BerlinDie meisten Deutschen haben die vergangenen Wochen damit verbracht, mit den Konsequenzen der Pandemie zurechtzukommen. Nebenbei fand ja auch noch der Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl in den USA statt. Die wenigsten machten sich vermutlich Gedanken darüber, was genau passiert, wenn Trump die Wahl verlieren sollte. Es ging eher um die Frage, wie die US-Wahl überhaupt ausgehen wird. Dabei hatten die Vorzeichen bereits darauf hingedeutet, dass Trump im Fall einer Niederlage nicht so leicht aufgeben würde. Die Befürchtungen bewahrheiten sich jetzt.

Die Anzeichen dieses letzten Aufbäumens, das bis Januar 2021 – und vielleicht länger – andauern könnte, bekommt die Weltöffentlichkeit nun in aller Peinlichkeit zu spüren. Bereits nachdem die ersten Fernsehsender Joe Biden zum Wahlsieger erklärt hatten, begann Trump wutentbrannt zu twittern, dass ihm der Sieg gestohlen worden sei und dass es in mehreren Bundesstaaten zu Wahlfälschungen und Manipulationen gekommen sei. Donald Trump hat unmissverständlich klargemacht, dass er seine Niederlage nicht akzeptiert. Erst flüsterten seine Berater amerikanischen Medienvertretern zu, Trump bräuchte nur ein wenig Zeit, um den Wahlausgang zu verdauen. Die letzten Tagen haben aber eher das Gegenteil gezeigt: Trump will die Niederlage nicht anerkennen. Nicht heute und vermutlich auch nicht morgen.

Ein Leben als Immobilienspekulant wäre langweilig

Trump raunt von Tweet zu Tweet, dass ihn die Eliten betrügen würden. Er hat eine Hotline eingerichtet, bei der seine Wähler Beweise für Wahlmanipulationen abliefern können. Außerdem existiert ein Spendenkonto, auf dem Beträge gesammelt werden, mit denen Trump seine Anwalts- und Gerichtskosten bezahlen will, um gegen das Wahlergebnis vorzugehen. Nichts deutet darauf hin, dass Trump die weiße Flagge hissen will, obwohl selbst seine engsten Vertrauten die Wahlniederlage akzeptiert haben.

Kurz vor der US-Wahl hat das Magazin „The New Yorker“ eine Reportage veröffentlicht, in der die Journalistin Jane Mayer umfassend darlegt, was passieren könnte, falls Trump die Wahl verliert. Erschreckend ist, wie genau die Prognosen nun eintreffen. Zwar hat Trump auf die Frage nicht geantwortet, wie er sein Leben im Falle einer Wahlniederlage gestalten will. Es kommen aber immerhin Menschen zu Wort, die Trump nahestehen und einen Einblick in seine Psyche geben. Ein Geschäftspartner gab zu Protokoll: „Mit Fragen nach seiner Zukunft darf man Trump nicht kommen. Er wird wütend, wenn man nur darauf anspielt, dass er die Wahl verlieren könnte.“

Einer seiner Mitarbeiter wiederum ließ verlautbaren, dass sich Trump ein Leben als Immobilienmagnat nicht mehr vorstellen könne. Die beiden Männer hätten in einem Auto zusammengesessen, während sie an einer Menschenmenge aus Trump-Unterstützern vorbeifuhren. Dabei soll der Präsident gesagt haben: „Ist das nicht unglaublich? Nach so etwas könnte ich niemals mehr zu einem Job zurückkehren, in dem ich mich um Fensterbestellungen kümmern muss. Das wäre so langweilig.“

Wird Trump das Land verlassen?

Mehreren amerikanischen Berichten und Zeugenaussagen zufolge soll Donald Trump ungeheure Angst davor haben, dass ihm etwas Ähnliches passiert wie Richard Nixon nach dem Watergate-Skandal. Er hat Angst davor, dass ihn die amerikanische Justiz vors Gericht zerrt – ein Prozess im Bundesstaat New York wird vermutlich nach seinem Immunitätsverlust anberaumt werden. Dabei geht es vor allem um mögliche Steuerhinterziehungen. In welcher Form Trump überhaupt verurteilt werden kann, darüber streiten sich die Rechtsgelehrten. Möglich wäre, dass sich Trump in den nächsten Monaten als Noch-Präsident für unschuldig erklärt oder zurücktritt, damit Michael Pence ihn begnadigen kann, so der „New Yorker“. Das käme aber indirekt einem Schuldeingeständnis gleich – und so ein Eingeständnis würde Trumps Ego widersprechen.

Überhaupt dreht sich bei Trump viel um sein Selbstbewusstsein und seine Unfähigkeit, Fehler einzugestehen. Im Gespräch mit Mary Trump, der Nichte des Präsidenten, hat die Journalistin Jane Mayer einen Einblick in Trumps Temperament bekommen und erfahren, dass für die Trump-Familie eine Niederlage einem Todesurteil gleichkomme – „metaphorisch, aber auch wortwörtlich“. Trumps Vater habe Fred Trump Jr., Donald Trumps älteren Bruder, für einen Nichtsnutz gehalten und ihn mit Mobbingattacken regelrecht in den Alkoholismus und so schließlich in den Tod getrieben. Donald Trump entgehe einer solchen Schande, indem er sich immerfort zum Sieger erklärt – komme, was wolle. Alles andere wäre eine „narzisstische Kränkung“, die er nicht ertragen könne, so Mary Trump.

