Politische Kräfte erfinden Geschichte, um in den Augen der Welt günstiger auszusehen. Mosambik hat es mit einer doppelten Erfindung von Historie zu tun: Der junge Staat stellt die vorkolonialen Verhältnisse als harmonisches Paradies dar. Die Kolonialmacht Portugal wiederum überzeichnete ihren Hauptgegner, das Königreich Gaza im südlichen Mosambik, als echte Macht – so stand man als starker Sieger da. Beide Darstellungen haben wenig mit der Wirklichkeit zu tun.

Den Lügen  stellt der mosambikanische Schriftsteller Mia Couto, 62, in seinem Roman „Imani“ ein anderes,  vom Wissen der Bevölkerung getragenes Bild gegenüber. Wir trafen ihn auf der Leipziger Buchmesse,  in einem ruhigen Nebenraum, wo sich der stille Autor wohler fühlt als im Getümmel.

Senhor Couto, Sie leben als Weißer in einem Land mit 78 Ethnien, 40 Sprachen, mit weniger als einem Prozent Europäischstämmigen. Wie fühlen Sie sich? Spielt Ihre Rasse eine Rolle?

Im Alltag nicht.  Manchmal gibt mir jemand zu verstehen, dass ich weiß bin, indem er mich bevorzugt behandelt. Da kommen Gewohnheiten aus kolonialer Zeit hoch. Zum Beispiel wenn ich in einer Schlange anstehe, meinen die Leute, ich sollte vorgehen. Das lehne ich ab. Oder nehmen wir das Wort „patrão“, Herr. Nach der Unabhängigkeit war es verschwunden. Alle sagten „camarada“ zueinander. Nun wird „patrão“ wieder benutzt, Weißen gegenüber.  Andererseits kommt es zum Beispiel im Literaturbetrieb vor, dass nicht nach Qualität geurteilt wird, sondern nach ethnischer Quote. Wer einer Minderheit angehört, muss warten, bis er dran ist.  Aber das sind seltene, punktuelle Erscheinungen.

Das unterscheidet Mosambik von Südafrika oder Simbabwe. Dort wird quotiert, positiv diskriminiert …

Anders als dort wurde Grund und Boden in Mosambik nach der Unabhängigkeit, also  während der Revolution, nationalisiert. Bei unseren Nachbarn mit ihren großen weißen Minderheiten blieb das Land,  eine Ressource von hohem symbolischem und religiösem  Wert, in weißer Hand  – in Südafrika bis heute, in Simbabwe bis vor kurzem. Dort gedieh ein regelrechtes Landtrauma, das zum Rassetrauma wurde.

Werden Sie als afrikanischer Schriftsteller akzeptiert?

Ja, ohne Zweifel.

In Ihrem Buch „Imani“ brechen Sie Regeln der politischen Korrektheit: Schwarze ermorden Schwarze. Ein afrikanisches Volk erbittet von den weißen Portugiesen Schutz gegen brutale Schwarze. Nimmt man Ihnen das übel?

Nein. Die Handlung spielt um 1895, und diese Vergangenheit ist in der Bevölkerung noch sehr präsent  – die Großeltern meiner Generation haben diese Zeit erlebt und berichtet, wie es war. Die Leute wissen um die Schrecken jener Zeit. Aber offiziell wird  das vorkoloniale Mosambik als Paradies mystifiziert, in dem niemand Konflikte mit niemandem hatte. So steht es auch in den Schulbüchern. Das ist schlimm, weil diese Erfindung dem  Land seine Geschichte stiehlt, es der Wahrheit beraubt. Die Vergangenheit war eben nicht so.

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Diese Geschichtsreduktionen sind  beleidigend, weil sie ein geschichtsloses Volk zurücklassen. Dabei treiben ja gerade Konflikte und Spannungen die Geschichte an, sind deren Motor. Stattdessen wird ein Idyll erfunden, in dem es nur gute Leute gab – bis das Böse, das Koloniale, von außen hereingetragen wurde.  Im Bürgerkrieg von 1977 bis 1992 haben wir erlebt, wie schwarze, regierungsfeindliche Rebellen das Volk quälten. In meinem Buch erzähle ich von  Völkern, die von einem afrikanischen Herrscher, König Ngungunyane, überfallen wurden. Seine Krieger haben das Volk der Vachopi  regelrecht massakriert.  Die Leute dieser Ethnie, die ich während der Recherchen für das Buch befragte, wollten nicht darüber sprechen. Sie verweigerten sich.  Sobald ich sagte, es gehe um Ngungunyane, antworteten sie: Nein, nein, darüber reden wir gar nicht. Diese Vergangenheit ist noch sehr lebendig, ihre Geister spuken noch immer umher. Als ich mit unserem neuen Präsidenten über das Beschweigen  der Untaten König Ngungunyanes sprach und ihm sagte, dass die Leute die Gespenster jener Zeit ruhen lassen wollten, sagte er interessanterweise:  „Es ist besser, wenn wir die Geister wecken, als dass wir von diesen Geistern geweckt werden.“ Den noch immer gängigen offiziellen Beschönigungen ist es nicht gelungen, die in den Familien weitergegebenen Erinnerungen auszulöschen.

