Michael Armitage.
Foto: Julian Stratenschulte

MünchenBei diesen Bildern ist man richtig, wenn man gern überrascht wird. Wenn es einen freut, auf falschen Fährten ertappt zu werden. Der Künstler heißt Michael Armitage, geboren wurde er 1984 als Sohn eines Vaters aus Yorkshire und einer Mutter vom Volk der Kikuyu aus Kenia. Vor fünf Jahren noch kannte ihn keiner, dann wurde er plötzlich zum Shooting Star. Eigentlich müsste er eine Speedline hinter sich her ziehen, so wie sie in Comics die schnelle Bewegung andeutet, wie bei dem Hühnerdieb auf einem seiner Bilder. Armitage war in New York ausgestellt, in London, Afrika und 2019 auch auf der Venedig-Biennale. Und nun, kaum wurde er in Bielefeld mit dem Ruth-Baumgarte-Preis ausgezeichnet, ist seine Kunst zum ersten Mal auch in Deutschland zu sehen. Das Haus der Kunst in München widmet ihm eine große und unbedingt sehenswerte Einzelausstellung.

Michael Armitage verbindet in seinen Bildern die Kultur und Tradition zweier Kontinente, heißt es allenthalben. Aufgewachsen ist der Künstler in Kenia, ausgebildet wurde er an der Slade School of Arts und der Royal Academy in London. Nun hat er ein Atelier in Nairobi, im großen Garten der Eltern, und eins in London. Ein komplexes Third Culture Kid, wie man diejenigen nennt, die in einer Kultur aufwachsen, die nicht die der Eltern ist – kulturell hybrid. Armitage nutzt diese Lebenssituation des „dazwischen“ höchst produktiv für seine Kunst.

Betrachtet man seine Bilder aus größtmöglicher Distanz, schaut man also nicht auf das figürlich Dargestellte, sondern lässt den Stil auf sich wirken, dann denkt man an etwa Gauguin oder so manches Bild der Brücke-Gruppe. Man meint auch Ansätze von Francis Bacon zu erahnen, alles westliche Kunst. Armitages Motive dagegen kommen aus Afrika.

Schon im Aufgang des Haus der Kunst empfangen einen Bilder von Affen inmitten tropischer Vegetation: Affen in menschlichen Posen. Ein Baboon, lässig hingeflätzt, das Gemächt verdeckt oder durch eine riesige Bananenstaude repräsentiert. Eine Äffin, die einen Büstenhalter mit Leopardenmuster trägt. Und schon ist man in ein unangenehmes Netz von Assoziationen verstrickt: Im sexualisierenden Blick auf die Bewohner Afrikas, ein rassistisches Topos, das einfach nicht totzukriegen zu sein scheint. Oder der Vergleich schwarzer Menschen mit Affen, eine Strategie der Entmenschlichung, mit der schon die Sklaverei gerechtfertigt wurde – nur eben wie umgekehrt gespiegelt in diesen Bildern.

In mehrdeutigen Motiven spiegelt sich die westliche Kulturgeschichte

Armitage ist ein politischer Bilderschöpfer. Auch sein Bilderzyklus um die Parlamentswahlen in Kenia 2017 zeigt das. Der erwähnte „Hühnerdieb“ gehört dazu, er nutzt wohl die Gelegenheit, dass die Aufmerksamkeit bei einer Wahlkampfveranstaltung anderweitig gefesselt ist. Die Autoreifen im Hintergrund wirken wie eine Drohung. Beim  Necklacing legt der Mob einen mit Benzin getränkten Autoreifen um den Hals des zu Richtenden und zündet ihn an. „Die vierte Gewalt“ zeigt eine Wahlkampfveranstaltung, Menschen in Kostümen, mit grünen Perücken und Plakaten, merkwürdigerweise zeigen einige eine Kröte, im Hintergrund ist die Skyline von Nairobi zu sehen.

Die Menschenmenge ist riesig, einige Teilnehmer sind auf einen Baum geklettert und haben auf einem ausladenden Ast Platz genommen – wohl, um von dort bessere Sicht zu haben. Man hat so etwas schon im Prado gesehen, in einem der Disparatos von Goya: Was für ein raffiniertes Zitat. Einen Raum weiter hält „Antigone“ ihre Klitoris ins Bild, in einem Land, in dem Mädchen noch immer beschnitten werden. Ein Laokoon kämpft im Foltergefängnis unter dem Nyayo House in Nairobi mit einer Giftschlange, die sich um seinen Fuß wickelt. Alles bei Armitage ist mehrdeutig, doppelbödig.

Armitage malt auf außergewöhnlichen Materialien

Tritt man näher an die Bilder heran, fallen einem kleine Wülste auf, sowie lange, unregelmäßige Nähte, als seien hier klaffende Wunden geschlossen worden. Michael Armitage malt nicht auf Leinwände, sondern auf Lubugo, einer Baumrinde, die einst Könige kleidete, in der Tote begraben wurden. Armitage aber hat Lubugo auf einem Touristenmarkt in Nairobi entdeckt, dort hatte es die Form eines Platzdeckchens angenommen. Der Künstler hat sich dieses kulturell einst bedeutende Material in unerwarteter Weise angeeignet, er stellt sich seinen Herausforderungen.

Verdienstvoll ist, dass das Haus der Kunst Armitages Verbindung zur ostafrikanischen Moderne zeigt, indem es die Werke von sechs Künstlerinnen und Künstlern aus der Region ausstellt. Diese Verbindung besteht, wenn Michael Armitage sie in ästhetischer Hinsicht auch weit hinter sich gelassen hat. Manches Motiv aber hat er aufgenommen, und er setzt die  Tradition der Ermächtigung fort. Wie einst die Künstler Sane Wadu und Meek Gichugu das Künstlerkollektiv Ngecha ins Leben riefen, so hat Armitage vor kurzem das Nairobi Contemporary Art Institute gegründet, Ausstellungsort und Archiv, Ort der Bewahrung, der Gegenwart und der Zukunft.

Michael Armitage. Paradise Edict Haus der Kunst in München, bis 14.2.2021