Berlin - Dirk Moses wäre besser beraten gewesen, hätte er seinen Aufschlag im deutschsprachigen Raum, den „Deutschen Katechismus“ ebenso begonnen wie seine Antwort auf Saul Friedländer in der Wochenzeitung Die Zeit; eine Antwort, die mit einer Kritik am deutschen Umgang mit der BDS-Bewegung, zumal am Beschluss des Bundestages vom Mai 2019 beginnt. Bin ich doch hier mit Moses in der Sache einig, freilich nicht in seiner Begründung.

In seiner Entgegnung auf Friedländer erklärt Moses, warum er seinen „Katechismus“ geschrieben hat: „Nicht-jüdische deutsche Eliten versuchen, die – fraglos bewundernswerte – deutsche Erinnerungskultur, die sich circa seit den 1980er-Jahren entwickelt hat, für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.“ Dabei erinnert die Rede von den „Eliten“ fatal an jene Verschwörungstheorien, die Moses doch selbst kritisieren will – wenngleich er am Ende seines Beitrages in der Berliner Zeitung am Wochenende präzisiert: „dass eine Gruppe von Akteuren in Feuilletons und Politik zu bestimmen versucht, wie legitime Erinnerung an den Holocaust auszusehen hat, wer sie verkörpern darf – und wer nicht. Die Verteidiger des Katechismus postulieren jetzt einen ‚neuen Historikerstreit‘, um sich als Beschützer:innen der Öffentlichkeit vor den Barbaren von rechts wie von links aufzuspielen. Aber wir haben keinen neuen Historikerstreit. Wir haben einen neuen Illiberalismus.“

Bewundernswerte deutsche Erinnerungskultur

Freilich: Ein Blick in Moses interessantes, 2007 publiziertes Buch „German Intellectuals and the Nazi Past“ zeigt schnell, dass er sich mit dem ersten Historikerstreit zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas – er fand in den 80er-Jahren, zwanzig Jahre vor Erscheinen seines Buchs statt – in der Sache gar nicht intensiv befasst hat. Gleichwohl kritisierte er schon damals die „Sakralisierung einer antideutschen“ Identität. Auf jeden Fall: Für seine jetzige Behauptung, dass aus der – wie er einräumt – „bewundernswerten“ deutschen Erinnerungskultur ein starrer, selbstgefälliger Nationalismus folgt, bleibt er jedoch – bis auf die Ausladung Achille Mbembes – jeden Beleg schuldig. Vor allem aber spricht nichts dafür, dass VertreterInnen der These von der Singularität der Schoah „die Bedeutung der von Deutschland und anderen imperialen Mächten begangenen kolonialen Völkermorde immer wieder herunterspielen.“

Das zeigt sich an seiner Kritik der Arbeiten Götz Alys. So hat Moses offensichtlich das neueste, von ihm zitierte Werk von Götz Aly „Das Prachtboot“ entweder nicht gelesen oder völlig missverstanden, weist doch Aly im Gegenteil präzise nach, dass die Rede von der angeblichen „Gegenwehr“ der südpazifischen Kolonialmacht Deutschland in Wahrheit nichts anderes als die ideologische Verbrämung brutalster, Hunderttausende von Menschenleben fordernder Ausrottungspolitik war; einer Rassepolitik, die zudem in einem ideologisch-genealogischen Zusammenhang mit dem späteren Mord an den europäischen Juden stand.

Ein genauer Blick auf das ganze, von Dirk Moses selbst bisher vorgelegte theoretische Programm offenbart einen systematischen Fehler, der sich bereits in seiner Studie aus dem Jahr 2007 „German Intellectuals and the Nazi Past“ sowie in seinem soeben erschienenen, monumentalen Werk „The Problems of Genocide“ offenbart. In seiner Entgegnung auf Friedländer lautet sein Argument: „Tatsächlich“, so Moses, „werden alle Völkermorde von derselben Sachlogik getrieben: einem Drang nach ‚permanenter Sicherheit‘, die imaginierte Feinde präemptiv vernichtet – einer Logik der ‚Notwehr‘ folgend und nach ‚Endlösungen‘ strebend.“

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Die Selbsterhaltung politischer Institutionen

Und tatsächlich: Auf den allerersten Blick schien sogar Hitler dieser Logik zu obliegen, heißt es doch in „Mein Kampf“: „Haben wir ein objektives Recht zum Kampf für unsere Selbsterhaltung?“, um jedoch einige Zeilen später zu schließen: „Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrtausenden menschenleer durch den Äther ziehen. […] Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Diese Sätze, die schon 1925 Publizisten zu der Forderung veranlassten, der Autor möge sich einer psychiatrischen Behandlung unterziehen, haben nichts mit einem Bedürfnis nach politischer Sicherheit, aber alles mit einer klinisch-paranoiden Weltanschauung zu tun.

