Meisterhäuser von Gropius und Moholy-Nagy: Irritation gegen das Vergessen

Was für eine Geste der sozialen Abgrenzung: Eine schier endlos lange weiße Mauer umgab den Garten von Bauhausdirektor Walter Gropius in Dessau. Die Tür zum Wohnhaus versteckte sich geradezu. Man war durchaus elitär im Kreis der Bauhaus-Lehrer. Andererseits sollte das Bauhaus für eine von allem Ballast befreite Ästhetik werben. Dafür war Öffentlichkeit notwendig. Und so sind die Vorgärten zur Straße hin nur Rasenflächen, von niedrigen Gasrohrgestängen umgeben und mit ein paar Bäumen darauf. Aus dieser Sicht verkörperten das Direktorenhaus und die ebenfalls 1926 von Gropius entworfenen „Meisterhäuser“ für Muche, Schlemmer, Klee, Kandinsky, Moholy-Nagy und Feininger die höchst fotogene Revolution des Lebens.

Gebaute Revolution

Wer nach Dessau fährt, kann die Erinnerung an diese Revolution erspüren, deren Bauten seit 1996 auf der Liste des Welterbes stehen. Jetzt mehr denn je. Am Freitag nämlich weihte Bundespräsident Joachim Gauck den letzten Abschnitt der Rückgewinnung des Meisterhaus-Ensembles ein, die um 1990 begonnen hat: Nach den Plänen des Berliner Architektenbüros Bruno Fioretti Marquez entstanden an der Stelle des 1945 durch Bomben zerstörten Gropius- und des Moholy-Nagy-Hauses neue Gebäude.

Auf den ersten, fernen Blick sehen sie fast so aus wie ihre Vorgänger. Erst beim Näherkommen bemerkt man die glatten Betonwände, die bündig in diese eingelassenen, mattierten Glasscheiben anstelle der Fenster, das Fehlen all jener Details wie der Brüstungsrelings, die die benachbarten, restaurierten Meisterhäuser wieder so küstenfrisch erscheinen lassen.

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erzählte der Künstler Olaf Nicolai, der in den beiden Neubauten Weiß in Weiß schimmernde Putzarbeiten anbrachte, dass die Meisterhäuser in den 1980ern kaum noch erkennbar waren. Schon direkt nach der Schließung des Bauhauses in Dessau 1932 erhielten die Ateliers im Auftrag der Nazis statt der Glaswände „deutsche“ Fensterlöcher. Auch später wurde geflickt, angebaut, umgebaut. Die Farben, die klaren Formen verschwanden, realsozialistische Selbstmach-Kultur herrschte. Und auf dem Keller des Direktorenhauses entstand in den 1950ern ein treudeutsches Satteldachhaus – auch so demonstrierte die DDR ihre damalige Ablehnung des als „formalistisch“ diffamierten Bauhaus-Erbes.

Erst nach 1990 begann die Restaurierung der noch erhaltenen Meisterhäuser. Als sie beendet war, kam der Wunsch auf, nun das Ensemble zu vervollständigen. Die Stadt Dessau drängte auf einen Nachbau der Häuser von Gropius und Moholy-Nagy, die Stiftung Bauhaus wollte hier ein Besucherzentrum. Ein erster Wettbewerb kam, die ausgewählten Architekten scheiterten an der Überfrachtung des Programms. Ein neuer Wettbewerb wurde 2009 ausgeschrieben, mit ungewöhnlichen Forderungen. Donatella Fioretti erinnert sich, dass es das erste Mal war, dass sie nicht nach fertigen Zeichnungen, sondern nach einer „Haltung“ gefragt worden sei. Eng arbeiteten die Architekten mit dem damaligen Direktor der Stiftung Philipp Oswalt und der Landeskonservatorin Ulrike Wendland zusammen. Mutig warfen sie heilige Sätze der Denkmalpflege über Bord, vor allem den, dass die Geschichte am Bau ablesbar bleiben muss. Das Siedlerhaus fiel für die größere Idee.

Und so wurde nicht nur das Äußere des Entwurfs von 1926 hochabstrakt nachgezeichnet, sondern auch im Inneren nur vermittelt an die einstigen Wohnräume erinnert. Hier fehlt eine Wand und dort eine Decke aus den alten Plänen. Als dieser Entwurf öffentlich wurde, war auch in dieser Zeitung zu lesen: interessant, aber zu intellektuell. Kann man nicht einfach das Haus aus den 1950ern und damit die Geschichte bewahren, oder eben das verlorene Alte fensterknopfpräzis nachbauen?

Wie gut, dass die Architekten und ihre Bauherren das Wagnis eingingen. Es entstand etwas ganz Eigenes. Nicht der Kontrast zwischen Alt und Neu, auch nicht das intellektuell vergleichbar simple Nachbauen von Fassaden wie bei den „Schlössern“ in Braunschweig, Hannover, Potsdam oder Berlin, sondern ein dritter Weg. In die einst engen Meisterhäuser wurden Räume mit grandiosen Proportionen eingefügt. Sanft schimmert das Licht durch die mal mehr, mal weniger transparenten Scheiben. Keine Kante ist zu viel, kein überflüssiges Dekor. Man hatte aber auch keine Angst vor Pathos, wenn etwa Bücherregale in Beton gegossen wurden. Und nicht einmal auf den Bauhaus-Fotos erscheint das Direktorenhaus so skulptural-kernig wie nun in seinem Nachbau.

Wo das Bauhaus radikal rational zu sein behauptete, wird nun auf Klang und Gefühl vertraut. Diese Architektur will ergangen sein, genau wie sich die Weiß-in-weiß-Arbeit von Olaf Nicolai nur mit der Zeit erschließt. Und damit sind wir beim großen Problem dieses Projekts: Der Nachbau des Gropius-Hauses ist als Besucherzentrum gedacht. Aber kann, will, wer nur Tickets oder eine Postkarte braucht, seine Subtilität erfassen? Sehen sie für den schnellen Besucher nicht schlichtweg aus wie halbfertige Modelle? Wo sind die Fensterrahmen, war schon vor der Eröffnung zu hören.

Der Skandal kocht weiter

Die neuen Meisterhäuser verlangen Entschleunigung. Die Architekten haben offenkundig gelernt von der ästhetisch vergleichbar abstrakten Ergänzung des Berliner Naturkundemuseums durch Roger Diener oder dem Wiederaufbau des Neuen Museums durch das Büro David Chipperfield – den der hervorragend vernetzte Oswalt als Juror gewonnen hatte. Auch das zeigt, welcher Verlust dem Bauhaus mit seiner faktischen Entlassung durch den sachsen-anhaltinischen Kultusminister Stefan Dorgerloh 2013 entstanden ist. Der wurde übrigens bei der Eröffnung ausgebuht, und Oswalt hat in der jüngsten Die Zeit die ministerielle Machtallüre angeklagt.
Sicher, Oswalt ist kein leichter Mann, aber er hat das Bauhaus eben auch intellektuell aufgebrochen. Sein wichtigstes Erbe passt dazu: Bruno Fioretti Marquez haben eine Architektur der andauernden Irritation geschaffen.