Es ist ein so schmales wie beeindruckendes Œuvre, das Lucrecia Martels Status als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Gegenwartskinos begründet. Gerade einmal vier Spielfilme in sechzehn Jahren hat die 1966 im argentinischen Salta geborene Regisseurin gedreht: „La Ciénaga“ (Morast), „La niña santa“ (Das heilige Mädchen) und „La mujer sin cabeza“ (Die Frau ohne Kopf). Die drei innerhalb von sieben Jahren (2001–2008) entstandenen Arbeiten bilden die nach ihrem Schauplatz benannte „Salta-Trilogie“.

Nach längerer Pause wurde dann im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig ihr neuestes Werk „Zama“ uraufgeführt. Vier höchst eigenständige Beiträge zur Filmgeschichte, die vielfach lesbar und endlos reizvoll im scheinbar Banalen die Komplexität der menschlichen Existenz zu erfassen suchen.

Fluchtpunkt der Sehnsüchte

Mit „Zama“ adaptiert Martel den gleichnamigen, 1956 erschienenen Romanerstling ihres Landsmannes Antonio Di Benedetto (1922–1986), zugleich dessen Hauptwerk; ein großer existenzialistischer Roman und eines der Meisterwerke der argentinischen Literatur.

Angesiedelt ist die Geschichte Ende des 18. Jahrhunderts in Asunción, Paraguay, in einem äußerst bescheidenen Außenposten der spanischen Kolonialverwaltung. Hier verrichtet Don Diego de Zama, ein niederer Beamter zwar, vor Ort aber immerhin die rechte Hand des jeweiligen Gouverneurs, seinen Dienst. Zama ist ein Americano, einer, der von den spanischen Eroberern zwar abstammt, doch bereits in den Kolonien geboren wurde. Das ferne Europa, die Heimat seiner Vorfahren, übt einen seltsamen Reiz auf ihn aus, als wäre es der Fluchtpunkt all seiner Sehnsüchte.

Warten auf einen Brief des Königs

Denn Zama wartet. Er wartet auf seinem ungeliebten Posten an diesem ungeliebten Flecken auf einen Brief des Königs von Spanien, der ihm die erhoffte Versetzung in eine aufregendere, kultiviertere Gegend und wenn möglich auch gleich noch eine Beförderung bringen soll. Zama will zu seiner Frau und seinen Kindern, die in der Heimat, irgendwo, auf ihn warten. Was er darüber hinaus noch will, scheint er vergessen zu haben. Zama kommt nicht vom Fleck. Seine Situation ist fragil, er ist angewiesen auf das Wohlwollen seiner Vorgesetzten, die seine Sache vorantreiben und Briefe zu seinem Gunsten an die Obrigkeit verfassen sollen.

Doch die Gouverneure kommen und gehen, und Zama bleibt und wartet und hofft. Kein Brief des Königs will sich einstellen. Und über das Hoffen und das Warten vergeht Zamas Leben. Er verliert Status und Habe und schließlich treibt er mit einer Söldnertruppe auf der Jagd nach einem berüchtigten, eigentlich totgesagten Banditen durchs paraguayische Grasland. Zama, diese Figur, die sich auch Samuel Beckett ausgedacht haben könnte, dringt vor in ein Conrad’sches Herz der Finsternis, das hier in Lateinamerika schlägt. Und wo sich seine Realität auflöst. In einen Transitionsrausch? Ein Sterbedelirium? Kommt Zama am Ende doch noch vom Fleck?

Malaise in Permanenz

Lucrecia Martel betritt mit „Zama“ in vielerlei Hinsicht Neuland: Es ist ihr erster Film, in dem nicht eine Frau, sondern ein Mann im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Es ist der erste Film, zu dem sie nicht selbst ein Originaldrehbuch schrieb, der erste, der nicht in ihrer Heimatprovinz Salta spielt und der erste, in dem sie einen historischen Stoff umsetzt. Wie gewohnt jedoch nimmt Martel auch hier die Sozial- und Machtstrukturen eines gesellschaftlichen Mikrokosmos in den Blick und schafft eine Art Anti-Historienfilm, in dem der erzwungene Ennui des tragischen Helden im kafkaesken Treiben der herrschenden Klasse seine Entsprechung findet. Denn so weitestgehend strukturlos Martels Filme auf den ersten Blick auch immer wirken mögen, es entsteht in ihnen das Porträt einer Malaise in Permanenz, in der alle einander gegenseitig dabei unterstützen, dass es so bleibt, wie es ist, obwohl genau das eigentlich keiner der Beteiligten mehr aushält.

Wie Zama, in dessen Verweigerung, das Hier und Jetzt seiner Existenz als seine Lebensgegenwart anzunehmen, sich ein schizophrenes Dasein spiegelt, ein Dasein, das seine historischen Wurzeln nicht anerkennt, das immer woanders sein will und das darüber sinnlos verrinnt.

Zama Argentinien 2017. Regie, Drehbuch: Lucrecia Martel, Kamera: Rui Poças, Musik: Los Índios Tabajaras, Darsteller: Daniel Giménez Cacho, Lola Dueñas, Matheus Nachtergaele u. a., 115 Minuten, Farbe.