Spiegelungen: Kellndorfers Glasskulptur der Neuen Nationalgalerie Mies van der Rohes, nun dialogisch eingepasst ins Mies-Haus Lemke in Hohenschönhausen.
Foto: V. Kellndorfer/VG BIldkunst Bonn 2020/James Prinz

Berlin - Die Transformation ist beeindruckend: Veronika Kellndorfer setzt mit ihren neuen Fotoarbeiten „Screens and Sieves“ das Werk des Architektur-Giganten Mies van der Rohe in einen so formstarken wie sinnlichen Dialog. Die weitgehend in Amerika tätige, architekturbezogen arbeitende Künstlerin setzt ihre großen Aufnahmen des transparenten Glas-Stahl-Stein-Gefüges der 1968 eröffneten Neuen Nationalgalerie (deren Wiedereröffnung am Kulturforum steht nach langer Rekonstruktionszeit Anfang Dezember an) in den Kontext des vergleichsweise miniatürlichen Haus Lemke in Hohenschönhausen. 

So wanderte Mies’ Berliner Wahrzeichen der Nachkriegs-Moderne an den Stadtrand. Die Bilder finden sich nun in den von Mies 1933, wenige Jahre vor seiner Emigration aus Hitlerdeutschland in die USA fertiggestellten, feinen Bauhaus-Bungalow für das Unternehmerpaar Lemke. Das Große im Kleinen, das Urbane im Vorstädtischen.

Das lichtdurchflutete Kleinod aus gelben Klinkern und Glas mit idyllischem Garten am Obersee ist seit Jahren ein renommiertes Ausstellungshaus des Stadtbezirks Lichtenberg. Kellndorfer brachte Foto-Motive der Neuen Nationalgalerie in einer Glasfabrik in Nordhorn, wo sie inzwischen fast alle ihre Arbeiten realisiert, per Siebdruck auf große Glasscheiben. Die Farbe, so beschreibt sie den technischen Prozess, enthält gemahlene Glaspartikel, Pigmente und Emulsionen. Dann folgt ein raffiniertes Sinter-Verfahren. Durch vielfache Spiegelungen und den üppigen Einfall des Tageslichts entsteht so eine faszinierende Transparenz und beinahe skulptural wirkende Durchdringung der streng-schönen Mies’schen Bauformen.

Wie immer bei Kellndorfers Arbeiten geht es um das Verhältnis von Geschlossenheit und Transparenz, um das Phänomen und seine Reflexion. Ihre Werke setzen häufig an der Schnittstelle zwischen Architektur und Bild an. Sie untersuchen die Übersetzbarkeit der einen Form in die andere.

Die Neue Nationalgalerie an der Potsdamer Straße, bevor die Umbauarbeiten begannen: Die Aufnahme diente als fotografische Vorlage für die Glasskulptur Veronika Kellndorfers.
Foto: V. Kellndorfer/VG Bildkunst Bonn 2020/James Prinz

„Screen and Sieves“ entfaltet Magie. So jedenfalls hat man die Neue Nationalgalerie – diesen Tempel der Moderne, in dem sich so viele Künstler in Deutschland und in der Welt eine Ausstellung erträumen – noch nicht gesehen. Alles scheint sich kaleidoskopisch ineinander zu spiegeln, zu verschmelzen. Der Effekt entbehrt nicht der Dramatik, jedoch ohne Pathos, eher mit lakonischem Subtext. Mies’ Architektur und der Stadtraum, das Licht und die anderen Bauten sowie die Natur ringsum werden eins, gerinnen zu Zeit und Raum. Der Turm der vom Schinkel-Schüler August Stüler erbauten St. Matthäuskirche ragt aus den Brechungen von klaren, minimalistischen Formen und dem Licht heraus: Die Turmuhr zeigt 12 Uhr mittags, als winziges Gran einer leicht gespenstischen Poesie. Das war purer Zufall, verrät die Künstlerin. Als sie es auf den Fotos entdeckte, wirkte es tatsächlich ein wenig mystisch innerhalb dieser bildnerischen Strenge.

Schließlich geht es der aus München stammenden Kellndorfer, die erst in Wien und dann an der HdK Berlin Malerei studiert hat, um die Erzählung über den von den Nazis in die Emigration getriebenen Bauhausarchitekten, der Berlin diese beiden Architektur-Ikonen hinterließ – eine groß und öffentlich, die andere klein und privat. Veronika Kellndorfer hat in den USA so gut wie alle Mies-Bauten gesehen, von Chicago bis Manhattan, sie sieht seine Baukunst als Ausdruck konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit in klassischer Form. Mies hatte dafür moderne Tragstrukturen aus Stahl entwickelt, die eine hohe Variabilität der Nutzflächen und eine großflächige Verglasung der Fassaden ermöglichten. Kellndorfer findet dieses Konzept so rational wie universal. Und sie spricht vom Leben des Architekten als einer „Odyssee“, will ihre Bilderfindungen auf Glas als Reise durch die Zeit erlebbar machen.

Sozusagen den Archetyp für ihre Arbeit im Zentrum der Ausstellung bildet eine Aufnahme der leeren Oberhalle der Neuen Nationalgalerie vor der Rekonstruktion: Die schwarzen Granitpfeiler, auf denen die Konstruktion mit der markanten stählernen Kassettendecke zu ruhen scheint, stehen in einem Fußboden, der einem See oder Fluss gleicht; die Architektur schwimmt förmlich, während draußen, rings um den Bau, Winter herrscht, die Bäume statisch-grafisch den Stillstand der Natur markieren.

Eine weitere Fotovorlage für Kellndorfers Glas-Siebdruck-Skulptur „Screens and Sieves“.
Foto:   V. Kellndorfer/VG BIldkunst Bonn 2020

Im nächsten Raum hängt ein „Zwischenzustand“ vor dem Druck auf Glas, wie die Künstlerin erklärt: Auf einer großen Leinwand umrahmen ein kräftiges Rot und ein tiefes Blau das markante Schwarzweiß-Motiv des Mies-Baukörpers an der Potsdamer Straße. Die minimalistische Architekturform, die das klassische Skulpturengesetz von Tragen und Lasten, vom Körper im Raum belegt,  wird zum grafischen Zeichen. Und das farbige „Passepartout“ des ikonischen Motivs  ist Veronika Kellndorfers malerische Referenz an den großen Baumeister der Moderne.

Mies-van-der-Rohe-Haus (einst Villa Lemke): „Raum-Zeit-Odyssee“, Oberseestr. 60. Bis 20. Dezember, Di-So 11-17 Uhr, wegen Beschränkung der Besucherzahl gern auch per Anmeldung: Telefon (030) 970 006 18. www.miesvanderrohehaus.de.