Mieze Katz, Sängerin der Band MiA. 
Foto: anna.k.o

BerlinBeim Interviewtermin Mitte Februar sieht man die Sängerin Mieze Katz schon von weitem. In einer neongelben Jacke leuchtet sie am Empfang ihrer Plattenfirma Four Music und plaudert mit einem Mitarbeiter. Sie lächelt einnehmend zur Begrüßung, doch die Hand will sie einem nicht geben. Das liegt nicht am Coronavirus, das zu dem Zeitpunkt in Deutschland noch kaum angekommen ist. Es liegt schlichtweg daran, dass sie sich gerade erst ihre Fingernägel in einem leuchtenden Brillantrot lackiert hat, das perfekt zur unübersehbaren Jacke passt. Zusammen mit ihren Bandkollegen Gunnar Spies, Andy Penn und Robert Schütze findet anschließend ein kurzweiliges Gespräch statt, dessen Veröffentlichung in der Folge jedoch mehrmals verschoben wird. Denn die Pandemie wirkt sich natürlich auch auf MiA und die Veröffentlichung und Vermarktung ihres neuen Albums „Limbo“ aus.

Aus sicherer sozialer Distanz heraus haben wir vor ein paar Tagen noch einmal mit dem Schlagzeuger Gunnar telefoniert, um nachzufragen, welche Spuren die Corona-Krise bisher bei der Berliner Elektropop-Band hinterlassen hat. Das aktuellere Gespräch wurde dem zuerst geführten vorangestellt.

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Ihr neues Album „Limbo“ ist am 27. März erschienen – da hatte das Coronavirus das öffentliche Leben schon zum Stillstand gebracht. Ärgert Sie dieses unglückliche Timing?

GUNNAR SPIES: Wir haben viel darüber diskutiert, zumal wir anderthalb Jahre an dieser Platte gearbeitet und wahnsinnig viel Herzblut da reingesteckt haben. Wir hätten die Veröffentlichung auch verschieben können, das wäre wirtschaftlich womöglich schlauer gewesen. Aber wir haben uns bewusst dagegen entschieden.

Warum?

GUNNAR SPIES: Weil es Leute gibt, denen wir etwas bedeuten, und die sich genauso auf den Release dieses Albums gefreut haben wie wir. Hinzu kommt: Der Titeltrack „Limbo“ arbeitet sich am Thema Optimismus ab. Es geht es darum, schweren Zeiten mit Leichtsinn zu begegnen. Wenn wir das als Haltung ernst meinen, müssen wir auch danach handeln – gerade jetzt, wo wir alle diesen Zuspruch gebrauchen können. Da wäre es uns verlogen vorgekommen, die Platte in der aktuellen Situation nicht zu veröffentlichen.

Auf dem Plattencover tanzt Ihr Bandname Limbo – jedoch unter Stacheldraht hindurch. Ist das die Visualisierung der Haltung, die es gerade braucht?

GUNNAR SPIES: Ich denke schon. Das Wort „Limbo“ klingt zwar nach Exotik, Urlaub, Samba und Leichtigkeit, das war es für mich aber nie – auch vor Corona nicht. Denn in Wahrheit ist Limbo ja eine Verrenkung. Das hat nichts mit Leichtigkeit zu tun, sondern damit, sich einer Situation wie dieser anpassen zu können.

Hat sich die Bedeutung des Songs und der Platte für euch im Verlauf der letzten Wochen verändert?

GUNNAR SPIES: Klar, das ist bei globalen Krisen doch immer so. Songs wie „Limbo“ und „Sorgenfalter“ hört man jetzt mit ganz anderen Ohren. Genauso wie das Stück „Richtig im Falschen“, wo es um eine selbst gewählte Ahnungslosigkeit geht, darum, nicht wissen zu wollen, was um einen herum gerade abgeht. Das ist jetzt ein anderer Song. Generell wird dieses Album für uns als Band ab jetzt immer mit dieser Zeit, dem Lockdown-Gefühl und dieser Krise verbunden sein. „Limbo“ ist nun unsere Corona-Platte.

