Der Schriftsteller Milan Kundera im Mai 1968.
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Prag - In Tschechien sorgt eine neue Biografie über den Schriftsteller Milan Kundera für reichlich Gesprächsstoff. Sogar Regierungschef Andrej Babis äußerte sich kritisch zu der Neuerscheinung des Autors Jan Novak. Viele erstaunt, dass es das erste Buch überhaupt über das Leben des heute 91-jährigen Schriftstellers ist. Kundera selbst hat immer wieder betont, der Romanautor suche, „hinter seinem eigenen Werk zu verschwinden“.

Doch der Reihe nach: Im Juli 1975 verließ Milan Kundera für immer die sozialistische Tschechoslowakei und ging mit seiner Frau Vera in den Westen. Für Kundera, da schon 46 Jahre alt, begann in Frankreich ein neues Leben. Knapp zehn Jahre später wurde er mit dem Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ international bekannt. Er erzählt von der Liebe zwischen dem Chirurgen Tomas und der Kellnerin Teresa vor dem Hintergrund der Niederschlagung des Prager Frühlings.

Über sein vorheriges Leben hinter dem Eisernen Vorhang hüllte der nun in Paris lebende Kundera den Mantel des Vergessens, behauptet der Biograf. Er fragt provozierend: „Konnte er sich nicht ausrechnen, dass ihn diese Lügen einmal einholen?“ Jan Novaks Buch heißt „Kundera – sein tschechisches Leben und die Zeit“. Für sein 900-Seiten-Buch, das die Jahre bis 1975 abdeckt, befragte er jahrelang Zeitzeugen. Er nutzte aber auch die – als Quelle umstrittenen – Akten der tschechoslowakischen Staatssicherheit.

Novak schreibt, dass Kundera in Brünn (Brno) in gebildeten Verhältnissen aufgewachsen sei – der Vater Hochschulrektor, die Mutter Lehrerin. Er sei mit 18 Jahren der kommunistischen Partei beigetreten; in seinem tschechischen Frühwerk finden sich Gedichte auf Stalin und den von den Nationalsozialisten ermordeten Antifaschisten Julius Fucik. Das eint ihn mit anderen Autoren, die in jungen Jahren ihre Hoffnungen an den Sozialismus knüpften.

Wegen eines kleinen Vergehens, das er in seinem Roman „Der Scherz“ verarbeitet, sei Kundera ausgeschlossen, doch bald wieder aufgenommen worden. Am Ende seines ersten Buches über die „Kunst des Romans“ aus dem Jahr 1960 habe Kundera seine Autorenkollegen zum Aufbau „einer neuen künstlerischen Ordnung“ aufgerufen.

Kundera sei in der Tschechoslowakei ein bekannter Dichter und Theaterautor gewesen, der 1963 den Klement-Gottwald-Staatspreis erhielt. Als Dozent an der Prager Filmhochschule Famu genieße er das Vertrauen der Partei, zitiert Novak aus einer internen Bewertung. Kundera habe zu den Privilegierten gehört, die ins Ausland reisen durften. Erst nach dem Einmarsch der Sowjettruppen 1968 sei der Reformkommunist Kundera in Ungnade gefallen, seine Bücher aus den Bibliotheken verschwunden. Veröffentlichen konnte er nichts mehr.  Petitionen zur Freilassung inhaftierter Schriftsteller, initiiert von Kollegen wie Vaclav Havel und Pavel Kohout, habe er indes nicht unterzeichnet. 

Was hat Novak, der als Sohn tschechischer Emigranten in den USA aufgewachsen ist, zu seinen kritischen Nachforschungen bewegt? Seine Zeit in Chicago habe ihm geholfen, Kunderas „Wiedergeburt“ zu verstehen, sagt der 67-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Viele Emigranten können der Versuchung nicht widerstehen, für sich eine neue, verbesserte Identität zu erfinden.“

Neben der großen Politik und der Literatur nimmt Kunderas Privatleben breiten Raum ein, Novak befragt Frauen, mit denen der Autor früher zusammen war. Es ist nicht das erste Mal, dass Kunderas Vergangenheit für Diskussionen sorgt. Vor zwölf Jahren holten Historiker ein Polizeiprotokoll hervor, demzufolge der Autor im Jahr 1950 als junger Student einen US-Spion an die Behörden verraten habe. Dieser wurde gefasst und zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt. Kundera sprach von Lügen und einem „Attentat auf einen Autor“.

Was dem Leser am Ende fehlt, ist eine Biografie über die Zeit nach der Emigration. Und es bleibt die Frage: Kann man die erste Lebenshälfte Kunderas ohne die zweite betrachten? Einen deutschen Erscheinungstermin für „Kundera – sein tschechisches Leben und die Zeit“ gibt es nach Angaben des Argo-Verlags in Prag noch nicht. Kundera selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er gebe seit etwa 30 Jahren keine Interviews mehr, hieß es aus seinem Pariser Verlag Gallimard.