Oft beginnt das Neue mit etwas Normalem. Zum Beispiel damit, dass Eva Kruse, Bassistin des Trios [em], eine Babypause nimmt und Michael Wollny und Eric Schaefer für die Bass-Position Tim Lefebvre von der New Yorker Formation Rudder finden. Trios sind komplexe Gebilde, nicht nur, aber ganz besonders in der improvisierten Musik. Ändert sich einer der drei Eckpunkte, verändert sich immer das Ganze. Alles muss neu ausbalanciert, ausgehakelt, ausgearbeitet, eingespielt, eingerichtet werden. So heißt das Trio nun Michael Wollny Trio und ist ganz und gar nicht mehr [em].

Es ist vor allem der Energiehaushalt, der sich verändert hat. Der Groove kommt von Lefèbvres Bass massiger und drängender daher gerollt als vordem. Eric Schaefer arbeitet darum noch filigraner und raffinierter, und für Michael Wollny schafft die neue Gruppensituation die Voraussetzung, seiner Vorliebe für die Romantik Raum zu geben.

Nacht, Schrecken, Abgründe

Wobei Romantik hier keine biedermeierlich-wohlanständige Gefühligkeit meint. Es geht eher um die wilderen Topoi, um die Nacht, um Schrecken, Düsternis, Abgründe, vielleicht gar Todesnähe. Der Titel des Albums, „Weltentraum“, verweist auf Gustav Mahler. Das Stück „Nacht“ geht zurück auf den vor-dodekaphonischen Alban Berg, die Volkslied-Bearbeitung „Mühlrad“ weist gar auf die frühe Romantik, „Un grand sommeil noir“ stammt aus einem Kompositionszyklus des jungen Edgard Varèse nach Texten von Paul Verlaine, und mit „Hochrot“, einer Verbeugung vor Wolfgang Rihm, sind wir in der Gegenwart angelangt.

Die Romantik ist alles andere als eine musikhistorisch abgehakte Epoche. Für Michael Wollny gehören auch Friedrich Nietzsche und David Lynch dazu, für Eric Schaefer gar Guillaume de Machaut (war nicht das Mittelalter eine Erfindung der Romantik?). Das überraschendste Stück in dieser Materialkollektion ist wahrscheinlich Pinks „God is a DJ“, das Theo Bleckmann als Gast mit Elektronik und tuvinischem Obertongesang kunstreich in eine andere Weltgegend verschiebt.

Das ist aber nur ein Blick aufs Material. Es wäre vorschnell, auf diese Kollektion das beliebte Klischee einer neuerlichen Synthese von Jazz und so genannter klassischer Musik zu kleben. Interessanter und weiterreichend als die Materialfrage ist die der Verarbeitung. Es gibt nicht die jazzüblichen Verfahren von verfremdender Reharmonisierung, von Tempoänderungen und Stimmungs-Variationen. Es gibt eher etwas wie einen tiefen Respekt vor der rezipierten Musik und eine routinelose Durcharbeitung. Wollny, Schaefer und Lefèbvre widerstehen jeder Versuchung, etwas Simplifizierendes über das Material zu stülpen. Es gibt in diesem Trio eine hohe Kultur des Ernstnehmens und Wirkenlassens.

Und bei aller scheinbaren Ausgeglichenheit und Zartheit der Gefühle ist das energetische Level hoch. Es herrscht eine hoch gespannte Ruhe nach dem Sturm. Die Energie bei dieser Studio-Aufnahme wirkt konzentrierend, nicht expressiv, die Konzentration gilt dem klanglichen Ereignis.

Romantisches Fantasieren

Von erprobten Jazz-trifft-Klassik-Verfahren ist das aktuelle Michael Wollny Trio also weit entfernt. Es ist viel näher an dem, was im 19. Jahrhundert, im Kontext der Romantik, „Fantasieren“ hieß. Nicht das „Mühlrad“ aus dem Volkslied oder das Mahler-Motiv in „Engel“ wirken in diesem Kontext als Verweise in einen fremden musikalischen Mikrokosmos. Es sind oft eher die Jazz-Einsprengsel, die idiomatisch abseits von dem liegen, was man idiomatisch erwarten würde.

Die Distanz des Trios zur Romantik besteht historisch und idiomatisch darin, dass das 19. Jahrhundert kein Drumset und keine virtuosen Schlagzeuger kannte und den Rhythmus und seine klanglichen Eigenschaften vergleichsweise gering achtete, dass folglich auch das Pizzikato-Spiel am Kontrabass (wie in der so genannten E-Musik bis heute) technisch und dynamisch unterentwickelt war. Das Michael Wollny Trio ist ein klassisch groovendes Jazz-Klaviertrio, das in der Tradition der westeuropäischen E-Musik fantasiert. Statt Kontrastfunken aus der Begegnung verschiedener musikalischer Welten zu schlagen, unternimmt es eine einvernehmliche Horizonterweiterung.

Man kann den dreien natürlich vorwerfen, dass sie keinen Jazz mehr spielen. Das müssten sie sich schulterzuckend gefallen lassen. Man kann ihnen auch vorwerfen, dass dies keine neue geschweige denn Neue Musik ist oder gar alte. Was man ihnen nicht vorwerfen kann, ist, dass sie keinen eigenen Weg durch die Multidimensionalität des Zeitgenössischen gesucht und gefunden hätten.