Das Album war nach seiner Veröffentlichung zunächst zwar auf den gängigen Streaming-Portalen zu hören, aber nicht als CD zu bekommen. Woran lag das?

GUNNAR SPIES: Das Zentrallager von Sony in Frankreich, wo sich unsere CDs befanden, stand unter Quarantäne. Die arbeiten da immer noch nur zu 20 Prozent, aber immerhin sind mittlerweile 1500 Exemplare des Albums ausgeliefert worden.

MiA, aufgenommen vor Social Distancing.
Foto: anna.k.o

Treffen Sie sich als Band derzeit?

GUNNAR SPIES: Nein, wir sind eifrige Social Distancer. Das letzte Mal haben wir uns am 16. März gesehen. Da haben wir das abgesagte Record-Release-Konzert, das am 23. März im Lido hätte stattfinden sollen, kurzerhand in den Proberaum verlegt und aufgezeichnet. Das kann man sich nun kostenlos auf unserem YouTube-Kanal ansehen.

Die meisten Künstler leben hauptsächlich vom Live-Geschäft. Wie ist das bei Ihnen?

GUNNAR SPIES: Genauso. Wir haben für unsere Verhältnisse in den letzten Monaten zwar recht nachhaltig gewirtschaftet, aber wir bewegen uns auf dünnem Eis und haben alle keine goldenen Wasserhähne zu Hause. Und je länger das Ganze dauert, desto brisanter wird die finanzielle Situation auch für uns. Ich hoffe sehr, dass wir wohldosiert über den Sommer hindurch eine Handvoll Konzerte spielen können und bin derzeit noch nicht bereit, mich von den November- und Dezember-Terminen zu verabschieden. Die Wahrheit ist aber: Niemand von uns weiß derzeit, wie es weitergeht. Und diese allgemeine Ahnungslosigkeit müssen wir gerade alle akzeptieren.


Ihr neues Album ist so angelegt, dass es einen Neuanfang markiert. Was ist anders?

MIEZE KATZ: Ein paar Dinge haben sich geändert. Zum einen haben die Jungs dieses Mal auch an den Texten mitgeschrieben, zum anderen haben wir uns nach 18 Jahren von unserem Manager und Produzenten Noah getrennt.

Was war der Grund für diese Veränderungen?

MIEZE KATZ: Nach einer so langen Zeit ist es ganz gesund und natürlich, sich mal auseinanderzudividieren und neue Ufer auszuloten.

GUNNAR SPIES: Wir haben sehr ergebnisoffen darüber gesprochen und uns gefragt, was wir uns von dieser Band wünschen. Warum wollen wir noch eine Platte machen? Und was erwarten wir uns davon?

ANDY PENN: Es gab eine Phase, in der wir uns gefragt haben, was wir eigentlich noch zu sagen haben. Und zumindest ich war mir unsicher, ob wir unsere Munition nicht vielleicht schon verballert haben.

Also hatten Sie Zweifel?

GUNNAR SPIES: Zweifel klingt so nach Unsicherheit und Schwäche, aber das Stellen der Sinnfrage halte ich für eine Stärke. Es bedarf vieler Kraft, sich intensiv damit auseinanderzusetzen und eine ehrliche Antwort darauf zu finden.

MIEZE KATZ: Das ist ja wie in einer Beziehung, wo immer die Frage mitschwingt: Schafft man es, sich gemeinsam zu entwickeln? Irgendwohin zu wachsen? Wir sind zwar eine Band, aber natürlich auch vier eigenständige Menschen. Deswegen ist das auch kein Prozess, der sich innerhalb weniger Tage oder Wochen abspielt. Es braucht Jahre, um sich gemeinsam in eine Richtung zu entwickeln.

Mieze, war es denn schwer, die anderen erstmals an den Texten mitschreiben zu lassen?

MIEZE KATZ: Ja, Katastrophe! Das Problem war aber gar nicht, dass plötzlich alle mitreden wollten, sondern dass plötzlich alle anfingen zu werten. Dieses schnelle: „Das ist blöd! Das kann man so nicht sagen! Bitte nicht!“ Das tat mir extrem weh. Ich bin eher die zarte Pflanze. Und wenn die sich mal mitteilt, das dann aber direkt zerschossen wird, setzt mir das zu.

