Berlin - Jetzt ist es ganz offiziell: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq stört sich nicht an den Kontaktbeschränkungen während der Covid-19-Pandemie. In Interviews hebt er hervor, dass er sich am wohlsten in seinem Lesezimmer fühlt, in der Nähe seiner Lieblingsautoren wie Auguste Comte oder Joris-Karl Huysmans. „Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in dieser Hinsicht eine ziemliche Ausnahme darstelle, da mich der Umstand, weniger auszugehen, also in meinem Zimmer bleiben zu können, kein bisschen betrübt.“ Die Außenwelt – sie betrübe ihn mehr.

Das sollte nicht weiter überraschen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind notorische Eigenbrötler, Fantasiereisende, Zurückgezogene. Kein Wunder, dass sie mit Isolation und Kontaktbeschränkungen gut zurechtkommen. Bei Michel Houellebecq ist der Fall noch spezieller. Seit seinem kontroversen Roman „Unterwerfung“, in dem er ein dystopisches Frankreich beschreibt, das von einem islamistischen Präsidenten regiert wird, ist er ins Fadenkreuz von Terroristen geraten. Restaurantbesuche ohne Personenschutz sind zur lebensbedrohlichen Gefahr geworden. Auch deshalb hat die neue Realität Houellebecq nicht hart getroffen.

Mit einer Ausnahme allerdings. In dem soeben erschienenen Essay- und Interviewband „Ein bisschen schlechter: Neue Interventionen“ weist er auf eine Kulturtechnik hin, die er – zumindest während des letzten harten Lockdowns – schmerzlich vermisst hat: das Gehen. „Hat man tagsüber nicht die Möglichkeit, sich mehrere Stunden lang dem Gehen in zügigem Tempo zu widmen, ist vom Versuch zu schreiben stark abzuraten: Die angestaute nervöse Spannung kann sich nicht lösen.“ Das Gehen entschärfe diese Konflikte, „die das Aufeinanderprallen der am Schreibtisch entwickelten Ideen ausgelöst hat“.

Das Virus ist kein guter Gegenstand für Gesellschaftsanalysen

Das sind interessante, wenn auch nicht gerade revolutionäre Einsichten. Dieser etwas lauwarme Eindruck verstärkt sich nach der Lektüre der Essays und Interviews, die entweder als Vorworte oder abgedruckte Gespräche in Zeitungen und Zeitschriften bereits erschienen sind. Überraschende Einblicke in unsere pandemische Wirklichkeit bekommt man eher selten. Zum wiederholten Mal teilt der für seinen Kulturpessimismus bekannte Schriftsteller die Einsicht, dass die Wirklichkeit nach der Pandemie nicht besser sein werde als zuvor.

Houellebecq sagt: „Alles wird genau so bleiben, wie es war. Der Ablauf dieser Epidemie ist sogar bemerkenswert normal. Der Westen ist nicht bis in alle Ewigkeit von Gottes Gnaden der reichste und am höchsten entwickelte Teil der Welt; all das ist vorbei, es ist schon seit einiger Zeit vorbei, das ist keine Sensationsmeldung.“ Der 64-Jährige schließt mit den Worten: „Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen; es wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter.“

Diese im Mai 2020 in einem Brief festgehaltenen und dann im Radiosender France Inter verlesenen Worte wirken heute bezeichnend unoriginell. Immerhin ein Beweis, den die Pandemie erbracht hat: Virologische Katastrophen sind kein guter Gegenstand für gewitzte Gesellschaftsanalysen. Kaum ein Intellektueller hat es vermocht, der Ausbreitung des Virus eine frappante Lesart abzuringen, die über das Beobachtbare und das direkt Sagbare hinausweist.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Das gilt auch für Houellebecq. Die Beiträge beziehen sich ohnehin größtenteils auf die Welt vor der Pandemie und umkreisen die Lieblingsthemen des Autors: Gehässigkeiten gegen das Rauchverbot, Lobhudeleien zugunsten der Prostitution, Klagelieder angesichts der Übermacht der politischen Korrektheit, Analysen hinsichtlich des Werteverfalls der europäischen Kulturen und vor allem Würdigungen des katholischen Glaubens samt einiger Sotissen gegen den schwindenden Einfluss des Katholizismus in Politik und Gesellschaft.

