Als neulich die Athener erbittert darüber stritten, ob ihr Premier das Abkommen in Brüssel unterschreiben sollte, da fanden sich gut fünftausend zusammen – und jubelten. Vereint wurden sie von einem Mann, der heute neunzig Jahre alt wird und im Rollstuhl ins Theater Herodes-Attikus geschoben wurde: Mikis Theodorakis. Asteris Kutulas, in Ostdeutschland aufgewachsener Sohn von Exilgriechen und enger Mitarbeiter des Komponisten, beschreibt die Aufführungen der 1. Sinfonie und des Oratoriums „Axion Esti“ als Katharsis: Musik als „als poetische Befreiung aus dem Würgegriff Brüssels und der griechischen Politik“.

Das weckt Assoziationen an die Rückkehr von Mikis Theodorakis im Oktober 1974. Das erste Volkskonzert nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur fand in einem Stadion statt. Theodorakis, der weltbekannte Komponist, war 1967 verhaftet, gefoltert und in ein Lager gesteckt worden. Das Singen und Hören seiner Musik wurde von den Obristen als „Bündnis mit dem Kommunismus“ unter harte Strafen gestellt. Erst 1970 ließ ihn die Militärjunta auf internationalen Druck hin ins französische Exil ziehen.

Selbst im hohen Alter gerät Theodorakis immer noch ins Schussfeld. Vor drei Jahren bekam er bei einer Demonstration Tränengas in die Augen, was ihn nicht davon abhält, sich weiter in die Debatten einzumischen. So fordert er unverdrossen die Bildung einer „griechischen Volksfront“ gegen die „ausländischen Mächte“, die sein Volk zu Sklaven machen wollten. Doch nie prangert er bestimmte Staaten oder Völker an, schon gar nicht Deutschland, das manchem Griechen als Feindbild dient.

Dabei hat kaum einer der heute Lebenden die dramatischen Brüche im griechisch-deutschen Verhältnis so drastisch erlebt wie er. Als Jugendlicher schloss er sich dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer an, mit 18 wurde er zum ersten Mal verhaftet und gefoltert. Deutschland – das war für ihn aber nicht das Land von Hitler, sondern das von Bach, Schubert, Mahler und Beethoven. Als er mit 17 Beethovens Neunte als Musikuntermalung in einem deutschen Film hörte, beschloss er, Komponist zu werden. Bis heute ist seine Beziehung zum Musikland Deutschland besonders eng – beiderseitig.

Dabei war die Rezeption im Osten und Westen sehr unterschiedlich. Als Mikis Theodorakis in den frühen 1960ern viele seiner populärsten Stücke, darunter die markante Filmmusik zu „Alexis Sorbas“ schrieb, war er im Westen vor allem der fröhliche Grieche, mit dessen Liedern sich der Urlaub in Hellas nett untermalen ließ. Auch in den auf Deutsch gesungenen Liedern wurde Theodorakis hier oft entpolitisiert. So ließ sich Milva deutsche Texte schreiben, die überhaupt nichts mit den originalen Inhalten zu tun hatten. Dabei war Theodorakis gerade mit seinen Vertonungen griechischer Lyriker wie Georgios Seferis oder Jannis Ritsos so populär geworden. Als ob Hans Werner Henze mit den vertonten Poemen von Paul Celan oder Erich Fried fünf Jahre lang fünf Millionen Platten verkauft hätte – so vergleicht es sein Übersetzer und Biograf Asteris Kutulas.

In der DDR war der große Grieche zuerst der verfolgte Kommunist. Als er 1967 im Gefängnis saß, wurden selbst die Schulkinder zur Solidarität animiert – sie malten Bilder für Mikis. Liederbücher, Übersetzungen und Schallplatten weckten das Theodorakis-Feuer, das nicht wieder verlosch, als die DDR-Kulturpolitik den im Exil aus der Kommunistischen Partei ausgetreten Komponisten von der Liste der Genossen strich. Nun wurden die Lieder von Theodorakis subversiv: Die inhaftierten und dann in den Westen abgeschobenen Gerulf Pannach und Christian Kunert sangen das Lied vom „Andonis“ aus dem Mauthausen-Zyklus.

In den 1980ern wurde Theodorakis in der DDR wieder zugelassen – und zwar mit voller Macht. Nun wurden hier vor allem die Sinfonien und Oratorien aufgeführt und vom Meister selbst dirigiert. Ob „Canto General“ nach Pablo Neruda oder das Oratorium „Axion Esti“ – große Chöre und Orchester probten für Fernsehauftritte und Plattenaufnahmen. Theodorakis nahm die politische Vereinnahmung in Kauf: Bei einem FDJ-Konzert auf dem Rosa-Luxemburg-Platz tanzten unten die jungen Leute – und auf der Tribüne Egon Krenz und Co. Nach der Wende fanden Sänger aus Ost und West auch über Theodorakis zusammen: Ob Klaus Hoffmann und Konstantin Wecker, ob Gerhard Gundermann, Hans-Eckart Wenzel, Gerhard Schöne oder Gina Pietsch – sie alle interpretierten ihn.

Doch wie klingen die Lieder von Mikis Theodorakis heute in der griechisch-europäischen Tragödie? Wer wie in „Ich öffne die Tür jeden Abend“ die Verlorenen und Bedrängten einlädt, der verbreitet auch Hoffnung. Und selbst der immer verzweifelter tanzende Alexis Sorbas wirkt heutiger denn je.