Romy Schneider.
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Der Film „3 Tage in Quiberon“ nährt aufs Neue den Mythos Romy Schneider. Er war der mit zehn Nominierungen höchstdotierte Kandidat bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am 27. April und erzählt die Geschichte eines aufsehenerregenden Interviews, das der Stern-Reporter Michael Jürgs vor 37 Jahren mit Romy Schneider führte. Jürgs wurde später Chefredakteur des Magazins – bis er den Posten wegen eines süffisanten Kommentars zur Wiedervereinigung räumen musste. In seiner zweiten Karriere hat sich der heute 72-Jährige als Autor vor allem mit Biografien (Günter Grass, Axel Springer) und deutschen Befindlichkeiten („Typisch Ossi, typisch Wessi“) auseinandergesetzt. Wir sprachen mit Jürgs in Hamburg über sein berühmtestes Interview.

Herr Jürgs, Sie haben im Frühjahr 1981 das letzte Interview mit Romy Schneider vor ihrem Tod geführt. Waren Sie sich zuvor schon mal begegnet?

Nein. Es war auch Romy Schneider, die sich den Stern, wo ich damals das Unterhaltungsressort leitete und viele Promi-Interviews führte, ausgesucht hatte. Sie kannte die hohe Auflage und war sich der Wirkung des Magazins sehr bewusst. Das wollte sie in ihrer damaligen Situation für sich nutzen.

Sie steckte in einer Krise.

Die Scheidung von Daniel Biasini, ihrem zweiten Ehemann, lief gerade. Ihr innig geliebter Sohn David ging auf Distanz zu ihr. Auch ihre Karriere stockte, sie floh in Tabletten und Alkohol. Die Krise war existenziell, und sie hatte das Bedürfnis, dieses einmalige Interview zu geben, nachdem deutsche Journalisten sie jahrelang gejagt und Lügen über ihr Privatleben verbreitet hatten, ohne je mit ihr gesprochen zu haben.

 Im Film „3 Tage in Quiberon“ werden Sie von Robert Gwisdek gespielt – ein unnachgiebiger, sehr von sich eingenommener Reporter ...

… ein Kotzbrocken!

Das hat Ihnen nicht gefallen?

Natürlich nicht. Und da geht man in sich: Verflucht noch mal, bin ich wirklich so gewesen? Es gab sicher diese Arroganz der Macht, die damals jeder kleine Fuzzi beim Stern in sich trug. Davon kann ich mich nicht freisprechen. Dennoch zeigt der Film einige Dinge, die ich nie gemacht hätte.

Zum Beispiel?

Zu Beginn des Interviews schenke ich ihr Weißwein ein. Als ob ich der Reporter des Satans wäre, der jemanden besoffen machen muss, um seine Geschichte zu bekommen! Den Wein hatte Romy selbst mit aufs Zimmer gebracht. Das war ja das Skurrile: Wir befanden uns in einer Nobel-Entzugsklinik an der einsamen Atlantikküste, aber wie viele andere Gäste hatte Romy ihre Tricks, um Verbotenes einzuschmuggeln und die Zimmermädchen zu bestechen.

Hat die Regisseurin Emily Atef Sie um Rat gefragt?

Ja, ich habe ihr auch viele Details von damals schildern können. Und sie konnte mich auch überzeugen, dass die Überzeichnung meiner Person in Ordnung geht. Es ist schließlich ein Film. Da braucht es konträre Rollen und Konflikte. Ich bin in diesem Kammerspiel derjenige, der die bösen Fragen stellt. Ich finde den Film sehr gelungen. Und bei Marie Bäumer hatte ich bei einigen Szenen wirklich das Gefühl, Romy Schneider wieder zu erleben. Das ist großartig.

Der Ort, die Umstände, die Direktheit und Offenheit des Gesprächs: All das erscheint heute bei Prominenten-Interviews undenkbar. Da sitzen Agenten als Aufpasser mit am Tisch und greifen bei unliebsamen Fragen ein.

Wir hatten Zeit und waren ungestört. Romy hatte die Zusicherung, dass sie das Interview vor dem Druck noch einmal lesen darf. Das hat sie frei gemacht. Dennoch: Ohne die Nacht zuvor wäre das Gespräch sicher anders verlaufen.

Was war da passiert?

Als der Fotograf Robert Lebeck und ich im Hotel ankamen, schlug sie vor, am Abend noch mit ihr und ihrer angereisten Jugendfreundin aus Wien auszugehen. Wir landeten in einer Hafenkneipe, wo man sie erkannte. Das gefiel ihr. Die Franzosen lieben ihre Stars zu Lebzeiten, die Deutschen erst, wenn sie tot sind. Jedenfalls wurde Romys Stimmung immer gelöster. Sie hat viel erzählt, mich aber auch sehr viel gefragt. Über meine Familie, über meine politischen Einstellungen, über Willy Brandt, den wir beide mochten. Irgendwann in der Nacht hat sie mich dann geduzt, während Bob diese unglaublichen Fotos geschossen hat, als sie spontan mit einem Gast tanzte. Es ging ihr in solchen Momenten richtig gut.

