Judith Butler, die große Vordenkerin der Gender-Theorie, beschlich angesichts der Debatte um die sexuellen Übergriffe des amerikanischen Filmmoguls Harvey Weinstein ein ungutes Gefühl.

Die Heftigkeit, mit der der Sturz Weinsteins betrieben wird, sagte Butler im Rahmen einer Podiumsdiskussion an der Universität Zürich, sei womöglich auch ein Ersatz dafür, dass es nicht gelungen sei, Donald Trump zu verhindern. Ein hässlicher, ungehobelter Rüpel, der Gewalt gegen Frauen als legitim erachtet, ist an der Macht, gewählt von Leuten, die ähnlich denken wie er. Die große Solidarisierung, die sich unter dem Hashtag #MeToo versammelt, wäre demnach das symbolische Eingeständnis einer Niederlage.

Was als lauter Aufschrei einer längst überfälligen Gegenwehr gegen sexualisierte Gewalt im Alltag daherkommt, offenbarte letztlich nur die Hilflosigkeit gegenüber einem sich unübersehbar manifestierenden gesellschaftlichen Wandel, der die Errungenschaften des offenen und demokratischen Rechtsstaats aushöhlt.

Weinstein und Trump als Spitzen einer vulgären Rache gegen die mit den Instrumentarien der politischen Korrektheit weitgehend durchgesetzten Fundamentalliberalisierung. Die Befürchtung eines dramatisch sich vollziehenden gesellschaftlichen Rückschritts betrifft keineswegs nur die Akzeptanz und Geltung von Frauenrechten. Längst kann man ganz allgemein von einer starken anti-emanzipatorischen Bewegung sprechen, die jeglichen Einsatz gegen die Diskriminierung von Minderheiten zum Feindbild erkoren hat.

Frauen sind weltweit unterdrückt

Der Kulturkampf tobt nicht zuletzt innerhalb der Frauenbewegung selbst. Mit einigem rhetorischen Geschick ist beispielsweise die konservative Publizistin Birgit Kelle überall dort zur Stelle, wo die Chance besteht, feministische Grundsätze in Frage zu stellen. Die Weinstein-Debatte war für sie ein Anlass zu einer demonstrativen Positionsverschiebung.e Was Judith Butler als bloßes Unbehagen formulierte, nutzte Kelle in einem Beitrag für die Tageszeitung Die Welt zur frontalen Attacke gegen den Feminismus.

„Wer blöde Komplimente bereits zum Sexismus hochstilisiert, muss sich auch die Frage gefallen lassen, wo denn die Solidarität mit denjenigen Frauen ist, die täglich Sexismus, Beleidigungen, Nötigungen oder gar körperlichen Übergriffen ausgesetzt sind, die nicht aus der hetero-weißen Klischee-Ecke stammen.“

Was hier mit Verweis auf die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht von 2015/2016 polemisch zugespitzt wird, hat unlängst auch Alice Schwarzer gegen Judith Butler in Stellung gebracht. Denn Schwarzer hält unbeirrt an einer universalistischen Vorstellung fest: Frauen sind weltweit unterdrückt, und der Kampf für Gleichberechtigung und Emanzipation darf sich deshalb keine perspektivischen Verschränkungen erlauben. Das muslimische Kopftuch ist in diesem Sinne unzweifelhaft ein historisch von Männern verfügtes domestizierendes Symbol, das politisch bekämpft werden muss.

Gesellschaftliches Unbehagen insbesondere gegen eine Schul- und Erziehungspolitik

Aber wo der klassische Feminismus in den 70er-Jahren endete, hat die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Judith Butler überhaupt erst begonnen, das Gender-Theorem in Schwingungen zu versetzen. Den Gegensatz von Mann und Frau hat sie in die Diversifikation zahlreicher Geschlechter aufgelöst: schutzbedürftige Minderheiten, wohin man blickt. Im Butler-Jargon hört sich das dann etwa so an:

Die Andersheit des Anderen kann eigentlich kein Außenstehender beurteilen. Wieviel Zündstoff das birgt, wurde so richtig erst nach der Kölner Silvesternacht deutlich. Nicht nur Alice Schwarzer wirft Judith Butler vor, über einen nicht enden wollenden Kulturrelativismus die für die soziale Wirklichkeit tatsächlich wichtigen Fragestellungen aus den Augen verloren zu haben. Judith Butler wiederum sorgte sich öffentlich um die rassistischen Tendenzen der Schwarzer-Zeitschrift „Emma“.

Dabei handelt es sich weder um einen akademischen Streit in den luftigen Höhen der Feminismustheorie noch um die persönliche Fehde zwei feministischer Überfrauen. Man hätte schon früher bemerken können, dass es ein gesellschaftliches Unbehagen insbesondere gegen eine Schul- und Erziehungspolitik gibt, in der Begriffe wie Gender-Mainstreaming lange unwidersprochen zu den Grundannahmen der pädagogischen Arbeit gemacht geworden sind. Natürlich war es gesellschaftspolitisch geboten, über Rollenklischees nachzudenken.

In Kindergärten und Schulen hat sich aber ein akademisch-ambitionierter Jargon durchgesetzt, der weitgehend von der Akzeptanz der Eltern abgekoppelt wurde. Die mancherorts ausgetragene Schuldebatte um Sexualkundeunterricht, etwa in Baden-Württemberg, führte tief hinein in das Begriffsarsenal der Gender-Theorie.

Um solidarische Bewegung auszurichten, bräuchte es ein positives Ziel

Und so steht der Vorwurf im Raum, dass die Erfolgsgeschichte einer mit allen dekonstruktivistischen Wassern gewaschenen Antidiskriminierungspolitik zu wenig Rücksicht auf das genommen habe, was man „gesunden Menschenverstand“ nennt. Ein weitgehend nicht vorhandener Common Sense ist die offene Flanke, die dieser sozialen Bewegung von rechts zur Ausbreitung verholfen hat.

Ganz ungeniert propagieren deren Wortführer eine neue kulturelle Hegemonie von rechts, die anstelle von Minderheitenschutz die eigene verletzliche Seele geschützt wissen will. Dieses Gefühl ist auch in den europäischen separatistischen Bewegungen zu einem starken politischen Faktor geworden.

Um Verletzlichkeit, Kränkung, Wut und Würde geht es auch in den Solidaritätsbekundungen der MeToo-Debatte. Um sie politisch und sozial wirksam zu machen, wird es aber darauf ankommen, nicht zu stark zu partikularisieren und die Ermächtigung weder in der Opferhaltung noch in einer Hexenjagdstimmung zu suchen. Um eine solidarische Bewegung auszurichten, bräuchte es vielmehr ein positives Ziel.