Können Sie als Band generell gut mit Kritik umgehen?

ANDY PENN: Kritik, die sich auf etwas bezieht, das man selbst auch als kritikwürdig empfindet, die tut mir nach wie vor weh. Im Sinne von: Die haben uns erwischt. Dem kann man nur entgegentreten, indem man eine Platte macht, die einem selbst total gefällt. Und das ist bei „Limbo“ der Fall.

Das ist schön zu hören.

ANDY PENN: Das war aber nicht von Anfang an so. Meine Freundin ist ja auch Musikerin (Eva Briegel, Sängerin der Band Juli, Anm. d. Red.), und als ich ihr stolz die ersten vier Stücke vorgespielt habe, dachte ich: „Die kann sagen, was sie will, die sind so geil, das juckt mich nicht!“ Natürlich hatte sie aber was zu meckern – und das hat total reingehauen!

Inwiefern?

ANDY PENN: Weil ich gemerkt habe, was die Songs mir bedeuten. Ihre Kritik als Sängerin tat zwar weh, war aber total gut, weil ich mich dadurch besser in Miezes Rolle reinversetzen konnte. Das ist ja die erste Platte, bei der wir Jungs auch Texte und Gesangsmelodien geschrieben haben, wir sind aber alle keine Sänger. Die Stimme ist nicht unser Instrument. Die Kritik meiner Freundin hat dann aber Antennen bei mir aufgestellt, die mir im weiteren Produktionsprozess total geholfen haben.

GUNNAR SPIES: Es ist doch auch so: Wir verkaufen keine Toaster, sondern machen Musik. Unsere Währung ist Emotion. Und wenn man ein solches Produkt anbietet, kannst du das nicht bei Stiftung Warentest bewerten lassen. Musik kann immer auch scheiße gefunden werden. Das muss einem von Anfang an klar sein.

Was war denn das tollste Kompliment, das Sie je bekommen haben?

ROBERT SCHÜTZE: Im Zuge unseres Jubiläums hatten wir ja die Idee, unsere Stücke von anderen Künstlern interpretieren zu lassen. Unsere Hoffnung war, dass unsere Songs dem einen oder anderen etwas bedeuten – aber das war mit ganz viel Zweifeln verknüpft. Wir wussten nicht, ob überhaupt irgendwas zurückkommt. Aber: Es kam ganz viel zurück, und zwar total schnell. Madsen, Milliarden, Balbina – alle haben uns ihre Story zu uns erzählt. Und die kamen alle aus dem Herzen. Das hat mich echt überwältigt.

Ist Ihnen eine Geschichte besonders im Gedächtnis geblieben?

ROBERT SCHÜTZE: Ja, die von Balbina. Sie hat uns erzählt, dass „Alles neu“ für sie ein Schlüsselmoment war, aus ihrer Schüchternheit herauszutreten, für ihre eigene Meinung einzustehen und die Musik dafür zu nutzen. Für mich ist Balbina eine so starke, feminine Persönlichkeit – und dass wir offensichtlich einen kleinen Teil dazu beigetragen haben, fand ich krass.

Gibt es auch nervige Facetten am Musikerdasein?

GUNNAR SPIES: Natürlich ist nicht alles immer nur geil. Ne Platte machen, im Tunnel sein, sich freuen und das Gefühl zu haben, es passiert etwas, dann nach Hause zu kommen, seiner Freundin die Musik vorzuspielen, und die findet das dann nicht so geil – natürlich ist das frustrierend.

Womit wir wieder beim Umgang mit Kritik wären.

GUNNAR SPIES: Aber das Geile wird ja erst dadurch wahr, dass es auch eine Schattenseite gibt. Wir sind ja nicht nur auf Wolke sieben, wo ständig jemand vorbeikommt, uns Lollys in den Mund steckt und über den Kopf streichelt. Musik machen ist Arbeit, Auseinandersetzung, Konfrontation mit Herzensangelegenheiten. Es gibt total viele Sachen, die dabei anstrengend sind, und es gibt ganz viel Gleichzeitigkeit. Das geht an die Substanz. Das ist keine Blumenwiese. Aber wir haben uns das natürlich ausgesucht. Keiner von uns heult rum. Trotzdem fallen mir tausend Dinge ein, die mir dabei total auf den Sack gehen. Die kann ich aber nicht ändern und nehme sie in Kauf, weil diese Band das ist, was mich am Leben hält.

