Berlin - Der mit einem Eklat aus der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ ausgestiegene Sänger Michael Wendler, 48, bekommt bei seinen verbliebenen Auftritten in der Sendung ordentlich Seitenhiebe ab. Das ist nicht weiter verwunderlich, insofern die Schadenfreude und auch Nettigkeiten wie das Schlechtreden, Nachtreten oder Fremdschämen zur Geschäftsgrundlage dieses TV-Formats gehören. Bestens zu sehen ist das in der ersten, am Dienstag ausgestrahlten Folge der neuen Staffel von DSDS: Immer wieder wird der Schlagerbarde – eigentlich Jury-Mitglied – da zum Ziel von Witzen oder unvorteilhaft in Szene gesetzt.

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Die Jury der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ mit Michael Wendler, Mike Singer, Maite Kelly und Dieter Bohlen (v. l. n. r.).

Bekanntlich hatte Wendler im Oktober seinen Rückzug aus der DSDS-Jury erklärt, nachdem erste Folgen bereits abgedreht waren – eben deswegen taucht er jetzt noch in der Sendung auf. Aus DSDS komplett rausgeschnitten wird er also nicht, eine ganz bewusste Entscheidung des Senders RTL. Es gehe dabei auch um die Fairness den Sängern gegenüber, die wegen seines Urteils weiterkamen oder nicht, hieß es in einer Erklärung. Die Frage war allein, wie das abgedrehte Wendler-Material verwendet würde. Offenbar entschied man sich für den Klamauk, ein leichtes Spiel für den Chefjuroren Dieter Bohlen. So weit also das Business as usual.

Für einen veritablen Skandal sorgte seinerzeit Wendlers Begründung für seinen Rückzug. Er warf der Bundesregierung „grobe und schwere Verstöße gegen die Verfassung“ in der Corona-Krise vor. Zudem beschuldigte er Fernsehsender – darunter RTL – „gleichgeschaltet“ zu sein. Der Sender distanzierte sich und nannte Wendler einen Verschwörungstheoretiker. Der wiederum blieb nicht untätig und wechselte zwischenzeitlich auf einen Telegram-Kanal und verbreitete in dem Messenger weiterhin seine paranoiden Ansichten. Auf Wendlers Instagram-Konto sind immer noch Begriffe wie „Fake Pandemie“ und „Medienzensur“ zu lesen.

Forderung nach Absetzung von DSDS

Doch jetzt legte der Sänger nach. Nur wenige Stunden vor Ausstrahlung der DSDS-Sendung kam es auf seinem Telegram-Kanal zu erneuten Ausfällen. „KZ Deutschland??? Es ist einfach nur noch dreist, was sich diese Regierung erlaubt. Das Einsperren von freien und unschuldigen Menschen ist gegen jegliche Menschenwürde“, schrieb er da und verharmloste damit den Holocaust, in dem sechs Millionen Juden von Deutschen systematisch ermordet wurden. Später „korrigierte“ er seinen antisemitischen Kommentar so, dass mit „KZ“ nicht Konzentrationslager, sondern Krisenzentrum gemeint gewesen sein soll. Das übliche Spiel.

Auch wenn RTL wohl mit solchen Attacken gerechnet haben dürfte, hat sich der Sender doch bewusst entschieden, Wendler nicht aus der Sendung zu schneiden. Auf eine Einordnung von Wendlers Äußerungen auch jetzt im Nachhinein wollte man offenbar verzichten. Gesendet wird der Klamauk von Bohlen und Co. Auch das ist Verharmlosung.

Offiziell teilte RTL per Twitter teilte RTL nur mit: „Wir lassen uns eine erfolgreiche Show nicht von einem Verschwörungstheoretiker zerstören. Die 13 Castingfolgen waren abgedreht, bevor Michael Wendler seine befremdlichen Aussagen tätigte. Nach den Castingepisoden spielt er keine Rolle mehr – weder bei #DSDS noch bei RTL.“

Doch dann kam doch noch Bewegung in die Sache. Denn inzwischen wuchs der öffentliche Druck auf Sender. Unter anderem äußerte sich der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker mit deutlichen Worten zu dem Fall: „Wer die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Deutschland mit einem KZ gleichsetzt und damit die Shoah derart relativiert, der sollte nicht von Woche zu Woche einem Millionenpublikum als Juror vorgesetzt werden.“ DSDS solle abgebrochen werden – es sei denn, RTL finde einen Weg, die aufgezeichneten Folgen auch ohne Wendler zu zeigen.

Und siehe da: Am am Mittwochabend schien RTL eben diesem Hinweis zu folgen und kündigte an, alle Auftritte von Wendler aus den schon fertig produzierten Folgen von DSDS herauszuschneiden. Die Begründung: Man sei zu der Auffassung gekommen, der KZ-Vergleich des Sängers habe eine rote Linie überschritten. Ein reichlich spätes Einlenken.