All seiner Gelehrsamkeit zum Trotz erkennt Moses nicht die Trivialität seiner eigenen Grundannahme: Sind doch alle politischen Institutionen seit jeher an ihrer Selbsterhaltung interessiert, wobei die Maßnahmen zu dieser Selbsterhaltung – und darauf kommt es an – erheblich differieren können: von Friedensschlüssen über Abschreckungsmaßnahmen bis zu Krieg und Mord. Aber sogar wenn man bereit wäre, seine Annahme für den jungtürkischen Genozid an den Armeniern gelten zu lassen, so wenig treffen sie für die von Götz Aly erforschten Genozide im Südpazifik bzw. für den von Adam Hochschild analysierten – vom belgischen Königshaus veranlassten – Genozid im Kongo zu.

Mehr noch: In Moses’ neuem Buch „The Problems of Genocide“ behauptet er mit Blick auf die Kolonialmächte Spanien und Portugal, dass deren Imperien gegründet worden seien, um für immer unverletzlich zu sein. Das ist eine – zumal für einen Kolonialhistoriker – erstaunlich ungenaue Analyse, denn: Man muss kein Marxist sein, um Moses daran zu erinnern, dass Kolonialismus und Imperialismus auch etwas mit Kapitalinteressen zu tun haben; war doch schon bei dem – von ihm selbst zitierten – Marx im „Kapital“ zu lesen: „Die Entdeckung der Gold- und Silberländer Amerikas, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation.“

Verglichen damit ist die Unterstellung, dass es diesen Kolonialmächten vor allem um permanente Sicherheit gegangen sei, inhaltsleer. Doch hat diese Inhaltsleere ihre Funktion, erlaubt doch nur sie es, koloniale Genozide und Holocaust einander gleichzusetzen und damit die Singularität der Schoah zu bestreiten. So gewiss es nämlich zutrifft, dass die auch industrielle Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden nur im Rahmen eines Plans zur kolonialen Unterwerfung und Ausbeutung Osteuropas möglich wurde, so sehr war es doch bis heute weltgeschichtlich einmalig, dass das nationalsozialistische Deutsche Reich plante, auch noch den letzten jüdischen Menschen auf dem – jawohl! – ganzen Globus zu ermorden. Das hat Dan Diner anhand der Tatsache erwiesen, dass das NS-Regime auch noch in seinen letzten Zügen, als der Krieg längst verloren war, im August 1944, kriegswichtige Transportkapazitäten nutzte, um wenige Juden von der griechischen Insel Rhodos in die Vernichtungslager im Osten zu deportieren.

Schwankende Deutungen

Moses’ im besten Falle gut gemeinte, historiografisch indes falsche Analyse des Holocaust galt eigener, nachgeschobener Auskunft gemäß vor allem dem „illiberalen“ BDS-Bundestagsbeschluss vom Mai 2019, der BDS für antisemitisch erklärte. Das aber ist eine Kritik, die Moses auch ohne seinen missverständlichen Deutschen Katechismus hätte äußern können. Ließ er doch die politisch entscheidenden, mit BDS verbundenen Fragen völlig außer Acht: So sehr nämlich der BDS-Forderung nach völliger Gleichheit der arabisch-palästinensischen BürgerInnen Israels – zumal nach der Verabschiedung des sog. Nationalstaatsgesetzes“ aus dem Jahr 2018 – zuzustimmen ist, so sehr ist es politisch unumgänglich, das in der UN-Resolution 194 garantierte Rückkehrrecht der Palästinenser zu präzisieren. Kann doch mehr als 70 Jahre seit Vertreibung und Flucht palästinensischer Araber nicht mehr von einer Rückkehr zu jenen Böden oder Wohnungen ausgegangen werden, die 1948 zwangsweise verlassen wurden. Vor allem daher ist auch die – bewusst alles offenlassende – Forderung von BDS, „die Kolonisierung allen arabischen Landes zu beenden“, inakzeptabel: Hier schwanken die möglichen Deutungen zwischen allen Böden, die die zionistische Besiedlung seit Ende des 19. Jahrhunderts hier und jenen Ländereien, die militante Siedler in der „Westbank“ seit 1967 dort in Besitz genommen haben. Ob dieser bewusst gewollten Mehrdeutigkeit ist das Programm von BDS zwar nicht antisemitisch, aber doch politisch weitgehend falsch und damit für die palästinensische Sache nicht hilfreich. Doch sind das Fragen, die Dirk Moses offensichtlich nicht interessieren.

Micha Brumlik ist Erziehungswissenschaftler und Senior Adviser am Selma-Stern-Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg.

Berlin - Dirk Moses wäre besser beraten gewesen, hätte er seinen Aufschlag im deutschsprachigen Raum, den „Deutschen Katechismus“ ebenso begonnen wie seine Antwort auf Saul Friedländer in der Wochenzeitung Die Zeit; eine Antwort, die mit einer Kritik am deutschen Umgang mit der BDS-Bewegung, zumal am Beschluss des Bundestages vom Mai 2019 beginnt. Bin ich doch hier mit Moses in der Sache einig, freilich nicht in seiner Begründung.

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