Berlin - Alles Rot. Die Farbe der Liebe, des Blutes, der Revolution – aber auch die Farbe der Militärparaden. Sie verliert sich im Alltäglichen, fließt, sickert, fleckt als Kirschsaft hinein in Boris Mikhailovs berühmt gewordene Fotoserien „Soz-Art“ und „Luriki“. Das ganze falsche kommunistische Pathos wird lächerlich – an den Museumswänden der Berlinischen Galerie. So aufdringlich rot koloriert sind die Lippen der Ober-Natschalniks bei der Parade auf dem Moskauer Roten Platz. So kitschig pink läuft die Farbe aus den Orden und Fahnen.

Die Revolution ist ersoffen in Farbe. Was bleibt, zwei Schritt davon entfernt an der Ausstellungswand, ist das „Schwarze Archiv“, kleine historische Original-Abzüge von der ukrainischen Stadt Charkow – einer der Hauptstädte des frühsowjetischen Konstruktivismus – und ihrer Einwohner. Die Motive, die ein absurd-poetisches Bild vom Alltag vermitteln, weisen dabei oftmals eine konstruktivistische Komposition auf, die sich immer wieder auch in den festgehaltenen Gegenständen fortsetzt – seien es eine gerasterte Fassade, ein Stromleitungsnetz, in den Himmel ragende Schornsteine oder auch ein einfaches Turngerüst.

Mikhailov hat Lampenfieber. In wenigen Stunden beginnt die bisher umfassendste Werkschau des 73-Jährigen in Deutschland, mit den frühen und den jüngeren Serien. Mit all den ordinären Menschenbildern, die er inszenierte zu alttestamentarischen Metaphern, in denen die Apokalypse letzte Hoffnungen verschlingt – bizarre, gewalttätige, schamlos sexuell aufgeladenen Passionsbilder. Draußen, am Eingang, warnt ein Schild Eltern und Zartbesaitete, dass die Fotos in ihrer tabulosen Realität womöglich Schamgefühle verletzten könnten.

Aber da sind auch Fotos, wo Mikhailov, der Begründer der konzeptuellen Fotografie in der spät-sowjetischen Ära, einfach nur ein stiller, genauer, auch humorvoll-ironischer Beobachter ist. So entstanden die sepiafarbenen, an frühe Zeiten der Fotografie erinnernden Bade-Bilder von den „Krim-Snobs“: beleibte Bikinifrauen am Schwarzen Meer. Und am Salzsee, wo Familien und Brigaden – dominant die ungenierten dicken Matkas in BH und Schlüpfer – vor Industrie-Abwasserrohren ihr Salz-Bad nehmen. In einer Umgebung, die aussieht wie nach einem Chemieunfall.

Mikhailovs Bildkunst zählt zweifellos zu den markantesten Positionen heutiger Fotografie. Er kam 1996 durch das DAAD-Künstlerprogramm nach Berlin, ging dann zurück, kehrte 2000 wieder, fand hier eine Galeristin, Barbara Weiss. Seither pendeln er und seine Frau Vita zwischen Berlin und Charkow.

Sein Werk besteht zumeist aus Aufnahmen aus der Ukraine zu sowjetischen und postsowjetischen Zeiten. Mikhailov dokumentiert, porträtiert, experimentiert – gern auch mit theatralischer Nachhilfe. Er überführt das Gewöhnliche, Obszöne, Brutale, Hässliche, Eklige des Elends in den Rang der Kunst – und der Sohn einer Jüdin bedient sich christlicher Metaphorik. Der Ecce Homo ist in den Bildern immer gegenwärtig und erzählt die Tragödie einer Gesellschaft, die aus der verratenen Utopie ins Chaos stürzte.