Und trotzdem: Man kann diese Einwürfe genießen. Bei allem Augenrollen, den die teils etwas abgedroschenen Analysen auslösen, stößt man auf einen gehobenen Humor, für den Michel Houellebecq bekannt und auch berüchtigt ist. Es ließe sich auch beherzt sagen: Der Mann traut sich was. Und er hat manchmal sogar recht – etwa wenn er in einem Essay zu Donald Trump den Charakter des US-Präsidenten als scheußlich, seine Lobbypolitik für das Proletariat allerdings als konsequent bezeichnet. „Präsident Trump wurde gewählt, um die Interessen der amerikanischen Arbeiter zu vertreten; er vertritt die Interessen der amerikanischen Arbeiter. Man hätte diese Einstellung in Frankreich in den vergangenen fünfzig Jahren gern häufiger gesehen.“

Michel Houellebecq meint Dinge ernst und dann wieder doch nicht. Das ironische Lesen, das seine Energie aus diesem prekären Spagat erfährt, ist heutzutage (vielleicht war es nie anders?) zu einer im Schwinden begriffenen intellektuellen Fähigkeit geworden. Nur das ironische Lesen macht es aber möglich, Houellebecqs Texte in ihrem flirrenden, halbernsten Status zu verstehen und zu goutieren und sie als Probe und Kontrastfolie für die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen zu verwenden. Etwa wenn er Trump als besten Präsidenten in der Geschichte der USA feiert. An einigen Stellen ist die Ironie ganz subtil, an anderen deutlich und klar inszeniert – zum Beispiel wenn es heißt: „Es scheint sogar, als wäre es Präsident Trump gelungen, den wahnsinnigen Nordkoreaner zu zähmen; ich finde, das war einfach spitzenmäßig.“

Die Abschaffung der EU

Ein großes Problem indes ist Houellebecqs Elitenhass und seine Abneigung gegen die EU. An den Solidaritätsgedanken, an das europäische Projekt glaubt der Schriftsteller nicht. Dazu seien, so Houellebecq, die Nationen zu unterschiedlich. Der Islamhass, so seine provokative Überzeugung, sei das einzige wirklich verbindende Element in Europa.

Daher setzt sich Houellebecq für die Auflösung der EU ein und bietet einen irren und doch bedenkenswerten Alternativvorschlag: „Nun, zunächst einmal möchte ich durch Abschaffung des Parlaments die einheitliche Direktdemokratie einführen. Meiner Meinung nach muss der Staatspräsident auf Lebenszeit gewählt werden, doch das Amt muss ihm per Volksabstimmung jederzeit wieder entzogen werden können. Die dritte wichtige Maßnahme: Das Amt des Richters muss per Wahl vergeben werden können (natürlich an Juristen, man könnte nicht jemanden wie beispielsweise dich wählen).“ Irre? Ja. Ganz dumm? Keineswegs.

Wenig überraschend, dass der Franzose ausgerechnet die Schweiz für die beste aller westlichen Demokratien hält: wertekonservativ, partizipativ, isoliert und doch vielschichtig. Der Schriftsteller feiert Sarkozy und beklagt den französischen Standesdünkel. Die Demokratiemüdigkeit will er mit Volksabstimmungen aufwecken: „Der Staatshaushalt wird von den Bürgern festgelegt, die jährlich ein Formular zum Ankreuzen ausfüllen müssen. Das Volk entscheidet, welche Ausgaben es als vorrangig erachtet. Anhand eines Mittelwerts werden den einzelnen Ministerien die Gelder zugeteilt. Wir brauchen mehr direkte Demokratie, wenn wir aus der Krise der politischen Repräsentation, in der wir uns befinden, herauskommen wollen. Wenn meine Maßnahmen nicht umgesetzt werden, steuern wir auf eine Katastrophe zu.“

Auch hier muss man vorsichtig sein: Michel Houellebecq sagt selbst, dass er ein Prognostiker und kein Prophet sei. Seine Prognosen seien viel zu oft nicht eingetreten, daher weist er jede Verantwortung (und jeden Ernst) von sich. Das ist alles amüsant und auch interessant zu lesen, manchmal sogar wirklich provozierend, aber neu sind all diese Vorschläge nicht. Michel Houellebecq ist eben da am besten, wo es zu fantasieren gilt: in der Literatur. Möge der Lockdown produktiv für ihn sein.

Michel Houellebecq: „Ein bisschen schlechter: Neue Interventionen“, Essays und Interviews, Dumont Buchverlag, Köln 2020. 200 S., 23 Euro.