Das Café Eiles in Wien, achter Bezirk, ist ein idealer Ort für Gespräche. Einerseits weitläufig wie die Halle eines Kleinstadt-Bahnhofs aus dem 19. Jahrhundert, andererseits heimelig mit seinen rotgepolsterten Sitzecken und Marmortischen. Es gehört zu den Lieblingsorten von Künstlern, Schauspielern, Regisseuren. Er sei eigentlich kein Kaffeehausgänger, meint Haneke, es sei nur praktisch, er wohne nicht weit von hier. Groß, hager, das Gesicht hinter viel grauem Haar und Bart sehr offen, strahlt Haneke eine freundliche Ruhe aus. Er spricht mit dunklem Timbre und unverkennbar wienerischer Melodie − was seine Sätze nicht weniger präzise macht.

Herr Haneke, Ihre Filme sind für manche Zuschauer Mutproben. Man sitzt fasziniert, aber mit nervöser Anspannung im Kino. Machen Sie den Leuten gern Angst?

Na bitte! Es gibt eigentlich nur einen Film, vor dem man sich fürchten kann, das ist „Funny Games“. Bei allen anderen muss man sich nicht fürchten. Aber bei „Funny Games“, da soll man sich auch fürchten.

In „Funny Games“ wird eine Familie aufs Brutalste von zwei jungen Männern ermordet. Auch bei Ihrem jüngsten Film „Happy End“ rechnet man mit dem Schlimmsten. Gleich zu Beginn vergiftet jemand einen Hamster, als Test für einen geplanten Mord. Wie oft in Ihrem Werk filmt der Täter das Töten mit. Und dieser Täter ist wahrscheinlich ein Kind.

Das beruht auf einer wahren Geschichte, die ich in der Zeitung gelesen habe. In Japan hat ein 14-jähriges Mädchen seine Mutter vergiftet, über einen längeren Zeitraum hinweg, und hat das ins Internet gestellt. Das Internet hat heute die Stelle der Kirche eingenommen. Anstatt zu beichten, setzt man seine Tat ins Internet.

Und statt der Absolution bekommt man „likes“?

Ja, wobei bei „Snapchat“ das Bild nach zwei Sekunden wieder verschwindet, also nur ganz kurz sichtbar ist. Es kann nur schwer zurückverfolgt werden. Das ist etwas für Leute, die sich äußern wollen, ohne Spuren zu hinterlassen. Der Erfolg solcher Programme sagt natürlich etwas aus über uns.

Nimmt die Verrohung zu?

Nein. Nur haben die Leute endlich die Möglichkeit, alles zu sagen, ohne dass man sie zur Rechenschaft ziehen kann. Was sich etwa in den Kommentarspalten der Zeitungen an Bösartigkeit und Gehässigkeit täglich niederschlägt und zwar in großem Ausmaß, ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Für mich ist das keine Überraschung, ich bin auch nicht schockiert. Das gab es immer. Jeder Mensch hat gute und böse Seiten, und im Netz kommen natürlich die bösen zum Tragen, die darf er ja sonst nicht herauslassen.

In Ihren Filmen sieht man oft, wie jemand Gewalt abfilmt – so realistisch, wie es draußen auch getan wird. Mit dem Smartphone kann jeder zum Katastrophenreporter werden.

Schauen Sie, wenn Sie auf der Autobahn fahren, und es passiert ein Verkehrsunfall, dann gibt es mindestens drei, vier Auffahrunfälle, weil die Leute so geil darauf sind, zu sehen, was da los ist. Das ist so. Die Menschen sind auch so. Wie es Georg Büchner gesagt hat: „Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ Aber gleichzeitig hat der Mensch auch wunderschöne Seiten. Und das Wesen jeder erzählenden Kunstform ist der Versuch, diese Widersprüchlichkeit einzufangen. Im Mainstream-Kino gibt es die Guten und die Bösen, das gibt es halt nicht in der Wirklichkeit. Jeder Mensch ist auch böse. Er muss nur in die richtige Situation kommen. Kein Mensch ist nur gut, und kein Mensch ist nur böse. Wir sind alle zu allem fähig.

Ist das nicht auch eine Frage der Erziehung?

