Die Künstlerin als Indigene: Meret Oppenheim mit kunstvoller „Maori-Tätowierung“ und fedrigen Fächern am Ohr.
Foto: Gal. A.Levy/CH/VG BIldkunst 2019

BerlinAbtrünnige wurden von den Surrealisten tunlichst ignoriert. Nicht so Meret Oppenheim. Die Pariser Surrealisten um André Breton hätten sie gerne als eine der ihren gesehen. Aber Meret Oppenheim, geboren 1913 in Berlin als Tochter eines jüdischen Arztes, hat zwar einige Jahre mit der die Herrschaft der Logik und des Rationalen bekämpfenden, auf das Unterbewusste und Übersinnliche setzenden Szene verbracht; was wohl auch an ihrer Liaison mit Max Ernst lag. In den 30er-Jahren machte sie bei einigen Ausstellungen der Surrealisten mit.

Sie hatte jedoch ihren eigenen Kopf und hielt sich nicht an den irrationalen Kodex der verschworenen Truppe. Die exzentrische Oppenheim wollte weder als Surrealistin noch als Objektkünstlerin wahrgenommen werden, auch keineswegs als männerwechselnde Feministin, sondern als eigenständige Künstlerpersönlichkeit. Und zwar gegen alle Regeln der Vernunft.

"Porträt Meret Oppenheim“, Basel 1938.
Foto: Atelier Eidenbenz

Sie liebte Experimente mit den unmöglichsten, auch banalsten Materialien, und sie liebte Maskeraden. Der Berliner Galerist Alexander Levy, Sohn des Hamburger Kunsthändlers Thomas Levy, der in den 70er-Jahren zeitweiliger Wegbegleiter der Oppenheim war, offeriert soeben mit Hilfe seines Vaters einen Querschnitt der Kunst dieser ungewöhnlichen Frau.

Meret Oppenheim vertieft sich auch in das Poetische 

Offenbar wird, wie sie das elitäre Prinzip der klassischen Surrealisten aushebelte, sich lustvoll im Supermarkt der Avantgarden bediente. Vater und Sohn Levy zeigen Oppenheims legendäres „X = Hase“, mit dem die damals 17-Jährige in ihr Schulheft folgende Frage hineincollagierte: Wenn Mathe-Gleichungen Wurzeln hätten, wo würden denn dann die Hasen bleiben? Sieht ganz so aus, als hätte später ein anderer Hasenfreund, der Fluxus-Schamane Joseph Beuys, darauf auch Antwort gesucht.

Und es sind Arbeiten zu sehen, in denen sich das Unbewusste und Träumerische, Bizarre und Märchenhafte durchdringen. Das Reale und Abstrakte, das Geometrische und Biomorphe finden zueinander. Da sind Zeichnungen, in denen Oppenheim sich androgyn darstellt, wie eine Vorbotin der aktuellen Gender-Debatte. In anderen Werken vertieft sie das Poetische oder verweist aufs Animalische der Natur. Pelziges war in den 60er-Jahren ihr Markenzeichen, zweifellos auch erotischer Stoff.

Pelziges gibt es öfter in Meret Oppenheims Werk: „Eichhörnchen“, 1969 
Foto: Gal. A.Levy/CH/VG BIldkunst 2019

Ihr „Eichhörnchen“ steht auf dem Präsentiertisch bei Levy: ein Bierglas mit vertrocknetem Schaum und buschigem Schweif. Ganz ihrer obsessiven Neigung zum Abstrusen und Skurrilen entgegenkommend. Doch hat sie sich dagegen verwahrt, auf ihre Pelzobjekte als kuriose Pausensnacks reduziert zu werden. Ihre berühmte Felltasse, die zum Symbol des Surrealismus wurde, lässt das MoMA in New York übrigens nicht mehr reisen.

Meret Oppenheimer starb 1985 in Basel 

Alles bei Levy Ausgebreitete ist poetisch-ironisch verschwistert, steht im eigenartigen Dialog mit der Natur, mit Fundstücken, die eine auratische Wirkung entfalten, aberwitzig, hintersinnig, erotisch und geistvoll. Und vor allem mit Liebe zum Handgemachten. Der Kunstbetrieb freilich fremdelte zu Oppenheims Lebzeiten – sie starb 1985 in Basel – mit ihrem Werk. Es wurde als Ausnahmeerscheinung wahrgenommen, so betont und provokant körperbewusst, so direkt und dabei so verschlüsselt.

„X = Hase“ oder „Das Schulheft“ von 1930/Reminiszenz von 1973
Foto: Gal. Alexander Levy/CH/VG BIldkunst 2019

Wenn es stimmt, dass der Dadaismus aus dem Lachen und der Surrealismus aus dem Fieber gekommen sind, dann säße Meret Oppenheim mit ihrem von der heutigen jungen Kunst so sehr belehnten Konzept von Kunst als Spiel zwischen beiden Extremen. Nun, der Platz dürfte ihr gefallen.

Galerie Alexander Levy, Rudi-Dutschke-Straße 26, bis 20. Dezember 2019, geöffnet Dienstag bis Samstag von 11 bis 18 Uhr