Berlin - Phytosonisch: So nannten sie ihre Musik; sie sollte so klingen wie Pflanzen wachsen, mal schneller, mal langsamer, ohne starre Metrik oder sonstwie zwingende und zwängende Strukturen. Ihre Lieder entsprangen der Tradition der britischen Volksmusik, aber es gab auch sägende Sitar-Drones zu hören, Tablarhythmen und Ouds, hymnische Chöre und leiernden Minnegesang; ein vielstimmiger Klang globalisierter Exotik; und je sonderbarer und seltener die dabei benutzten Instrumente waren, desto besser.

Unter den vielen Freaks, die das britische Folk Revival der späten Sechziger bevölkerten, waren die Mitglieder der Incredible String Band fraglos – wie man damals so sagte – am abgefahrensten. Sie waren aber auch musikalisch am neugierigsten und offensten, besonders ihr zweites und drittes Album – „5000 Spirits or the Layers of the Onion“(1967) und „The Hangman’s Beatiful Daughter“(1968) – prägten Generationen von Musikern weit über die Grenzen der Folkszene hinaus. 1969 spielten sie in Woodstock, Bob Dylan nannte sie seine Lieblingsgruppe, Robert Plant rühmte sie später als musikalische Vorbilder in frühen Led-Zeppelin-Tagen.

Älter als das Original

Schon Anfang der Siebziger war der kurze künstlerische Höhenflug aber beendet, die Musik trieb zusehends in konventionell-elektrifizierten Folk. 1974 löste die Incredible String Band sich auf, und die beiden Gründungsmitglieder Robin Williamson und Mike Heron begannen wechselhafte Solokarrieren. Während Williamson sich zunächst wieder weitgehend der Pflege klassischen Liedguts und vor allem der Harfenbedienung zuwandte, experimentierte Heron etwa auf seinem Debüt „Smiling Men With Bad Reputations“ noch ungehemmter mit Ideen, Stilen und Sounds; er spielte mit John Cale und Elton John, Keith Moon und Pete Townshend.

Inzwischen ist Mike Heron 71 Jahre alt – am Montag stand er gleichwohl zum allerersten Mal auf einer Berliner Bühne, begleitet von seiner Tochter Georgia Seddon und der britischen Band Trembling Bells um den Schlagzeuger Alex Neilson. Im Hau 1 wurde ein Incredible-String-Band-Gedächtnisabend veranstaltet, eingeleitet von einem Film aus der Blütezeit Ende der Sechzigerjahre, in dem man die Musiker beim Musizieren, Stricken und Philosophieren betrachten konnte und beim Aufführen von Märchengeschichten. Anschließend spielte das Ensemble sich knapp zwei Stunden lang durch das klassische Repertoire, von „Painting Box“ bis zu „A Very Cellular Song“, und obwohl seine Stimme mit den Jahrzehnten natürlich rauer und dunkler geworden ist, war es doch ein großes Glück, Mike Heron noch einmal live beim Singen seiner pantheistischen Lieder und kosmischen Hymnen zuhören zu dürfen.

Von der kosmischen Spontaneität der Incredible String Band blieb leider dennoch wenig übrig, was an den Arrangements der Trembling Bells lag. Sie bogen das polyphone Schlingern durchweg auf klassisch instrumentierte Folk-Rock-Arrangements zurück – so wirkte die Musik von Mike Heron in den Händen seiner jungen Verehrer paradoxerweise plötzlich weit älter als beim Wiederhören der Originale.