Über den Song „Richtig im Falschen“ haben wir eben schon mal gesprochen. Darin heißt es: „Wir verschwinden im Leichtsinn.“ Wann waren Sie das letzte Mal leichtsinnig?

GUNNAR SPIES: Als ich zuletzt im Urlaub war, habe ich gesehen, wie ein 13-jähriger Junge von einer zwölf Meter hohen Klippe ins Meer gesprungen ist. Ich bin eigentlich gar nicht der Typ für so was, aber ich hatte da plötzlich auch Bock drauf – war mir nur unsicher, ob das Wasser tief genug für mich ist. Also habe ich so lange gewartet, bis ein Mensch mit meiner Statur da runtergesprungen ist, und hab das dann auch gemacht. Das war aber nicht nur leichtsinnig, sondern auch dumm, zumal ich gar nicht der Typ für so was bin. Bezeichnenderweise habe ich mir dabei eine Rippe gebrochen.

Au weia.

ANDY PENN: Ich sehne mich auf jeden Fall nach Leichtsinn, weil es gut ist für all das, was man im kreativen Sinne macht: Türen aufstoßen, in neue Felder reingehen, ohne Berechnung Sachen wahrnehmen und erleben. Allerdings: Wenn man mit halbwegs wachem Geist durch die aktuelle Welt geht, ist Leichtsinn als Gefühl wirklich schwer zu reproduzieren. Dafür sieht es um uns herum gerade viel zu düster aus.

Wie wichtig ist die Stadt Berlin für Sie als Band noch? Auch auf den Songs der neuen Platte geht es immer wieder um Ihre Heimatstadt.

MIEZE KATZ: Mir ist die Stadt nach wie vor wichtig. Ich lebe hier, arbeite hier, liebe hier. Auf der neuen Platte ist „Tortenguss“ unser Berlin-Lied – mit den tanzenden Kränen. Aber es gibt auch Lieder wie „Immer wenn ich dich seh“ mit Berlin-Referenzen. Und natürlich „Mauerpark“. Berlin ist und bleibt das Zentrum, aus dem heraus wir stets starten. Und was haben wir ein Glück, dass wir alle hier leben.

ROBERT SCHÜTZE: In halbwegs politischen Diskussionen stellen wir auch immer wieder fest, in was für einer angenehmen Blase wir hier eigentlich leben. Das weiß ich sehr zu schätzen. Natürlich ist es aus Berlin heraus immer schwer, abzugleichen, wo in Deutschland eigentlich geschmackstechnisch die große Masse ist in Bezug auf Musik, Politik und Meinung. Aber ich sauge immer viel aus meinem Umfeld auf und wäre ein ganz anderer Typ, wenn ich in ein anderes Setting gesetzt worden wäre – und weiß nicht, wie selbstständig ich dann meine Meinung hätte rausprojizieren können.

Wenn man, die derzeitigen Corona-Beschränkungen mal außer Acht lassend, eine MiA-Schnitzeljagd machte, durch welche Ecken der Stadt würde sie führen?

MIEZE KATZ: Durch den Mauerpark auf jeden Fall. Und zum Rosenthaler Platz. Im Mauerpark haben wir bereits unabhängig voneinander viel Zeit verbracht, noch bevor der große Berlin-Boom kam. Da haben wir erste Graffitis gesprüht, mit Freunden abgehangen und so. Und am Rosenthaler Platz haben wir wahnsinnig viele Band-Videos gedreht.

ANDY PENN: Für mich ist der Hackesche Markt ein wichtiger Ort, auch wenn der sich die ganze Zeit total stark transformiert. Jetzt haben sie das Haus gerade abgerissen, in dem damals der Dönermann und der Supermarkt waren. Ich kann mich aber auch noch an die Zeit erinnern, als das Haus da noch gar nicht stand. Dafür bin ich dankbar.

