Berlin - Im Studio 6 des Funkhauses Nalepastraße kauert ein Häuflein Festivalbesucher. „Fühlen Sie sich frei zu gehen“, begrüßt sie aufmunternd ein offenbar zuständiger Herr. „Es handelt sich um ein Work in Progress, und die Künstler werden wohl noch sechs Stunden lang hier sein“.

Beim dem Festival, das am Sonnabend und Sonntag in den Studios, Sendesälen und einer großen Halle auf dem Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks stattfand, handelte es sich nicht um eine herkömmliche Musikveranstaltung: Es erwarte einen, so die Veranstalter, „keine Folge von Konzerten, sondern ein rohes und emotionales musikalisches Abenteuer“.

Im Studio 6 also übte also ein Pärchen isländischer Künstler Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“, worin, wie der fröhlich ungeschult singende Ragnar Kjartarsson erklärte, Texter Heinrich Heine die Romantik auf ihrem Höhepunkt dekonstruiere; am Flügel agierte mit immerhin solidem Blattspiel vermutlich Gyda oder auch Kristin Anna Valtysdottir von der Band Múm – genau sagen kann ich es nicht, sie sind Zwillinge und waren die einzigen weiblichen isländischen Namen auf der Musikerliste.

The National, Poliça und Bon Iver

Nicht zu wissen, wer, was, aber auch wann und wo auf dem weitläufigen Terrain spielen würde, darin bestand das Abenteuer für die Zuschauer, die „People“, wie groß über der Bar und auch auf den Merchandise-T-Shirts stand. Fast 90 Musiker hatten dazu unter der Schirmherrschaft des Hipsterhotels Michelberger eine Woche lang Nummern einstudiert, improvisiert oder komponiert – federgeführt von durchaus hochkarätigen Freunden des Hauses, Indierockstars wie The National, Poliça oder Justin Vernon alias Bon Iver, der ja letzten Mittwoch im Hof des Hotels sein neues Album vorgestellt hatte.

Mit den Ergebnissen wurden die Besucher nun einerseits auf einer allgemein zugänglichen Hauptbühne beschallt, wo sich am Ende schließlich alle treffen sollten. Nachmittags fanden eher dünne Versuche von Rappern mit untätigen DJs oder Auftritte von Erlend Øye mit akustischer Gitarre und Damentrio statt; auch grausliges Krautrockgedudel mit Justin Vernon konnte man erleben. Für die kleinen Studios musste man sich anstellen und wurde dann in irgendwelche experimentellen Umtriebe begleitet.

Entscheidend waren zunächst jedoch die beiden großen Sendesäle. Deren Zugangsberechtigung war durch verschieden bedruckte Bändchen geregelt; je nach Muster durfte man in einen Saal, wobei die Kontingente so klein gehalten waren, dass großzügiger Zufallsnacheinlass möglich wurde. Daher stellte man sich von schnarrenden Megafonstimmen angeleitet zu jedem zweiten Konzert eine Dreiviertelstunde lang in eine Schlange; dann durfte man vielleicht wie ich tatsächlich auch ohne korrektes Band im wunderschönen großen Saal 1 Bon Iver zusehen, mit einem klasse Auftritt und einem großen Chor; vielleicht aber auch nicht, und dann hätte es sein können, dass man sich bändchenhalber bloß mit Damien Rice zufriedengeben musste, der an schwer melancholischen Songs litt, bevor Jenn Wasner, Sängerin des Duos Wye Oak, mit Rhythmusmaschine Joni Mitchell coverte.

Boyz Noise und Mouse On Mars

Während man draußen wartete, schaute andererseits stets Erlend Øye (ohne Damen) mit seiner Gitarre vorbei und spielte was. Wobei man anders als am lausigen Sonnabend am Sonntag auch einfach in der warmen Sonne sitzen konnte, die über dem idyllischen Gelände und der malerisch bewachsenen Rummelsburger Bucht schien.

Am späten Abend trafen sich alle auf der Hauptbühne. Zunächst sang zu Arrangements von Stargaze, dem Klassikpop-Projekt André de Ridders, unter anderem Channy Leaneagh von Poliça recht interessant „Let’s Dance“ von Bowie. Dann traten noch The National mit minimal-repetitiven Nummern auf, wobei unter anderem Boyz Noise und Mouse On Mars und wiederum Justin Vernon halfen. Das zahlreich erschienene Publikum war insgesamt, unermüdlich und durchweg begeistert. Die „People“ feierten noch die sparsamsten und vorläufigsten ästhetischen Vorschläge. Verwirrender fand ich am Ende allerdings, dass derzeit „Kommt alle zu irgendwas“ offenbar wie ein Versprechen klingt.