BerlinGelegentlich wird dem Christentum vorgeworfen, eine körpervergessene Religion zu sein. Doch es gibt Stücke wie die „Membra Jesu Nostri“ von Dietrich Buxtehude, die „Glieder unseres Jesus“, ein Kantatenzyklus, der eben das besingt: die Körperteile des am Kreuz hängenden Jesus. Sieben Kantaten reihen sich hier aneinander, komponiert auf reflektierende Texte des Arnulf von Löwen und Bibelstellen, die Buxtehude wohl selbst hinzufügte. In aufsteigender Tonartenfolge geht es von den Füßen bis hinauf zum Haupt mit der Dornenkrone. Eine Meditation, die nicht nur das Einfühlen in die Leiden des Gekreuzigten zum Ziel hat, sondern für den Meditierenden auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Zumindest in der spirituellen Praxis kam auch das Christentum selten ohne das Bewusstsein für den Körper aus.

Dass sich die Corona-Pandemie positiv auf die Wahrnehmung des Körperlichen ausgewirkt hätte, lässt sich kaum behaupten. Der Körper wurde in der Wahrnehmung plötzlich zum Träger und Verbreiter eines Krankheitserregers; auf der Straße ertappte man sich bei dem Wunsch, der Körper möge doch besser gar nicht erst da sein, um keine Zielscheibe abzugeben. Für den Regisseur Tristan Braun wurde die Einsamkeit zur vorherrschenden Empfindung während des Lockdowns. Aufträge gestrichen, Ausübung des Berufes nicht mehr möglich, menschliche Kontakte reduziert: Gleichsam „amputiert“ habe er sich gefühlt, erzählt der Regisseur.

Das Ensemble Wunderkammer übernimmt den Instrumentalpart

In „Membra“, das morgen im Kühlhaus am Gleisdreieck Premiere hat, versucht er nun eine Vergewisserung der körperlichen Ganzheit mit Buxtehudes „Membra Jesu Nostri“. Für jede der sieben Kantaten haben Braun und seine Mitstreiter eine Station gestaltet, der Fotograf Andreas Tobias steuerte als Teil der sparsamen Bühnenbilder Fotografien bei, die sich mit dem besungenen Körperteil beschäftigen. Fünf Sängerinnen und Sänger sowie ein Tänzer ziehen von Station zu Station, mit ihnen das Ensemble Wunderkammer unter der Leitung von Peter Uehling, das den Instrumentalpart übernimmt, und das Publikum, das mit den Künstlern wandert: prozessionsartig vielleicht, wie bei einem Ritual.

„Installatives Musiktheater“ nennt Tristan Braun das mit einer Begriffskombination, die Statik und Bewegung mit einander verbindet. Dabei soll unser Verhältnis zum Körper untersucht werden, das Phänomen des Schmerzes, die Empfindung von Lust und Ekstase, wie sie unser Körper bereithält - und das Gefühl der Einsamkeit, wenn durch Berührungsverbote auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers reduziert erscheint. Eine künstlerische Aufarbeitung unserer Corona-Erfahrungen, die mehr noch sei möchte: ein Statement von Künstlern der freien Szene über die Notwendigkeit von Kunst.

Aufführungen: 26. - 28.8, jeweils 17 und 20 Uhr, Tickets unter: tickets@tristan-associates.de