Michael Diller in seinem Atelier in der Pappelallee, 1990
Foto: Wolfgang Kunz

BerlinFreilich hatte Michael Diller seinen „Schielenden“ mit einem Wortspiel betitelt, seinen Doppelsinn in die Radierplatte geritzt, dieses zur Maske unkenntliche Gesicht des Mannes und den entblößten Körper. Der ist hühnerbrüstig mager, eckig fast, verletzbar ausgesetzt, existenzialistisch. Eine Egon-Schiele-Gestalt eben, ein „Ecce homo“ wie er im Buche steht. Kein Held, eher ein Leidender, aber ein Märtyrer, der sich still zu wehren weiß, sich entzieht – jeder Festlegung, jeder Vereinnahmung oder Anpassung.

Solche expressiven Grafiken, eigensinnig, technisch exzellent, von subtilem Humor, ja, Sarkasmus geprägt, hat Michael Diller, dieser Thüringer in Berlin, seit Mitte der 1980er-Jahre immer öfter übermalt, seinen hell-dunklen „Grabungen“ in die Zink- oder Kupferplatten Farbe gegeben. Das war gleichsam ein symbolischer Akt, der das Exklusive, Kostbare der düsteren Radierungen   rabiat tilgte und ihm, dem bisherigen, ausschließlichen Grafiker ermöglichte – und   ermutigte – nun auch ausdrucksstark zu malen.

„Schielender“, undatiert, Radierung auf Papier. 
Bild: Privatbesitz

Am 27. Januar des bald beginnenden neuen Jahres würde Michael Diller siebzig Jahre alt und gern würden seine Freunde ihn feiern. Aber schon 1993 verwaiste sein illustres, von einem gründerzeitlichen Glasdach überwölbtes Atelier in der Pappelallee, in dem dereinst, wie es heißt, Künstler der Preußischen Akademie gewerkelt hatten.

Zehn Jahre lang war dieses gewächshausartige Atelier über den Dächern der Stadt Treffpunkt der Szene des Prenzlauer Bergs und weit darüber hinaus. Die Besonderheit des Ortes bestand darin, dass es keine homogene Szene war, die sich hier versammelte – Dillers Atelier war offen für jeden, der kommen wollte. Und er saß mittendrin – und radierte seine ruppigen Schutzengel und das eine oder andere Kruzifix, schleuderte feuerrote und sonnengelbe Farbe über eine „Siesta“-Szene, machte seine Bilder wie ein Unberührbarer, einfach nicht abgelenkt vom Partylärm oder den hitzigen Debatten der Freunde.

Diller in seinem Atelier in der Pappelallee um 1985.
Foto:  Harf Zimmermann

Der Grafiker und Bohemien Diller wurde zu einem abstrakten Expressionisten. Kunsthistoriker vergleichen sein relativ überschaubares Werk, das zu schaffen ihm ja gerade mal ein Jahrzehnt   vergönnt war, mit den dänisch-belgisch-niederländischen COBRA-Malern um Karel Appel und Asger Jorn in den 1950er-Jahren. Mehr noch hatte Diller Inspiration bei Willem de Kooning, diesem kreativen Universum des „abstract painting“ gefunden.

So wundersam und nicht fassbar wie Dillers surreale Wesen auf den Grafiken, so sind sie es auch auf der Leinwand. Der „Mann mit gelber Gambe“ von 1984 wirkt wie einer anderen Zeit entstiegen, eine wilde Phantasma-Gestalt, aber im Zerrspiegel der Verhältnisse in den engen und einzwängenden DDR-Nischen, den obrigkeitsstaatlichen Bevormundungen und den immer hörbarerer zerschellenden Utopien.

„Mann mit gelber Gambe“, 1984 , Öl auf Papier und Hartfaser. 
Bild: Privatbesitz

Diller war ein nicht zu domestizierender Außenseiter, allerdings mit großem und echtem Freundeskreis. Was er mit schwarzem Humor radierte und mit heftigem Gestus und dick aufgetragenen Farben malte, hat etwas von tief melancholischen, absurden, paradoxen Komödien. Und es wirkt zugleich aufsässig – bei gleichzeitigem Rückzug des Verursachers dieser Bildgeschichten.

Ein Kenner von Dillers Werk, der Kunsthistoriker und heutige Künstlerhaus-Bethanien-Leiter Christoph Tannert, erlebt in den Bildern des Freundes, in den „hektischen Expressionen“ dieses Sonderlings gar ein Gefühl höchster Dringlichkeit, fast etwas Panisches. Das alles ist weit weg von jeder akademischen Feinmalerei, von der Mythenschwere der Leipziger Schule und auch diesem gewissen weltabgewandten Sensualismus der sogenannten Berliner Schule.

1990 malte Diller „Brüder“ – ein lichter Farbrausch zur Wende? Aber 1991, zwei Jahre vor seinem tödlichen Autounfall auf einer vereisten Landstraße in der alten Heimat Thüringen, malte er den „Sitzriesen“, eine hohe vertikale Tafel. Die seltsame, groß erscheinende Figur mit langem Rumpf und kurzen Beinen erscheint als abstruser, jeden Aufbruch erdrückender Fleisch- und Farbberg, abstrakt-real. So nah war Michael Diller seinem Vorbild de Kooning nie zuvor.

Mein Bild der Woche

Der Künstler: Michael Diller, geboren 1950 in Thüringen, war gelernter Schiffsbauer, studierte Kunsterziehung an der Humboldt-Universität Berlin, wurde Grafiker. Inspiriert vom Werk des niederländisch-amerikanischen Malers Willem de Kooning begann er 1987 zu malen. Sein Atelier in der Berliner Pappelallee wurde zum Künstlertreff. 1993 starb Michael Diller bei einem Autounfall.

Die Ausstellung: „Mal wieder was Farbiges. Michael Diller und sein Kreis“ ist eine Hommage an die Freiheit der Kunst. Zu sehen sind Diller-Werke und die von 14 engen Freunden. Galerie Parterre, Danziger Str. 101, bis 23. Februar, Mi–So 19−21/Do bis 22 Uhr (Pause: 21.12.−1.1.), Tel.: 902953821 www.galerieparterre.de