Wie stehen Sie zu diesen Veränderungen?

ANDY PENN: Selbst wenn da jetzt ein Prada-Flagship-Store reinkäme, ändert das nichts an meiner Geschichte zu dem Ort. Ihm wird lediglich ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Das ist ja bei vielen Dingen so: Es liegt so viel Wahrheit in den Dingen, die man von außen nicht sieht, aber trotzdem ist diese Wahrheit ja da. Nur die Zeit ist vergangen und hat die Dinge verformt. Der Ort fühlt sich zwar auch für mich jetzt komisch an, aber ich werde meine Zuneigung für ihn nicht verlieren.

Das ist eine schöne Sichtweise. Und eine sehr pragmatische.

ANDY PENN: Irgendwann hat da auf der Ecke ja mal ein Starbucks aufgemacht, und da meinte jemand zu mir: „When Starbucks arrives, the neighborhood dies.“ Starbucks ist jetzt aber schon wieder weg. Und für mich ist da immer noch so viel Geschichte hinter den Fassaden.

MiA

… wurde 1997 als Schülerband gegründet. Mieze Katz (bürgerlich Maria Mummert) und der Gitarrist Andy Penn (vor 2004 Andi Ross) besuchten gemeinsam das John-Lennon-Gymnasium in Mitte. Eine ihre Mitschülerinnen, die spätere Moderatorin und Buchautorin Sarah Kuttner, brachte die beiden mit dem Bassisten Robert Schütze und mit Ingo Puls (der 2011 die Band verließ) zusammen. Auch Schlagzeuger Gunnar Spies gelangte durch das Anraten Kuttners zur Band. 

... veröffentlicht mit „Limbo“ nun ihr siebtes Studioalbum. Mit der Platte „Zirkus“ aus dem Jahr 2006 feierte sie ihren bisher größten Erfolg. Ihre Musik bewegt sich zwischen Elektropunk und -pop.

… stand ursprünglich mal für „Me in affairs“, das Akronym wurde später aber auch mit „Musik ist alles“ und „Menschen in Aufruhr“ assoziiert. Zuletzt wurde der Bandname aber eher als Eigenname gelesen. Es gab auch verschiedene Schreibweisen, darunter Mia. (mit dazugehörigem Punkt). Aktuell ist MiA die korrekte Art, den Namen zu schreiben.

Also liegt das Zentrum des MiA-Kosmos in Mitte?

ANDY PENN: Für mich war Mitte immer wichtig. Ich bin da geboren, habe meine ganze Kindheit und Jugend dort verbracht. Und bei dem Dönermann bekam man eben auch morgens um vier noch was zu essen.

MIEZE KATZ: Für uns als Band war aber auch Pankow wichtig. Da hatten wir die ersten Proberäume. Da sind Lieder wie „Hungriges Herz“ entstanden.

Haben Sie nicht selbst auch lange in Pankow gewohnt?

MIEZE KATZ: Ja, ich bin da großgeworden. Und wenn ich heute mal da bin, um meine Mama zu besuchen, dann fahre ich gerne an der Bibliothek lang. Da war nämlich einer der schönsten Proberäume, die wir je hatten. Oder am Jugendclub Jup – wie geil, dass wir die Chance hatten, da zu proben! Wir haben viele Orte entdecken, mit Leben und unserer Musik füllen können, die es heute gar nicht mehr gibt: Pfefferberg, Knaack Club, Garage. Ich erinnere mich auch noch an die ganzen Band-Wettbewerbe. Das war toll.

Eine Schnitzeljagd wäre demnach heute gar nicht mehr möglich, weil viele der Orte nicht mehr existieren.

ANDY PENN: Stimmt. Viele Plätze als solche gibt gar nicht mehr. Aber demnächst geht so eine Schnitzeljagd bestimmt wieder. Mit VR-Brillen.

GUNNAR SPIES: Ich mag, was Andy gesagt hat: Seine Zuneigung zu Orten nicht davon abhängig zu machen, was der nächste Haifisch-Investor da für einen Scheiß hinstellt.

