Frauentagsdemonstration in Frankreich.
Foto: imago images/Hans Lucas

Sao Paulo/LissabonGegen den brasilianischen Filmregisseur, Filmproduzenten und international tätigen Festivalscout Gustavo Beck sind von mindestens 18 Frauen massive Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben worden. Die Berichte wurden von zwei Reporterinnen der in englischer und portugiesischer Sprache veröffentlichenden Website für investigativen Journalismus The Intercept (etwa: die Abfangstation) zusammengetragen und kritisch aufgearbeitet. Sie erfüllen – laut einer hierzu eigens befragten Staatsanwältin aus São Paulo – die Tatbestände von Belästigung, sexueller Nötigung und Vergewaltigungsversuchen bis hin zu Vergewaltigung und anderen Formen physischer Gewalt (etwa Bisse in den Nacken oder Rücken).

Beck selbst habe alle Vorwürfe, mit denen ihn die Intercept-Autorinnen Navara Felizardo und Schirlei Alves konfrontierten, geleugnet, schreiben diese in ihrem am 28. August veröffentlichten Bericht. Er sehe sich vielmehr als Opfer einer Rufmordkampagne, die von einer ehemaligen Freundin initiiert worden sei. Der 38-Jährige, der derzeit in Portugal lebt, arbeitete unter anderem bis 2019 als Gastkurator beim Internationalen Filmfestival Rotterdam, als Kurator beim Wiener Filmfestival Viennale sowie dem Internationalen Independent-Film-Festival Bafici in Argentinien. Er war auch Teil des diesjährigen Auswahlkomitees des Indie-Lisboa-Filmfestivals aus Portugal. 2012 war er Gast von Berlinale Talents. Beck gilt als Schlüsselfigur für lateinamerikanische Filme auf dem internationalen Markt.

Gustavo Beck bei der Berlinale 2020
Foto: WireImage/Matthias Nareyek

Die Vorwürfe stammen von in der Filmbranche tätigen Frauen aus insgesamt sechs Ländern und beziehen sich auf Vorfälle, die zwischen drei und neun Jahre zurückliegen. Nur drei Frauen waren bereit, sich über ihre Angst vor beruflichen Nachteilen und persönlichen Angriffen hinwegzusetzen und ihre vollen Namen zu nennen, darunter die Amerikanerin Cat de Almeida, die Mitte Mai auf Facebook einen Bericht veröffentlichte, in dem sie ein Zusammentreffen mit Gustavo Beck als Situation eines sexuellen Missbrauch beschrieb. Explizit ermutigt durch den Prozess gegen Harvey Weinstein im Frühjahr wollte sie damit ihre Erfahrungen mit „sexuellen Übergriffen, Machismo und Unterdrückung“ in der Filmindustrie thematisieren.

Der Eintrag ist inzwischen gelöscht, aber aufmerksam gemacht durch einen aus Portugal stammenden Filmstudenten aus Babelsberg habe ich ihn damals ebenso gelesen wie einige Antworten darauf, etwa die der  ehemaligen Freundin von Gustavo Beck, Deborah Viegas, die sehr persönlich bestätigte, dass von Beck Gewalt ausgehe, und den Frauen, die den Beitrag de Almeidas geteilt hatten, anbot, sich für einen Erfahrungsaustausch bei ihr melden zu können. So entstand das Netzwerk, auf dem die Recherche des Intercept-Teams basiert.

Die Berichte der Frauen von ihren Begegnungen mit Gustavo Beck unterscheiden sich hinsichtlich der Schwere der mutmaßlichen Übergriffe, ähneln einander jedoch in ihrer prinzipiellen Gewalttätigkeit und der häufigen Beteiligung von Drogen und Alkohol. Selbst zunächst einvernehmliche Situationen sind demnach wiederholt eskaliert. Die Intercept-Autorinnen zitieren die brasilianische Staatsanwältin Valéria Scarance mit den Worten, dass sexuelle Gewalt genau in dem Moment beginne, in dem die Frau äußere, mit dem, was geschieht, nicht einverstanden zu sein, und der Mann dennoch weitermache.

Dabei können sich die Dinge durchaus fließend entwickeln, wie der bei Intercept beschriebene Fall der Produktionsassistentin Denise Fait zeigt, die 2015 beim brasilianischen Festival Olhar de Cinema arbeitete, bei dem Beck Kurator gewesen war: „Nachdem sie auf einer Party mehrere Drinks getrunken hat, kann sie sich nicht erinnern, wie sie zu seinem Hotelzimmer gekommen ist. Fait sagt, sie habe zugestimmt, Sex zu haben, aber einige Szenen seien in ihrem Kopf nicht sehr klar. (…) Die Produktionsassistentin berichtet, dass sie nie vergessen hat, wie viel Angst sie vor seiner ‚unnötigen Wildheit‘ hatte. ‚Ich erinnere mich, dass er mich sehr gebissen hat (…). Wenn ich in diesem Raum ‚Nein‘ zu ihm gesagt hätte, wäre er sicherlich noch gewalttätiger gewesen‘, sagte sie. ‚Da stehst du plötzlich vor dem Dämon und denkst darüber nach, mit ihm befreundet zu sein, um ihn nicht zu herauszufordern.‘“

Ein übergriffiges und vorteilnehmendes Verhalten in seiner Mehrfachfunktion als Filmemacher, Filmproduzent und Festivalkurator unterstellt der Bericht Gustavo Beck auch in beruflichen Zusammenhängen. Die von den Autorinnen befragten Festivals reagierten indessen ausweichend. Der brasilianische Filmproduzent André Mielnik allerdings habe nach den ersten Facebook-Postings seine Zusammenarbeit mit Beck in der Produktionsfirma If You Hold A Stone aufgekündigt.

Zu einer Klage gegen Gustavo Beck ist es aus den verschiedensten Gründen bisher offenbar nicht gekommen, zu denen wohl nicht nur Verjährung, unterschiedlichste Länderzuständigkeiten oder das Fehlen von Zeugen zählen, sondern auch das oft fehlende Bewusstsein von Frauen, in dem Albtraum, den sie mit einem Mann erleben, mit dem sie womöglich freiwillig aufs Zimmer gegangen sind, den Tatbestand eines strafbaren sexuellen Übergriffs zu sehen. Der Weinstein-Prozess hat in der Sensibilisierung für Machtmissbrauch und Sexualdelikte im internationalen Filmgeschäft einen bedeutenden Pfeiler eingeschlagen, aber die Diskussion der Grauzonen steht noch immer am Anfang.