Mick Jagger: Disziplin, Kontrolle, Arbeit

Da sind die Rolling Stones also im hohen Alter noch zum Novelty-Act geworden. Kurz vor Mick Jaggers heutigem siebzigsten Geburtstag trat die Band im Juni zum ersten Mal beim Glastonbury Festival auf. Schön für das Festival, das seit vierzig Jahren vergebens um die Band buhlte. Routine für die ungebrochenen Live-Legenden, sollte man meinen. Zwar bot das Festival den Stones die Gelegenheit, sich dem Enkelpublikum zu präsentieren, aber warum sollten die daran Interesse haben? Sie sind seit Jahrzehnten vollkommen aus dem Diskurs gefallen, und Band- und Finanzchef Mick Jagger trommelt seine Leute von ihren Landsitzen und Inselparadiesen nur immer mal zusammen, um auf einem Album oder einer ihrer halbmilliardenschweren, enorm hochpreisigen Touren die untergangene Sex, Drugs and Rock-Aura der Sixties zu recyclen. Vom Plattenverkauf hat sich Jagger schon längst achselzuckend verabschiedet, weil es, sagte er, ohnehin nur zwei Jahrzehnte gegeben habe, in denen Musiker mit Alben Geld verdienen konnten.

#video1

Nun hat der wundersam fitte Frontmann mit der Band jedoch nach einhelliger Meinung nicht nur eine absolut überzeugende, inspirierte, energische Greatest- Hits-Show abgeliefert – sondern inmitten von hochkarätigen und vor allem auch jungen und heißen Acts auch die beste der drei Tage. Hunderttausend Leute standen schließlich vor der Hauptbühne, als Mick Jagger über sein hartverhandeltes Festival-Debüt scherzte – „man hat uns endlich eingeladen“ – und der Menge mit einer Umschrift ihres steinalten „Factory Girl“ als „Glastonbury Girl“ schmeichelte. Das wochenlange Tauziehen um die Übertragungsrechte für die BBC zeigte wiederum, dass Jagger auch zu seinem Siebzigsten nicht vergisst, dass er der Chef des stabilsten und einträglichsten Unternehmens der Popgeschichte ist.

Ungebrochener Wille zum Charisma

Man verzweifelt, wenn man zwischen der legendären finanziellen Unerbittlichkeit und dem offenbar ungebrochenen Willen zum Charisma nach dem Jaggerschen Geheimnis sucht. Natürlich gibt es das historische Argument. Jagger war im ersten Jahrzehnt der Rolling Stones das Gesicht, die Stimme und der Körper einer der wichtigsten Kulturbewegungen des letzten Jahrhunderts. Lennon war ätzend intellektuell, Dylan rätselhaft und spöttisch, aber Jagger wurde mit ein bisschen Hilfe des cleveren Bandmanagers Andrew Loog Oldham zum Originalbürgerschreck. Er holte die Kids nicht nur dort ab, wo sie sowieso nicht sein sollten, sondern führte sie in tiefste Abgründe von Lärm, Lust, Renitenz und Dekadenz.

Jagger hatte im Imitat lasziver Bluesstimmen zu seinem lüsternen Breitmaulstil gefunden. Er nutzte, wie Elvis, den rassistischen Mythos der grundsätzlichen Triebhaftigkeit als Versprechen, und er widmete dessen hipperes Abbild als rebellischer Außenseiter zum jugendlichen Habitus um. Politische Rebellion konnte man Mick Jagger jedoch beim besten Willen nicht unterstellen. Sein „Streetfighting Man“ registriert zwar die Revolte, aber am Ende ist er eben doch ein armer Junge, der es nur mit Rock’n’Roll schaffen kann – ein Klischee, das mit Jaggers Biografie natürlich nichts zu tun hatte.

Jaggers Vater und Großvater waren Lehrer, die Mutter Sekretärin, dann Kosmetikerin. Er studierte an der elitären London School of Economics auf „Geschäftsmann“. Als die Band erste Erfolge verzeichnete, ließ er sich ordentlich für ein Jahr beurlauben. Das Verhältnis des Margret-Thatcher-Bewunderers zum arbeitenden Volk analysierte der Rockkritiker Simon Frith in den Siebzigern anhand der Texte als Verachtung, das Marschieren in den Straßen als Frage des Stils.

Schaut man sich ikonische Fotografien der Zeit an, war Jagger das sexieste Pin-up der Revolte – neben Uschi Obermaier – mit der er natürlich eine Affäre hatte, wie mit ungefähr jeder anderen Frau, die ihm ins Blickfeld geriet. Dabei verhielt er sich ihnen gegenüber so ungerührt konsumistisch wie in den Texten, die er etwa in „Brown Sugar“, der Hommage an seine geheime Geliebte Marsha Hunt, noch mit allerlei Verweisen auf Sklaverei würzte.

Widerstand gegen Establishment

Jaggers Widerstand gegen das Establishment reicht nur bis zu den aristokratischen Kreisen, in denen er sich, sobald sein Status es ermöglichte, emsig herumtrieb und zu dem „Sir Mick“ seit 2003 gehört. Dem Rebellentum stand schon 1965 ein Werbejingle für Rice Krispies nicht im Weg. 1971 zog er mit der Band nach Südfrankreich, um einer immensen Steuerschuld zu entgehen. Im Steuerexil entstand mit „Exile on Mainstreet“ eins der besten Stones-Alben, wie überhaupt die kreativste Phase der Band um die Siebzigerwende aus der ironisch-blasierten Differenz zwischen sozialem Outlawtum und quasi aristokratischem Status schöpft.

Jaggers androgyner Erotizismus, die öffentlichen Drogeneskapaden und die narzisstische Wurschtigkeit gegenüber Anstand und Moral – und natürlich die wirklich zügellose, rohe Musik – waren das schönste Vorbild für den Massenbohemismus, der die Jugend jenseits der sozialpolitischen Rhetorik bewegte. Für den US-Großkritiker Robert Christgau erschien Jagger als selbstverliebter Dorian Gray.

Künstlerisch funktionierte dies überraschenderweise stets nur im Bandverbund. Jaggers Solo-Alben klingen allesamt steinern leblos, für jeden anderen wäre sein „Dancing in the Streets“-Video mit David Bowie 1985 ein Karrierekiller gewesen, und noch auf dem „Superheavy“-Versuch mit Damian Marley und Dave Stewart von 2011 singt Jagger geist- und soulverlassen von jungen Dingern und korrupten Politikern.

Jaggers Nimbus übersteht alles. Doch so jugendlich er Körper und Präsenz bewahrt hat, so sehr zeichnet sich sein Leben im Gesicht ab – nicht als Falten von Verschwendung und Exzess, denen er schon lange abgeschworen hat. Man erkennt vielmehr die Furchen eiserner Kontrolle, Disziplin und Arbeit. Sein zeitloses, hedonistisches Popversprechen entsteht als Publikumsspiegel, als gelungene Illusion. Und deren Geheimnis besteht nun einmal darin, dass der Illusionist nicht dazu gehört.

#video2