ANDY PENN: Wenn so etwas passiert und jemand einen Ort so vereinnahmt, denkt er oft, er würde ihn besitzen, gibt tierisch viel Geld aus – und natürlich leiden auch ganz viele Leute darunter, wenn sie an die Randbezirke ziehen müssen, weil sie zentral keine Wohnungen mehr kriegen. Aber niemand besitzt diese Orte. Es ist wichtig, sich das bewusst zu machen. Ich besitze diese Orte in meinem Herzen genauso, wenn nicht sogar mehr, als jemand, der was weiß ich wie viel Geld für so ein Haus hinblättert. Ich empfinde das als große Kraft.

Gunnar Spies, Mieze Katz, Andy Penn und Robert Schütze (v.l.n.r)
Foto: anna.k.o

Dazu passt, was Sie in „Tortenguss“ singen: „Was wir jetzt erleben, wird einmal Erinnerung sein.“ Was waren denn die schönsten Momente in Ihrer bisherigen Karriere?

MIEZE KATZ: Ganz generell das gemeinsame Reisen mit und durch Musik. Das hat einen ganz besonderen Stellenwert. Auch die Anfänge, als wir das gemeinsame Reisen noch üben mussten.

ANDY PENN: Da haben wir diverse Gitarren und Portemonnaies in Bussen und Flugzeugen liegengelassen.

MIEZE KATZ: Aber dieses besondere Erlebnis, auf einer Bühne zu stehen – ob in Jekaterinburg oder Beijing, also in Städten, wo niemand unsere Sprache spricht, und die Leute uns im Herzen aber trotzdem verstehen. Dass Musik Grenzen überwindet, hatten wir alle schon mal gehört. Aber das zu erleben und zu spüren, ist etwas vollkommen anderes. Das hat mich verändert.

Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen?

MIEZE KATZ: In Korea sind wir vor vielen Jahren mal in einer Art Philharmonie aufgetreten und haben dort unser Punkrock-Programm vor größtenteils älterem Publikum gespielt, wo wir im Vorfeld schon dachten: „Das geht nach hinten los. Wahrscheinlich gehen die alle.“ Wir hatten aber ein koreanisches Volkslied einstudiert – und das hat die Wende gebracht. Die Leute sind aufgesprungen, haben gejubelt. Und dann stand da diese bunte Punkrock-Band aus Berlin und war davon total ergriffen. Danach sind wir von der Bühne, haben uns in den Armen gelegen und geheult, weil wir selbst nicht mehr wussten, wohin mit uns. Dieser Moment war größer als wir. Das trage ich seither in mir.

ANDY PENN: Für mich gab es einen krassen Moment, als wir in Tokio gespielt haben. Während ich da auf der Bühne stand, ist mir eingefallen, dass ich zu Beginn unserer Karriere mal gesagt habe: „Irgendwann spielen wir in Tokio.“ Und das sagt sich so leicht daher, weil ja null Risiko dabei ist. Aber plötzlich war es eben so. Ich kann mich daran noch ganz genau erinnern, wir haben „Factory City“ gespielt. Das war unglaublich.

MIEZE KATZ: Ich fand die Love Parade 2003 auch beeindruckend – da sind wir ja mit einem Blasorchester aufgetreten.

Stimmt – ich erinnere mich. Aber wie kam das zustande?

MIEZE KATZ: Das war eine Schnapsidee von Andy. Wir hatten die Chance, die Love Parade vor dem ersten Wagen anzuführen, wussten nur noch nicht, wie. Andy nuschelte plötzlich was von einer Blaskapelle – das mussten wir dann erst mal auf uns wirken lassen.

ROBERT SCHÜTZE: Wir mit ’ner Blaskapelle?

MIEZE KATZ: Als ich dann zu Ostern mit meiner Familie im Tierpark war, spielte da plötzlich eine Jugendblaskapelle – und die hab ich einfach angequatscht. Mit denen sind wir dann aufgetreten. Dieses Erlebnis war nicht von dieser Welt.

ANDY PENN: Das ist eines der Erlebnisse, für die ich so unglaublich dankbar bin, und die einem nur das Musikmachen ermöglicht: Dinge zu machen, die einem einen neuen Horizont eröffnen – und sie einfach zu tun. Genau das ist doch Limbo!