Die beiden Hauptfiguren des Buches überschreiten die Grenzen der ihnen jeweils zugewiesenen Identität: Der einsam auf seinem Posten ausharrende portugiesische Sergeant verliebt sich in eine 15-jährige Einheimische, die Portugiesisch sprechen, lesen und schreiben kann.   Auch in Europa laufen Identitätsdebatten heiß, seit Zuwanderung die Bevölkerungen immer stärker durchmischt.  Halten sie die Fixierung auf  vorgebliche Identitäten für konstruktiv  oder für verheerend?

Zur Zeit ist Identität ein Argument, das zur Ausgrenzung eingesetzt wird. Es geht nicht darum, die eigene Identität zu beschreiben, sondern die der anderen zu markieren. Es wird die Idee transportiert, der andere verdiene Misstrauen,  trage irgendwelche Schuld, sei ein Feind. Es geht um Angst, die zur Dominante wird. Angst vor dem Unbekannten, „den Anderen“. Das Stereotyp ist womöglich das Gravierendste in den Konflikten dieses  Jahrzehnts. So wird auch die Neugier, den anderen kennenzulernen, zerstört. Dabei ist doch das Schönste im Leben die Reise über die eigenen Grenzen hinaus.

Wenn man behauptet, die eigene Identität sei einzig, sei besser, wertvoller – ist das nicht  eine Art Rassismus?

All diese Vorstellungen von  Identität sind flüchtig. Wenn ich zum Beispiel als Biologe mit meinen Kollegen in ein mosambikanisches Dorf gehe, bin ich der einzige Weiße. Wenn wir uns dem Dorf nähern, sagen die Leute: „Da kommen die Weißen.“ Gewissermaßen die Städter. Wenn ich dann aber als  einziger die lokale Sprache spreche, weil meine Kollegen, alle schwarz,  aus anderen Regionen Mosambiks stammen, dann bin ich der Neger, und die anderen sind Fremde.

Neger? Kann man im Portugiesischen das Wort benutzen? In Deutschland wollen Aktivisten das Wort ausrotten, selbst aus historischen Zusammenhängen tilgen.

Das sind Moden, die sich ändern. Im Mosambik nach der Unabhängigkeit war „preto“, Schwarzer, das korrekte Wort.  Heute ist es „negro“, Neger. Schwarzer soll man derzeit nicht sagen. Demnächst sagt man irgendetwas anderes. Ich denke, dass die Debatte über Wörter nicht die zentrale Frage ist. Es geht doch um substanzielle Änderungen  im Verhältnis der Rassen – um  Veränderung der Gesellschaft. Fixiert man sich auf den Kampf um Worte, steigt das Risiko, dass Veränderungen kosmetisch bleiben.  Wer die Ideologie der politischen Korrektheit aus den USA übernimmt, übernimmt auch amerikanische Denkmuster.  Weil die Schwarzen in Brasilien diese Muster leider übernommen haben, wird dort die Rassismusfrage  nicht mehr brasilianisch geführt. Das ist so simplifizierend! Wie kann man glauben, gravierende Probleme administrativ  oder per Sprachregelung  zu lösen? Oder durch das Quotieren?

Im Buch „Imani“ wird das Wort „Neger“ in der Übersetzung tapfer gebraucht.

Ich schreibe über in der Kolonialzeit lebende Portugiesen. Rassismus war für diese Leute allgegenwärtig, normal. Die Rede dieser Personen ändern zu wollen, wäre Geschichtsfälschung. In der Zeit, in der mein Buch spielt, benutzte man „negro“ und „preto“ gleichermaßen  abwertend. Bisher hat sich keiner in meine Wortwahl eingemischt. Ich schreibe aus der Grundhaltung des Respektes gegen jedermann, egal welcher Rasse.

Sie sagten,  die Leute wollten nicht über König Ngungunyane sprechen. Warum ist er im Geschichtsverständnis Ihres Landes so heikel? Soll er als Held und Superpatriot gelten?

Es gibt ein paar Nachkommen jener königlichen Herrscherfamilie des Gaza-Reiches, denen das gefiele. Aber es gibt derzeit keinerlei politischen Willen,  Ngungunyane zum Nationalhelden aufzubauen. Der erste Präsident, Samora Machel, hielt das seinerzeit für sinnvoll. In den Schulbüchern tauchte er damals sogar als antikolonialer Unabhängigkeitskämpfer auf.  Aber Samora Machel schätzte die Konsequenzen falsch ein. Verstand nicht, dass sich die Leute an Ngungunyanes Gewalttaten gegen das eigene Volk erinnern würden. Er war zudem eine vieldeutige Gestalt, auch  Offizier der portugiesischen Armee…

Wie waren denn die damaligen Verhältnisse tatsächlich?

