Wie aggressiv sein Vorbild gegenüber Nachfragen auftrat, zeigt die Doku. Ebenso unglaublich, dass eine namhafte Beraterfirma im Auftrag des Waffenproduzenten die Verstöße „ermittelte“,aber ihr Wissen nur sehr dosiert an die Behörden weiterreichte – so fehlten 15.000 interne Mails. Und dass zum Schluss nur die Sekretärin und ein Vertriebsmitarbeiter verurteilt wurden, die Geschäftsführer aber freigesprochen wurde, ist ebenso empörend. Barbara Philipp in der Rolle der Sekretärin schreit die verständliche Wut heraus. Die Interviews in der Dokumentation, unter anderem mit Sigmar Gabriel, damals Bundeswirtschaftsminister, mit Jan van Aken, als Bundestagsabgeordneter der Linken Beobachter des Stuttgarter Prozesses und mit Arnold Wallraff, einstiger Präsident des Bundesausfuhramtes, zeigen die politische Relevanz auf.

Veronica Ferres als Frau eines Waffenhändlers

Pure Erfindung ist eigentlich nur die Hauptfigur des Spielfilms:Veronica Ferres spielt wie schon vor fünf Jahren Sabine Stengele, die Frau eines verantwortlichen Waffenexporteurs (Heiner Lauterbach),die sich fragen muss, warum ihr Gatte vor Gericht steht. Just am Tag, bevor sich der Mann zu einer Aussage entschließt, stirbt er an einer Herzattacke – und Sabine geht zusammen mit einer Menschenrechtsanwältin (Katharina Wackernagel) auf eine abenteuerliche Reise nach Mexiko, um den Spuren ihres Mannes zu folgen. Veronica Ferres nutzt nicht zum ersten Mal ihre Popularität und ihren Namen, um ein hartes politisches Thema zu unterstützen. Ihre Sabine ist alles andere als eine unerschrockene Kämpferin, sondern eine oft derangierte Frau, die sich nicht nur mit ihrer Alkoholsucht, sondern mit ihren eigenen Lebenslügen auseinandersetzen muss.

Ist diese Ehe noch zu retten? Alex (Heiner Lauterbach) versucht mit der Verzweiflung seiner Frau Sabine (Veronica Ferres) umzugehen.
Foto: SWR/Diwa-Film

Daniel Harrich (Regie) schneidet die Bilder aus Mexiko sehr hart an die deutschen Szenen und setzt sie auch optisch stark voneinander ab: Warm und flirrend die Aufnahmen aus Mexiko,kalt und statisch die deutschen. Um ein möglichst großes Publikum zu gewinnen, verzichtet der Film auf jegliche Sprachbarrieren – Mexikaner und Deutsche reden stets fließend miteinander. Doch hier unterschätzt der Film sein Publikum auf Kosten der Glaubwürdigkeit.So wirken die mexikanischen Dramen in der Reportage eindringlicher als im Spielfilm: Die Angehörigen eines Studenten, der nach Schüssen durch die Polizei ins Koma gefallen war, pflegen ihn auch nach fünf Jahren, obwohl es keine Chance gibt, dass er je wieder aufwacht. Der Bruder war eigens zum Prozess nach Stuttgart gereist – doch die Richterin (Desiree Nosbusch) duldet keine politischen Bekundungen im Saal.

Die Politik muss strenger kontrollieren. Sagt die Politik.

Sowohl der Film als auch die Dokumentation enden bitter. Wie ein anderer deutscher Waffenproduzent in die Lücke von Heckler & Koch stieß, das wird nicht nur den Reporter Daniel Harrich noch weiter beschäftigen. Bundestagsabgeordnete von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Linken und sogar der FDP bestätigten ihm nach einer Online-Voransicht, seine Filme zeigten, dass der deutsche Rüstungsexport strenger kontrolliert werden müsse. ARD-Themenabend Waffenhandel Meister des Todes 2 (Spielfilm), 20.15 Uhr, Tödliche Exporte: Rüstungsmanager vor Gericht (Dokumentation), 21.45 Uhr  45 Uhr  45 UhrBundestagsabgeordnete von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Linken und sogar der FDP bestätigten ihm nach einer Online-Voransicht, seine Filme zeigten, dass der deutsche Rüstungsexport strenger kontrolliert werden müsse.

Themenabend Waffenhandel "Meister des Todes 2" (Spielfilm), 20.15 Uhr, "Tödliche Exporte: Rüstungsmanager vor Gericht" (Dokumentation), 21.45 Uhr, 1.4., ARD