Die Schriftstellerin Mely Kiyak
Foto: Jacqueline Illemann

„Frausein“ heißt das Buch von Mely Kiyak. Es könnte auch Menschsein heißen, oder Alikindsein, Autorinsein, Körpersein, Erstesein. Von all diesen Bestandteilen, aus denen sich ihre Identität zusammensetzt, erzählt Mely Kiyak in diesem berührenden autobiografischen Essay. Auf das Verb kommt es hier an. Erzählen. Das ist das, was sie tut. Sie erklärt nicht, „Frausein“ ist kein diskursiver Text, der schmale Band kein Thesenbuch, wie einen der Titel erwarten lassen könnte. Indem sie sich selbst erzählend erkundet, lässt Mely Kiyak einen verstehen.

„Eines morgens wachte ich auf und sah die Welt verschwinden“, lautet der erste Satz. Er klingt so poetisch. Aber dann begreift man, dass das keine Metapher ist, sondern es wirklich passiert. Dass es sich um einen medizinischen Notfall handelt, einen Augeninfarkt. Die Krankheit ist die Klammer, die den Blick zurück auf das eigene Leben zusammenhält. Ja es ist, als habe das Schwinden der Sehkraft diesen zarten Akt der Selbstvergewisserung ausgelöst. „An sich erzählt es sich leicht. Die Erinnerungen rollen wie Lawinen herab“, schreibt Mely Kiyak. Gefahr ist also schon dabei. So eine Lawine könnte einen ja auch unter sich begraben. Was aber hier erzählt wird, ist die Geschichte einer Selbstermächtigung, die Geschichte einer Emanzipation.

Mely Kiyak ist 44 Jahre alt, sie ist Autorin. Kolumnen für „Die Zeit“ schreibt sie, für das Gorki-Theater, einst auch für die Berliner Zeitung, sie schreibt Bücher. Aber: „Da wo ich herkam, ging man automatisch davon aus, dass die Verheißungen des Lebens für die anderen bestimmt sind.“ Mely Kiyak hilft einem heraus aus diesem weißen Mittelschichtseinerlei, das man selbst in Berlin kaum je verlässt. Sie macht einen bekannt mit ihrer kurdischen Familie, die Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Die Mutter war Putzfrau, der Vater arbeitete in der Fabrik. Dass Kultur etwas ist, bei dem sie mitmachen könnte, hat sie lange nicht gewusst. Wie auch, wenn es sowieso andere sind, die für die eigenen Leute sprechen? Günter Wallraff etwa, der sich als Türke Ali verkleidete und diesen „Ganz unten“ verortete.

Nachts mit der Cousine Namensspäße: Mustafa von Hohenzollern, Gülhabar von Sayn-Wittgenstein. Wer zuerst lacht, hat verloren. Aber da sind die Eltern, arbeitend im Vierschichtsystem, mit ihrem „trau dich“, „studiere“, „du musst die Welt verändern“, mit ihrer Überhöhung des Geistes und des Stifts, die Putzfrau als Referenzpunkt für alles. Vorbildlich, denkt man aus der Alman-Perspektive. „Irgendwer muss mit diesem Mistleben Schluss machen“, zitiert Mely Kiyak ihren Bruder. Wenn nur das Mistleben nicht so ein vertrautes Mistleben wäre. Mely Kiyak schreibt von der Bürde, die es bedeutet, dass man eine andere Frau werden, es einmal besser haben soll. „Aufstieg hört sich nach Auswandern an, ungemütlich. Als müsse man an einen Ort, an dem eine andere Sprache gesprochen wird.“ Das ist Identifikationsmaterial nicht nur für Alikinder, sondern für manche Arbeiterkinder, die es ans Gymnasium, an die Uni gebracht haben. Man schreibt das und hat dabei ein schlechtes Gewissen.

Denn Mely Kiyak möchte nicht als Vertreterin einer Gruppe wahrgenommen werden, sondern als einzelner Mensch, der sein Leben lebt, wie es kommt. Die dieses Einsortiertwerden empfindet, als würde sie unter einem Steinhaufen begraben werden. Entschuldigung, aber kann man dieses Buch anders lesen als eine besondere Art autobiografischer Literatur, in der die individuelle Erfahrung unvermeidlich auch das Gesellschaftliche, ja das Politische ausdrückt? Und auch wieder nicht, denn die Aufstiegsgeschichte Mely Kiyaks des fehlenden Habitus, fehlender Codes und Beziehungen zum Trotz ist keine Geschichte, die die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems belegt, die „gleichen Chancen für alle“. „Frausein“ ist auf keinen Fall ein Integrationsbuch. 

Mely Kiyak macht es einem leicht, sich auf die Ausgrabungsstätte ihres Lebens zu begeben. Sie findet  Erinnerungen, Anekdoten wie die herrliche von der Großmutter mütterlicherseits mit der Zunge eines Jagdbombers, sie beobachtet, setzt Szenen zusammen, sie  bekennt. Sie ist die Frau, die in einer Telefonzelle zusammengeschlagen wird, die Frau, die die Familie nach ihrem Eintritt in die Universität aus der Küche verbannt, die Frau, die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Es ist am Ende übrigens nicht die Karriere im Betrieb, die die Arme öffnet und ihr Freiheit schenkt. Es ist die Kunst, das Schreiben selbst.

Mely Kiyak: Frausein. Hanser-Verlag, München 2020, 127 S., 18 Euro