Auf einigen Bildern, die am nächsten Tag aufgenommen wurden, sieht man Romy an, dass sie verkatert ist.

Wenn ich so viel getrunken hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, ein Interview zu führen. Sie aber trank, rauchte und erzählte immer weiter. Und zwischen uns war eine Nähe und Vertrautheit entstanden, wodurch das Gespräch sofort in eine sehr direkte, persönliche Richtung lief. Den berühmten Satz „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider“ sagte sie gleich zu Beginn.

Wie haben Sie das empfunden?

Diese Offenheit hat mich sehr berührt, gleichzeitig hat der Profi in mir gedacht: Was für eine tolle Geschichte! Es war eine Runde aus Menschen, in der wie in dem berühmten Romy-Schneider-Film von Claude Sautet „Die Dinge des Lebens“ – „Les choses de la vie“ – existenzielle Fragen zur Sprache kamen. Die Freundin mahnte immer, Romy solle nicht so viel preisgeben. „Nix da“, sagte sie dann und redete weiter. Dass Bob, dieser großartige Fotograf und liebevolle Mensch, dabei war, hat Romy ein gutes Gefühl gegeben. Die beiden hatten sich ein paar Jahre zuvor bei den Dreharbeiten zur Böll-Verfilmung „Gruppenbild mit Dame“ kennengelernt. Allerdings hätte er sich nie in das Interview eingemischt, wie es im Film dargestellt wird.

Romy Schneider beugt sich im Film irgendwann zum Reporter hinunter und sagt: „Du haust mich doch nicht in die Pfanne, oder?“ Entsprach das der Realität?

Ja. Sie hat sich völlig ungeschützt geäußert. In dem Sinne: Ich erzähle dir alles. Du kannst mich abstechen oder schützen ... Andere haben später über das Interview geschrieben, es sei keine Kumpanei zwischen Star und Journalist entstanden, sondern echte Nähe.

Wollte Romy Schneider später im Interview etwas ändern?

Eine einzige Stelle, die ihre Mutter betraf. Da war sie dann doch wieder das liebe Tochterkind, aber ansonsten ließ sie alles drin, wie sie es gesagt hatte.

Wie haben Sie dieses große Vertrauen Ihnen gegenüber empfunden? Als Freundschaftsangebot?

Nicht freundschaftlich, das wäre zu viel gesagt, aber es war eine Begegnung auf Augenhöhe. Wir hielten Kontakt, und Bob und ich besuchten sie, als der Unfalltod ihres Sohnes erst wenige Monate zurücklag. Am nächsten Morgen fanden wir einen Brief unter der Tür des Gästezimmers. Darin stand: „Euch habe ich lieb, so wie die ganz wenigen Freunde ... Manchmal glaube ich, dass ich so ruhig und so schön und so unbeschmutzt daliege und schlafe wie mein armes Kind, aber ich muss doch wieder aufwachen, und das ist oft noch sehr hart.“ Eigentlich wäre doch die Mutter der erste Adressat für solch einen Brief gewesen, oder? Dass wir so wichtig für sie waren, war herzzerreißend und traurig zugleich. Denn: Wo waren die anderen Freunde? Sie hatte außer Alain Delon, auf den sie sich stets verlassen konnte, offenbar nur ganz wenige.

Ihre Biografie „Der Fall Romy Schneider“ haben Sie erst im Jahr 1991 veröffentlicht. Warum nicht schon direkt nach ihrem Tod, Sie wussten so viel über Romy wie kein anderer Journalist?

Ich war bei ihrer Beerdigung, um persönlich Abschied zu nehmen. Ich habe damals keine Zeile darüber geschrieben. Und dann hatte ich als Stern-Chef einen so aufreibenden Job, dass ich an ein Buch wirklich nicht gedacht habe. Dieser Impuls kam erst nach meiner Kündigung, als ich überlegte: Was möchte ich als Ex-Chefredakteur jetzt mit meinem Leben machen? Es war damals sicher auch eine Art Therapie, um die Entlassung zu verarbeiten. Heute kann ich sagen: Ein Glücksfall, der meine Gesundheit geschont hat und mich zum Buchautor gemacht hat.

Haben Sie eine vergleichbare Gesprächsintensität noch einmal erlebt?

Meine Gespräche mit Günter Grass waren ähnlich intensiv und offen, hatten aber nicht diese Wahrhaftigkeit wie in Quiberon.

Wie behalten Sie Romy Schneider in Erinnerung?

Weil sie so früh nur vor der Kamera stand, war sie nicht sehr gebildet, aber dennoch ein kluges Kind. Zuletzt aber war sie zerrissen und voller Selbstzweifel. So viele Menschen haben sich in ihr ungewöhnliches Leben hineingeträumt, dabei sehnte sie sich vor allem nach einem ganz normalen, behüteten Alltag.