Die Zeit ist aus den Fugen. So lakonisch überschreibt Mikhailov seine Fotoserien von 1966 bis 2011. Er bemüht sich gar nicht erst, den schönen Schein zu wahren. Manche halten ihn für einen Voyeur. Aber eher trifft wohl zu, dass er ein wilder Fabulierer ist, jedoch die Realität nie aus den Augen verliert. Er wolle, sagt er, „das Krasse, Elementare zum Vorschein bringen, etwas über die – bedrohte – menschliche Existenz aussagen“. Seine Beobachtungen auf den Straßen, inzwischen auch in Berlin, wo er alte Paare fotografierte, wirken oft wie Film-Stills, die er rastlos und akribisch in immer neuen Sequenzen überarbeitet. Den Alten auf dem öden Charkower Wochenmarkt, vor leeren Ständen mit aufdringlicher Werbung , bleibt nur die enttäuschende Verheißung. Eine, an die die Obdachlosen längst nicht mehr glauben. Deren Porträts besitzen keine malerische Tristesse, sie offenbaren den totalen Bruch alles Bürgerlichen. Mit diesen „Fallstudien“ erweist sich Mikhailov geradezu als Apokalyptiker. Dafür nutzt er alle theatralischen Mittel. „Case History“, um 1997, wird zum Klage-, zum Totenlied. Er porträtiert Ausgesetzte, Säufer, Junkies, Huren, Straßenkinder im Schmutz. Scham ist ein Begriff, der hier versagt, die Entblößung ist allgegenwärtig, das Elend zeigt seine obszönste Fratze. Die Ausgestoßen stehen da in ihren heruntergelassenen Hosen, im Schnee, im Park, im Müll, die Körper schwärig, die Kleider verdreckt: Versehrte eines waffenlosen Krieges.

Diese Serie, dazu vier Straßenbilder mit Paaren in Berlin, hatte Ulrich Domröse, der Fotokurator der Berlinischen Galerie, um 2000 weitsichtig angekauft, darunter auch das hochangeschnittene Motiv eines abgezehrten Mannes, kniend vor einem Baumstamm, der Oberkörper nackt, überm Herzen ein Leninkopf tätowiert. Pose noch im Elend. Neben ihm eine Frau im Männermantel, den Kopf umwickelt mit einem Tuch. Welche Parallelen zu Callots Schreckensgrafik aus dem Dreißigjährigen Krieg oder Goyas „Desastres“-Serie über die napoleonischen Gräuel in Spanien.

Mikhailov zieht alle Register des Theatralischen. Und zwar mit Konzept: Das Elend findet er wahrhaftig vor, greift aber inszenierend ein, seine „Darsteller“ verdienten sich ein paar Rubel für den Auftritt vor der Kamera. „Case History“ brachte 2000 den Hasselblad-Preis. Die Bilder erinnern an den pathetischen russischen Realismus. „Ich will das Extremste zeigen, sagt der Fotograf. „Danach folgt der Tod.“

Mikhailov sei, heißt es, der Fotograf der „Verlierer“, deshalb all diese Unschärfen, Verfärbungen, Verschmutzungen in den Bildern vom alltäglichen Horror. Die aber geben keine repräsentative, sondern die beiläufige Perspektive der Realität. Thomas Köhler, der Direktor der Berlinischen Galerie, stellte genau das, zusammen mit seinem Ausstellungsarchitekten David Saik, deutlich heraus. Beide folgen dem Ecce- Homo-Konzept Mikhailovs. Genau besehen, ergeben die drei Ausstellungsräume nämlich die Form eines Altars. Im Mittelteil: „Case History“ sowie surreale tintenblaue Szenen wie aus alten russischen Filmen. In den Räumen links und rechts, Altarflügeln gleich: die traurigen alten und die provokant-sexuellen jungen Paar-Szenen, die Bade-Motive, die „Rot“-Serie, die kolorierten Parade-und Alltagsbilder. Und als Predella, wenn man so will, dient die Frontwand. Hier hängen die frühen „Überblendungen“, darunter dieses Motiv: Bahngleise unter Stromleitungen verjüngen sich futuristisch in die Ferne. Quer darüber spannt sich eine Wäscheleine. Welch paradoxe, Majakowski-würdige Collage. Lenins GOELRO-Plan verhieß den Kommunismus durch Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Im Wind flatternde Strumpfhosen und Hemden höhnen, dass der Plan scheiterte.

Ein guter Fotograf müsse sein wie ein Straßenköter, sagt Mikhailov. Er ist zudem auch Regisseur auf einer großen Bühne. Darauf gibt es die Dramen der Menschheit, und die Hauptrollen bekommen die Leute seiner Heimatstadt Charkow.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Eröffnung am 23. Februar,

19 Uhr. Bis 28. Mai, Mi–Mo 10–18 Uhr.