Mikis Theodorakis  dirigiert.
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BerlinIm Herbst 2003 war ich zu einem Besuch bei Mikis Theodorakis in Athen angemeldet. Im Hafen von Piräus sollte sein „Canto Olympico“ als Teil einer gewaltigen Lichtinstallation aufgeführt werden. Touristen bevölkerten die Stadt, teure Pyrotechnik stand bereit, aber es gab nichts, was nicht schiefging. Erst sorgten sich Umweltschützer um die Nachtruhe benachbarter Eulen. Stunden vor Beginn der Show erklärten Sicherheitskräfte eine der beiden Kaimauern für tabu, weil sich darunter ein Waffenarsenal befand – kein Ort für Feuerwerke. Schließlich meldete sich Theodorakis krank. Er konnte nicht miterleben, wie der Lichtarchitekt Gert Hof (1951-2012) den Abend rettete, den Hafen trotz allem im dramatischen Takt der Theodorakis-Hymne mit Licht flutete und solcherart in monumentale Erhabenheit versetzte.

Theodorakis ging damals auf die 80. Der große Grieche ist nicht nur einer der bedeutendsten Komponisten des vorigen Jahrhunderts, er hat auch unendlich viel erlebt. Mehrfach todgeweiht überstand er Gefängnis, Lager und Folter – erst im Widerstand gegen deutsche Besatzer und im griechischen Bürgerkrieg in den 40er-Jahren, später unter der Militärdiktatur. Wer weiß denn, welche Spuren so etwas hinterlässt. Sehr bedauerlich, dass es nicht zu dem Besuch kam – zu gern hätte ich mir seine umbenannten Weinfässer angesehen. Sie hießen da schon nicht mehr Lenin, Stalin und Marx, sondern Butterfly, Norma und Urania. Aus Kommunistenführern waren Operngestalten geworden, was eine Menge erzählt über die Wendungen von Theodorakis, in seiner Heimat vergöttert als wahrer Volksheld. Theodorakis brach ungezählte Male mit der Politik, legte sich mit jeder Macht an.

Er ist der Schöpfer von tausend Werken und beherrscht alles: Lied, Oratorium, Sinfonie, Oper, Ballett, Film- und Theatermusik. Niemand hat ein breiteres Repertoire, keiner hat die griechische Musik stärker beeinflusst. Er brachte zusammen, was nicht zusammen gehörte, schrieb als Kommunist orthodoxe Kirchenchoräle und vereinte das griechische Volkslied mit europäischer Kunstmusik.

Sein „Canto General“, dieses rhythmische Kraftpaket von einem Oratorium mit den Versen Pablo Nerudas, kann als Hymne der Griechen betrachtet werden. An Popularität wird es nur vom Sirtaki übertroffen. Touristen, die sich daran in griechischen Lokalen versuchen, halten ihn gewöhnlich für einen Volkstanz und die Inkarnation griechischen Lebensgefühls. Dabei ist der Sirtaki eine Erfindung von Theodorakis, geschrieben zu dem Film „Alexis Sorbas“. Die sonderbare Tanzform sollte wohl dem Hauptdarsteller Anthony Quinn die Schrittfolge erleichtern.

Der Ruhm dieses Films von 1964 dürfte Theodorakis das Leben gerettet haben. Zu Beginn der griechischen Militärdiktatur 1967 agierte er sofort aus dem Untergrund, wurde zum Staatsfeind erklärt. Auf das Pfeifen und Singen seiner Lieder stand Gefängnis. Noch im selben Jahr kam er in Haft, in Verbannung, in ein Konzentrationslager, erkrankte schwer an Tuberkulose. Nur internationale Proteste von Prominenten – darunter Schostakowitsch und Bernstein – bewirkten 1970 seine Entlassung ins Exil nach Paris.

Natürlich entfaltete ein verfolgter kommunistischer Weltstar auf die DDR eine unerhörte Anziehungskraft. Erst war er wegen seiner Sowjetunion-Kritik suspekt, aber ab den 80ern dirigierte er hier seine großen Werke, füllte Konzertsäle und Sendungen, erlebte die Uraufführung seines „Canto General“ als Ballett. Ja, er wurde geliebt – und zwar für seine Musik, obwohl er sich ganz offensichtlich vereinnahmen ließ. Aber der Mann, der sich durch alle Krisen der griechischen Politik gequält, mitunter auch die Konservativen unterstützt hatte – er durchschaute das Treiben in der DDR. Sein Freund und Biograf Asteris Koutoulas, ein Grieche in der DDR, zitiert den Komponisten so: „Asteris, wie kannst du hier leben? In so einem Staat wäre ich tot oder im Gefängnis!“ Er sei eben ein großer Anarchist und Liberatist.

Gerade erst kritisierte er, dass Griechenland dabei sei, ein großes Nato-Militärlager zu werden. Vielleicht komponiert er nicht mehr. Aber sein biblisches Alter von 95 scheint kein Grund für ihn, sich nicht mehr einzumischen – mit Lust und Leidenschaft.