Die Art und Weise, wie Trump nun mit seiner Niederlage umgeht, lässt tief blicken in seinen Charakter: Er negiert den Wahlausgang, widersetzt sich der Wirklichkeit, erklärt sich zum Sieger. Es spricht vieles dafür, dass sich diese Einstellung der Wirklichkeitsverweigerung nicht mehr ändern wird. Anstatt der Realität ins Auge zu schauen, spricht Trump der Wahrheit ihre Legitimität ab, indem er eine neue erfindet. Angst vor einer möglichen Strafverfolgung könnte hierbei eine wichtige Rolle spielen. Das zumindest legt Barbara Res nahe, die 16 Jahre lang Trumps Immobilienprojekte geleitet hat. Die Autorin des Buches „Tower of Lies“ (zu Deutsch: „Lügentürme“) hat dem „New Yorker“ zugeflüstert, dass sich Trump vor einem Leben hinter Gittern fürchtet. Um Strafen zu vermeiden, würde er sogar nach seinem Amtsverlust in Erwägung ziehen, das Land zu verlassen. 

„Ich befürchte, dass es zu keinem friedlichen Machtwechsel kommt“

So weit muss es freilich nicht kommen. Dennoch ist auffällig, was Donald Trump seinem ehemaligen Kommunikationstrategen Anthony Scaramucci 2016 gesagt haben soll, als er gefragt wurde, was er tun würde, wenn Hillary Clinton die Wahl gewinnt. Trump soll damals schon geraunt haben, dass er bereits ein Flugzeug nach Schottland bestellt habe, um dort in seinem Ressort in Turnberry Golf zu spielen. Zwischen seinem Hobby Golf und Niederlagen scheint es eine Verbindung zu geben. Zumindest wirkt es nicht ganz zufällig, dass Trump – vor der Veröffentlichung seiner Wahlniederlage vom vergangenen Sonnabend – in ein Auto gestiegen ist, um in seinem Resort in Sterling, Virginia, zu golfen. So besehen, könnten mögliche Fluchtfantasien gar nicht so unrealistisch sein. Andere behaupten sogar, dass er einen Militärputsch plant (siehe den heutigen Leitartikel in dieser Zeitung).

Kann man also aus den Gesprächen mit Trump-Vertrauten prognostizieren, was der Noch-Präsident als Nächstes tun wird? So viel scheint klar zu sein: Trump wird alles dafür geben, um die Wahlniederlage nicht anzuerkennen. Eher wird er bis zum bitteren Schluss an der Lüge anknüpfen, dass die Wahlen grob manipuliert wurden, auch wenn er es nicht beweisen kann. Michael Cohen, Trumps ehemaliger Anwalt, der wegen einer Falschaussage zu Manipulationen bei der Wahl von 2016 und Steuerhinterziehungen in Haft sitzt, hat schon im Februar 2019 in einem Interview mit CNBC eindeutig prophezeit: „Trump würde niemals eine Niederlage eingestehen.“ Außerdem fügte er hinzu: „Ich befürchte, dass es niemals zu einem friedlichen Machtwechsel kommt, falls Trump die Wahl im Jahr 2020 verlieren sollte.“

Und genau davor sorgen sich aktuell amerikanische Analysten: dass Donald Trump die Niederlage niemals anerkennt und bis zum 20. Januar 2021, bis zum Zeitpunkt der Amtseinführung von Joe Biden, größeren Schaden anrichten könnte, als er es in der ganzen Zeit seiner Präsidentschaft getan hat. Mary Trump hat es so formuliert: „Er wird jetzt versuchen, so viel Steuergeld wie möglich abzukassieren.“ Sicherheitsexperten äußerten zudem die Sorge, dass Trump militärische Operationen anleiern könnte, die nach Bidens Amtseinführung schwer zu reparieren wären, etwa Provokationen gegenüber dem Iran. 

Wie sieht Trumps Zukunft also aus? Die Journalistin Jane Mayer vom „New Yorker“ ist sich sicher, dass Trump so schnell nicht verschwinden wird, ob als Politiker der Republikaner oder als Mythos. Gerüchten zufolge denkt Trump darüber nach, erst einmal abzukassieren und seinen Namen für weitere Hotel- oder Merchandisingprojekte zu instrumentalisieren. Außerdem heißt es, dass Trump über die Gründung eines Medienhauses nachdenkt. Jared Kushner, der Schwiegersohn von Trump, soll bei einem Fernsehsender angerufen und nach dem Kaufpreis gefragt haben. Die Idee dahinter: die Gründung von Trump TV. Und danach? Die US-Präsidentschaft 2024.