Das ist ein Projekt, das oft nicht erfolgreich ist. Unterm Strich bleibt nur die Kultur übrig, die unsere Gesellschaft heute für uns lebbarer macht. Aber wenn Sie sich anschauen, wie viele Tote es durch Gewalt gab, zu jeder Zeit, dann sind wir heute nicht schlimmer dran als früher. Natürlich haben wir die Atombombe, da kann so ein Irrer aus Nordkorea oder der Herr Trump aufs Knopferl drücken. Trump ist auch das Resultat einer medialen Landschaft. Wenn es das Internet nicht gäbe, wäre Trump nicht da, wo er heute sitzt.

Ist das Internet an allem schuld?

Damit man das nicht falsch interpretiert: Ich bin überhaupt nicht gegen das Internet. Ich glaube nur, dass es unser Leben auf eine so fundamentale Weise verändert hat wie nichts in der Menschheitsgeschichte und zwar in äußerst kurzer Zeit. Das Rad wurde erfunden, die Dampfmaschine, der Buchdruck, aber das alles hat gedauert, bis es weltweit zu Veränderungen geführt hat. Das Internet hat die Welt innerhalb von 15 Jahren komplett verändert, und das überfordert jedermann. Die Jungen lernen leichter, mit dem Netz und den Medien umzugehen, als die Älteren. Ich beschäftige mich damit, weil ich wissen möchte, was das ist, aber für meine Generation ist das untypisch.

In Ihrem gerade veröffentlichten Drehbuch zu „Happy End“ sind ein paar Originalseiten zu sehen – mit vielen Zeichnungen und handschriftlichen Notizen von Ihnen. Das sieht eher analog aus.

Ja, mein Gekritzel − ich kann überhaupt nicht zeichnen. Bevor ich ein Drehbuch schreibe, mache ich mir Notizen, bis ich das Gefühl habe, genügend Ideen gesammelt zu haben. Dann schreibe ich sie in den Computer und stecke die Zettel an eine Pinnwand. Das Schreiben selber ist eine leichte Arbeit − wenn man Dialoge schreiben kann. Lernen kann man das nicht, entweder man kann’s oder nicht. Aber die schwierigste Arbeit beim Film oder bei einem Theaterstück ist das Konstruieren. Beim Roman können Sie sich auch Durststrecken leisten. Beim Film oder beim Theater müssen Sie sich in jedem Moment darüber bewusst sein, wie Sie den Zuschauer kriegen, wie Sie ihn halten. Das Drehbuchschreiben macht mir Spaß, auch deshalb, weil ich nur mit meinen eigenen Schwierigkeiten konfrontiert bin. Beim Drehen ist man mit fünfzig Leuten konfrontiert, die alle mit dem eigenen Kopf denken und die ich dazu bringen muss, mit meinem Kopf zu denken. Eine angenehme Phase ist dann wieder die Postproduktion, dazu gehört auch die Tonmischung.

Sie sind einer der wenigen Regisseure, die den „Geräuschemacher“ im Abspann nennen.

Ja, natürlich. Das sind die einzigen wirklichen Künstler in der Postproduktion. Sie kommen mit ein paar Koffern, in denen irgendwelches Gelumpe drin ist und damit schaffen sie eine akustische Welt. Mit einem Draht, den sie zum Schwingen bringen, stellen sie plötzlich einen Raum her. Sie sind wie Maler – sie schaffen aus nichts eine Wirklichkeit. Ich bin ein Ohrenmensch. Und ich bin auch der Meinung, dass man den Zuschauer im Kino über das Ohr besser kriegt als über das Bild. Weil wir alle blind sind von Bildern.

Dann sind Sie sicher ein Gegner der Synchronisierung.

Ich habe die Synchronfassung zweimal selber gemacht – bei „Caché“ und bei „Die Klavierspielerin“, da ging es, aber bei „Caché“ war sie schlecht. Synchronisierung ist die systematische Zerstörung der Arbeit, der synchronisierte Film ist tot. Nur im deutschsprachigen Raum und in Italien wollen die Leute synchronisierte Filme sehen. Es ist eine furchtbare Unsitte.

In Ihren Filmen verstecken Sie kleine Hinweise darauf, dass sich die Figuren untereinander kennen. So findet sich in „Happy End“ im Mail-Account eines Arztes, der seine junge Frau betrügt, der Name des jugendlichen Liebhabers aus der „Klavierspielerin“ . Sind alle Ihre Figuren miteinander verwandt und verbandelt?

Ich verwende immer die gleichen Namen, auch aus Faulheit. Wozu soll ich mir jedes Mal immer irgendwelche Namen überlegen? Ich beschreibe eh immer die gleichen Leute und kann nur die beschreiben, die ich kenne.