Als „Überläufer“ werden jene Filme bezeichnet, die vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedreht, aber erst danach uraufgeführt wurden. Vor allem die sowjetischen Militärbehörden nutzten die Hinterlassenschaft des Goebbelschen Filmimperiums, um die in ihrer Zone tätige Verleihfirma Sovexportfilm mit Unterhaltungsproduktionen zu bestücken; als berühmtestes Beispiel gilt Géza von Bolvarys „Die Fledermaus“ (1945), von der Ufa begonnen, von der Defa vollendet.

Noch in den späten 1990er-Jahren legte das Bundesarchiv-Filmarchiv zwei frisch fertiggestellte „Überläufer“ vor: Wolfgang Staudtes Satire „Der Mann, dem man den Namen stahl“ und Harry Piels Actiondrama „Der Mann im Sattel“. Damit schien das Filmerbe des „Dritten Reiches“ ausgeschöpft. Doch die Filmgeschichte ist immer wieder für Überraschungen gut: So feierte jetzt der 1943/44 entstandene Terra-Film „Melusine“, siebzig Jahre verspätet, seine Welturaufführung im Berliner Zeughauskino.

"Melusine" wurde zurückgestellt

Gedreht wurde er von Hans Steinhoff, einem prominenten NS-Regisseur, der dem Regime seinen „Hitlerjunge Quex“ (1933) in die Wiege gelegt und mit „Ohm Krüger“ (1940) einen antibritischen Propagandafilm inszeniert hatte. Als Dank dafür wurde er mit einer eigenen Produktionsgruppe betraut, blieb aber fortan unter dem vom Propagandaministerium gewünschten Niveau; der Reichsfilmintendant attestierte ihm „langsam verdorrende Lorbeeren“. „Melusine“ wurde kurz vor Kriegsende von der NS-Zensur zurückgestellt: Vielleicht entdeckten die Prüfer darin zu viel tragische Verstrickungen, die sie dem vom Krieg ausgelaugten Publikum nicht zumuten wollten, wer weiß? Steinhoff starb am 20. April 1945 bei einem Flugzeugabsturz, der Film „Melusine“ verschwand.

Vor einiger Zeit aber biss sich der Filmhistoriker Horst Claus an Steinhoff fest, recherchierte dessen Biografie und setzte, gemeinsam mit dem Bundesfilmarchiv, alles daran, um einige Stummfilme des Regisseurs zu rekonstruieren. Von Claus’ Emphase angesteckt, gelang es Mitarbeitern des Archivs, in den 1945 nach Moskau ausgelagerten Beständen des Reichsfilmarchivs „Melusine“ ausfindig zu machen. Dass die Uraufführung am Sonntag ohne jedes Aufheben über die Bühne ging, ist schade: Zum Beispiel hätte die Schauspielerin Vera Tschechowa eingeladen werden können, spielt ihre berühmte Großmutter Olga doch eine Hauptrolle.

Trügerisches Refugium

„Melusine“ beginnt wie ein Krimi: Neben einem im Nebel verunglückten Auto finden sich Blutspuren und ein halbtoter Mann. Als der die Augen aufschlägt und seine Retterin erblickt, mutiert die Geschichte sogleich zum Liebesfilm. Später wird sie zum Melodram. Der rettende Engel, eine erfolgreiche Schriftstellerin (Olga Tschechowa), verzichtet auf den edlen Bergbauingenieur (Siegfried Breuer), weil der inzwischen ihre Tochter (Angelika Hauff) liebt. Eine Dreieckssaga aus dem Milieu des gehobenen Bürgertums, in dem oft von Schicksal die Rede ist und bei der sich hinter düster umwölkten Stirnen Gedanken zusammenbrauen, die noch für jedes Poesiealbum taugen: „Man soll der Erinnerung nicht nachhängen, denn sonst verliert man die Gegenwart, und nur die hat Wert.“

Von der Gegenwart des Krieges gibt es zwar im Film keinerlei Spurenelemente, in der Produktionsgeschichte aber schon. Steinhoff wollte die Außenaufnahmen am italienischen Mittelmeer drehen, doch die drohende Landung US-amerikanischer Truppen machte ihm einen Strich durch die Rechnung. So verlegte er sie an den Wolfgangsee, die Innenszenen inszenierte er im umgebauten Kursaal von Bad Ischl. Ein trügerisches Refugium mitten im großen Grauen.