Michael Gwisdek.
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BerlinMach nicht wieder Quatsch, Micha. Ich habe doch gesehen, wie du nach einem Pistolenschuss zusammengesunken und liegengeblieben bist, oder wie du mit abgewendetem Gesicht gegen eine Wand ranntest und ohnmächtig wurdest. Jedes Mal bist du wieder aufgestanden. Privat hast du ja immer solchen Quatsch gemacht. Zum Beispiel irritiertest du auf Partys als Besoffener. Wer nicht wusste, dass du, ein Gastwirtssohn, niemals Alkohol trinkst, fiel drauf rein. Aber selbst bei den Dreharbeiten zu „Hälfte des Lebens“ – dem unvergesslichen Film über die verzweifelte Liebe des Poeten zu einer verheirateten Frau – bist du bei den Kameraproben immer wieder über eine Schwelle gestolpert. Beim Drehen dann nicht mehr, da kam der Profi. Aber du hast es genossen, mit einer Idee und deinem trainierten Körpers Leute zu erschrecken, aus dem Augenwinkel zu beobachten, wie sie reagieren.

Von dir konnte man lernen, Filme und Schauspieler uneingeschränkt zu lieben. Keiner konnte Filme so nacherzählen und Schauspieler so neidlos vergöttern wie du. Micha ging nicht ans Telefon, wenn Karajan oder Furtwängler dirigierten, bloß keine Unterbrechung. Und keine Ausschnitte beim Sport. Die Körpersprache von Boris Becker war schon beim Rauskommen wichtig. Micha holte während des Spiels keine Cracker und verkniff sich die Toilette, er wollte alles erleben, nur „Konsumierer“ sein, „eine der luxuriösesten Sachen, die es gibt“.

Und nun bist du weg? Micha, mein Micha, alles tut mir weh – das hat Nina Hagen im Lied über den vergessenen Farbfilm gesungen. Jetzt bekomme ich die Zeile nicht aus dem Kopf.

Mir fällt bei diesem niemals in Erwägung gezogenen Nachruf eine Idee von dir ein – sie war etwas außer der Ordnung.

Corinna Harfouch und Michael Gwisdek in „Der Tangospieler“. Die beiden waren von 1985 bis 2007 verheiratet.
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Du hattest zum jährlichen Gartenfest eingeladen, auf dein Grundstück in der Schorfheide. Wie immer waren sehr viel Leute da, Mario Barth kam als ein Neuzugang. Das Haus war, in meiner Erinnerung, das Erbe einer Tante. Du hattest dich bei seiner Erneuerung zu einem Meister verschiedener Zünfte entwickelt und Freundschaften mit ebenfalls tüchtigen Nachbarn aufgebaut. Manche waren auch bei diesem Fest dabei. Wie immer bei dir hing über allem Erwartung.

Corinna Harfouch kam natürlich auch zum Fest. Ihr wart von 1984 bis 2007 sowohl verheiratet als auch seit 1999 getrennt. Bei euch ging das, aber mit Schmerzen. 1989 machte ich ein Interview mit euch, Überschrift: „Ein Ehepaar macht einen Film. Was macht ein Film mit einem Ehepaar?“ Da saß auch eine große Gereiztheit am Tisch, ungebändigter Zorn, Kraft, Ebenbürtigkeit, Intelligenz. Da waren Liebeserklärungen und die Stimmung einer Endzeit.

Es war reiner Zufall, dass ich irgendwann um diese Zeit Gwisdek mit einer fremden jungen Frau in einem Café am Luxemburgplatz gesehen hatte. Da läuft was Ernstes, dachte ich. Denn Gwisdek hörte nur zu, Körpersprache zugewandt, Augen in Augen. Tage später fragte ich ihn: „Du hast gar nicht geredet?“ Er: „Nein. Ihr will ich zuhören.“ Die Frau war Gabriela, seine bald anerkannte feste Freundin.

Michael Gwisdek mit seiner Ehefrau Gabriela bei der Berlinale 2014.
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Gwisdek stieg beim Sommerfest über ein paar Stufen auf eine Art Vorbau und begann, über Gabriela zu erzählen. Sie stand verlegen zwischen den Gästen. Gwisdek bat sie nach oben und machte ihr einen Heiratsantrag. Sie zitterte und stimmte zu. Dann ging Mario Barth zu den beiden hoch, ließ sie sich vor uns als Zeugen das Ja-Wort geben und hielt eine wirklich zu Herzen gehende Hochzeitspredigt. Wir wussten nicht, dass ihr später richtig heiraten würdet, wir hätten auch so an die Bindung geglaubt.

Habt ihr eure Absicht durchgehalten, keinen Tag getrennt zu sein?

Der auf Außenwirkung gerichtete Michael Gwisdek hatte einen stillen, reflektierten Kern. Er dachte über die Welt nach, er konnte scheu sein.

Szene aus „Nachtgestalten“: Michael Gwisdek mit Ricardo Valentin.
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Im Februar 1999 bekam er auf der Berlinale als erster deutscher Gewinner in dieser Kategorie einen Silbernen Bären – für eine vergleichsweise kleine Rolle als eine der „Nachtgestalten“, Buch und Regie von Andreas Dresen. Micha spielt Peschke, einen Angestellten, ein armes Schwein im Mercedes, ein gehetzter grauer Mann am Ende seiner bescheidenen Karriere. Er soll japanische Geschäftsleute am Flughafen abholen, sie verpassen sich. Er vermisst sein Portemonnaie, verdächtigt einen schwarzen Jungen, findet das Geld wieder, glaubt nun, sich um das Kind kümmern zu müssen, verliert Handy, Auto und wahrscheinlich den Job. Peschke ist ein kleiner Narr und ein großer Mensch.

Nach der Preisverleihung meldet der Anrufbeantworter, dass die Mailbox voll sei, Faxe kringeln sich als Gratulationskur über den Boden. Micha sieht nichts, hört nichts, holt die Post nicht raus. So sieht das Glück aus.

Micha hat immer viel gearbeitet – Theater, Film, Fernsehen. Sein Gesicht ist unter den Falten junggeblieben, wie bei einem Cowboy, der immer noch was vorhat. Aber am Dienstag ist er mit 78 Jahren gestorben.