Ende des 19. Jahrhunderts war Portugal schwach. Die Präsenz in Mosambik war  auf wenige Punkte beschränkt, es gab ein halbes Dutzend Handelsniederlassungen. Zu den Völkern in Mosambik pflegte Portugal  Beziehungen von Staat zu Staat. Auch das Gaza-Reich war von Portugal als Staat offiziell anerkannt. Man hatte dort einen Repräsentanten bei Hofe.  Erst eine Intervention Großbritanniens machte diesen Kontakten  ein Ende.

Im Buch erscheinen die Weißen als schwache, isolierte Figuren. Warum?

Das hat mit der erwähnten Schwäche Portugals zu tun. Mich interessiert  an diesem geschichtlichen Moment die  Existenz zweier erfundener Sichtweisen: die jüngere mosambikanische und die ältere portugiesische. Mit umgekehrten Vorzeichen glorifizieren beide  die Zeit politisch, militärisch und kulturell. Beides ist falsch, denn alle Seiten waren schwach. Ngungunyanes Reich war im Zerfallen. Der in Portugal als bedeutender  Militär und Gouverneur in Mosambik um 1895 verherrlichte Mouzinho de Albuquerque nahm den Gaza-König keineswegs nach großem  Kampf fest, sondern ohne einzigen Schuss. Portugal erfand einen starken Feind, um eigene Stärke vorzugaukeln.

Wie gehen Sie in dem Buch damit um?

Ich erzähle kleine Geschichten, aus denen dann  Geschichte wird, und zwar durch Auswahl aus vielen Erinnerungen. Meistens wählt man ja das Vergessen. Dieses Verdrängen geschieht nicht aus Versehen, das ist eine Option.

Im Buch sagt der Vater Ihrer Hauptfigur Imani, ein begnadeter Musiker, Säufer und Händler: „Niemand ist stärker als die Angst.“ Das klingt im gegebenen Kontext wie eine Anspielung  auf die im Westen grassierende Angst vor vermeintlicher  Überfremdung …

Ja, aber ich habe das beim Schreiben nicht bewusst in diesem Zusammenhang gesehen. Ich denke bei der Arbeit nicht: „Jetzt schreibe  ich mal einen Satz, der ins Aktuelle zielt.“ Aber Rückgriffe auf die Angst als Instrument der Macht und Manipulation sind  nichts Neues. Doch jetzt erreicht das Phänomen enorme Dimensionen. Wir sehen nicht einfach Angst vor dem anderen, sondern viel mehr: die Angst vor einer anderen Menschheit.  Als stünden sich  Zivilisierte und Bedrohliche gegenüber. Das führt soweit, dass selbst die Natur  als Quelle von Angst erscheint, als Bedrohung. Man  fühlt sich ausgeliefert, hilf- und schutzlos, sehnt sich nach einem Retter, einem Messias.

Ein anderer Mann aus dem von König Ngungunyanes Kriegern heimgesuchten VaChopi-Dorf sagt wörtlich: „Leider ist dies das Gesetz der Welt: Wer hat leiden müssen, will auch andere leiden lassen.“ Es geht um die Angst der Dorfbewohner vor Versklavung durch Afrikaner. Sprechen Sie  hier über das nachkoloniale Afrika?

Auch. Aber es geht nicht nur um Afrika. Nehmen wir das Beispiel jener nach Brasilien verschleppten Sklaven, die befreit wurden, nach Afrika zurückkehrten, selber zu Sklavenhaltern wurden und sich maßlos bereicherten. Es geht um Eliten, die ihren Brüdern antaten, was man ihnen zuvor angetan hatte. Andererseits bleibt es richtig, dass die Mehrheit derjenigen, die gegen Sklaverei kämpften, das Wohl der Allgemeinheit im Sinn hatten. Im Übrigen sehe ich Afrika nicht als „nachkolonial“. Wir verharren doch  fast vollständig in den kolonialen Umständen, die vor der Unabhängigkeit herrschten. Wer liefert billige Rohstoffe für den Rest der Welt? Diese Frage stellt unsere Bevölkerung heute.

Nach der Revolution in Ihrem Land gehörte es zu den Hauptzielen, zunächst aus der ethnischen und kulturellen Vielfalt  eine Nation zu formen. Ist Mosambik insoweit  stabiler geworden?

Wir sind weit vorangekommen, aber Nationenbildung bleibt weiterhin eine Priorität. Es besteht latent die Gefahr eines Krieges, der sich aus Gefühlen speist, die man vielleicht nicht ethnisch nennen kann, aber regionalistisch. Jedenfalls liefe ein solcher Krieg auf Spaltung des Landes hinaus. Da spielen auch idealisierte Grenzen der Vergangenheit eine Rolle. Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, über Ethnien, Völkerschaften zu reden, was nach der Revolution undenkbar war.  Samora Machel, der erste Präsident der Volksrepublik Mosambik, sagte damals: „Darüber wird nicht diskutiert. Es gibt keine Stämme, keine Ethnien, keine Rassen.“ So geht es natürlich nicht, aber damals war es sinnvoll, solche vermeintlich spaltenden Fragen zu negieren. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem ein solches  Dogma zur Dummheit wird. Es gibt Vielfalt und viele Nationalitäten.