Köln - „Ein Buch, das man mag“, schreibt Michel Houellebecq in seinem neuen Roman „Unterwerfung“, sei „vor allem ein Buch, dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gerne seine Tage verbringt.“ Das ist sicher ein guter Grund, eine Lesung mit dem französischen Starautor zu besuchen. Gleichwohl gibt es für das ganz und gar außergewöhnliche Interesse, das die weltweit erste Lesung aus dem Roman auf der lit.Cologne in Köln auslöste, einen weiteren erheblichen Grund: Die islamistischen Terrorangriffe auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und auf den koscheren Lebensmittelladen in Paris. Plötzlich liest man Houellebecqs Vision einer muslimischen Präsidentschaft im Frankreich des Jahres 2022 mit anderen Augen.

„Unterwerfung“ kein islamophober Roman

Mit einer „kleinen Erklärung“ eröffnete Houellebecq den Abend, nachdem er seinen olivfarbenen Parka über die Rückenlehne gelegt hatte. Die Franzosen hätten in den vergangenen Tagen, zumal bei den großen Demonstrationen, aller Welt gezeigt: „Frankreich ist ein Land der Meinungsfreiheit.“ Weiter legte er Wert auf die Feststellung, dass „Unterwerfung“ kein islamophober Roman sei. Nun aber, da er dies ein ums andere Mal erklären müsse, sei es ihm ebenso wichtig zu betonen: „Man hat durchaus das Recht, ein islamophobes Buch zu schreiben, wenn man das möchte.“

Es folgte eine Lesung des Schauspielers Robert Dölle aus dem Roman, der auf Deutsch im Kölner DuMont Buchverlag in einer Auflage von 150.000 Exemplaren erschienen ist. Die Nachfrage ist weiterhin sehr stark – der ersten und zweiten Auflage soll bald eine dritte folgen.

Nach Szenen über Sex und Politik, über Karriere und die Islamisierung der französischen Gesellschaft in naher Zukunft widmete sich Houellebecq den Fragen des Journalisten Nils Minkmar. Dies tat der Autor in seinem typischen, so zögerlichen wie nachdenklichen Duktus, der ein geduldiges Zuhören erfordert. Was der Autor von einem islamischen Frankreich halte? Houellebecq verwies auf seinen Roman-Helden François, der sage, dass er sich nicht auskenne. Da dürfe man eine Parallele zum Autor ziehen: „Also, ich habe keine Ahnung.“

Frankreichs Politik seit 40 Jahren erfolglos

Eindeutig hingegen beklagte er den Zustand der Politik in Frankreich. Sehr gerne schaue er sich die Fernsehdebatten an – „aber die sind nur ein Spektakel“. Die Parteien, meinte er, „stehen für nichts mehr“. Frankreichs Problem sei es, dass Politik, Medien und Kulturszene seit 40 Jahren ohne Erfolg versuchten, den Front National aufzuhalten. Was die Rechten so attraktiv mache? „Gute Frage“, entfuhr es ihm. „Darüber möchte ich gerne bei einer Zigarette nachdenken.“ Mit frischem Nikotin im Körper ging es dann gut voran. Attraktiv sei der Front National, weil er die Einwanderung stoppen und die Sicherheit erhöhen wolle. „Es wurde da eine Nostalgie von der Unabhängigkeit des Landes, unabhängig von Europa und den USA, zurückgebracht.“ Das sei ein Rückgriff auf die Zeit de Gaulles.

Der Hinweis, dass einige Kritiker meinten, mit seiner Zukunftsvision gieße er Wasser auf die Mühlen der Rechtsextremen, trieb ihm ein Lächeln ins Gesicht: „Das ist mir ziemlich egal. Aber ich glaube das nicht. Es hat noch nie jemand seine politische Meinung geändert, weil er ein Buch gelesen habe.“

Lesung ein Ereignis

„Eine Bombe“ sei der Auftakt der 15. lit.Cologne – so hieß es salopp bei den Veranstaltern des Internationalen Literaturfestivals, als sie im Dezember das Programm bekanntgaben. Zwar startet das Festival so recht erst im März. Doch die beiden vorweg geschalteten Lesungen mit T. C. Boyle im Februar und nun mit Houellebecq sind tatsächlich eine sehr prominente Ouvertüre. „Eine Bombe“ würde diese Veranstaltung heute niemand mehr nennen. Aber allemal war Houellebecqs Urlesung – von Köln.tv im Livestream übertragen – ein Ereignis. Die Tageszeitung „El País“ aus Spanien wollte ebenso dabei sein wie „Aftenposten“ aus Norwegen. Doch sind die 600 Sitzplätze schon seit Dezember ausverkauft.

Die Sicherheitslage war von der Polizei als nicht kritisch eingestuft worden. Gleichwohl hatten der französische Verlag Flammarion für den Personenschutz des Autors und die lit.Cologne für zusätzliches Wachpersonal an den vielen Türen des Schauspiel Köln im Mülheimer Depot 1 gesorgt. Auch das Lokal, in dem nach der Veranstaltung ein Abendessen eingenommen werden sollte, war unter Sicherheitsaspekten ausgewählt worden.

Gibt es einen Rat in dunkler Zeit? Houellebecq wurde nicht nach einem solchen gefragt, tat ihn aber gerne kund. Dies geschah, indem er Voltaire in einer Version von Schopenhauer zitierte, was in der deutschen Übersetzung so klang: Wir haben nur drei Tage zu leben, weshalb wir diese so leicht wie möglich verbringen sollten.

Wer sich im Nachhinein selbst ein Bild von der Lesung machen möchte, kann sie am Dienstag, 20. Januar, um 11 und auch um 16 Uhr noch einmal bei Köln tv anschauen.