Milan Peschel war Tischler-Lehrling, Bühnentechniker und Schauspieler an der Volksbühne. Er hat erlebt, wie Frank Castorf hier anfing und ist dabei, wenn er aufhört. In „Dark Star“, der letzten Volksbühneninszenierung, bevor Chris Dercon das Haus übernimmt, spielt Peschel an der Seite von Christine Groß, Trystan Pütter und Martin Wuttke.

Wie ist das, ein neues Stück zu proben und gleichzeitig Abschied zu nehmen?

Es ist traurig, aber das vergisst man beim Spielen. Zumal ich schon beim Volksbühnen-Diskurs im Oktober dachte, das ist die letzte Premiere. Da standen mir die Tränen in den Augen. Ich dachte daran, wie ich das erste Mal in dieses Haus gekommen bin, wie überwältigt ich bei meiner ersten Premiere war. Und dass das jetzt alles vorbei ist.

Wann sind Sie das erste Mal an die Volksbühne gekommen?

In der 9. Klasse, 1985. Ich habe mich um eine Lehrstelle als Tischler für Dekorationsbau beworben. Zum Bewerbungsgespräch habe ich einen selbst gebastelten Schwibbogen mitgebracht. Als Beweis für meine handwerklichen Fähigkeiten. Mit 18 bin ich dann zur Bühnentechnik gekommen.

Wie war die Arbeit damals?

Ganz anders. Die Volksbühne war oft sehr schlecht besucht, das Theater so lala, Heiner Müller war schon nicht mehr am Haus, Fritz Marquardt auch nicht. Der Intendant war vom Kulturminister eingesetzt. 1988 kam Frank Castorf dann das erste Mal.

Und hat alles umgekrempelt?

Der schlug hier auf, und es war klar, das ist ein spezieller Typ, den muss man toll finden.

Wieso musste man das?

Das war so ein junger Wilder mit Nickelbrille und Trenchcoat, der sich gleich zu den Beleuchtern und Technikern an den Tisch gesetzt hat. Man hatte das Gefühl, der ist einer von uns. Als er „Die Räuber“ inszeniert hat, lud er alle Mitarbeiter des Hauses zur Konzeptionsprobe ein. Sonst waren die Künstler eher unter sich, und jetzt war die Probe offen für alle.

Aus der „Räuber“-Inszenierung stammt die Idee für das Rad auf zwei Füßen, das später zum Wahrzeichen der Volksbühne wurde und um das es jetzt Streit gibt.

Ja, Bert Neumann, der das Bühnenbild gemacht hat, hat aus dem Rotwelsch, dieser Räubersprache, Zeichen von Gaunern und Wegelagerern genommen, und dazu gehörte auch dieses Rad, das dann Mitte der Neunziger vor der Volksbühne aufgebaut wurde. Auf der Bühne stand es aber nicht. Ich hab’ das „Räuber“-Bühnenbild ja ganz oft mit aufgebaut. Es war wie ein riesiger Schuhkarton, ausgeschlagen mit Pappe, vorne eine Schräge, hinten eine schwarze Wand mit Zacken, und innen drin Zeichen von HO-Einkaufstüten.

1992 hat Castorf dann die Volksbühne als Intendant übernommen. Ging es damals so hoch her wie jetzt bei der Übernahme durch Chris Dercon?

Glaube ich nicht, aber da war ich auch gerade nicht da. Ich bin 1991 zur Schauspielschule gegangen, hab’ mir aber jede Volksbühnen-Aufführung angeguckt und mich nach dem Studium gar nicht getraut, mich hier zu bewerben. Der Schauspieler Gerd Preusche hat dann ein gutes Wort für mich eingelegt und Castorf hat mich zum Vorsprechen eingeladen.

Und?

Als ich fertig war, hat Frank mich aufgefordert, eine Glühbirne auszuwechseln. Ich hab’ gesagt, ich war aber nicht bei den Beleuchtern. Dann hat er mich bei den „Webern“ von Gerhart Hauptmann besetzt und die Ausbildung ging los.

Die Castorf-Ausbildung?

Ja, ich konnte mir zehn Jahre lang anhören, das ist ja so Schauspielschule, was du machst. Und das war auch so. Ich bin an der Volksbühne erwachsen geworden. Hier habe ich alles gelernt und erfahren, was mich als Schauspieler und Regisseur ausmacht. Deshalb bedeutet mir die Volksbühne so viel. Und deshalb ärgert mich nicht nur, dass jetzt alles vorbei ist, sondern auch, wie es zu Ende geht. Dieser Streit um das Rad zum Beispiel ist so albern und unsouverän. Ich möchte, dass es dort vor der Volksbühne stehen bleibt.

Wir dachten, die Volksbühne will, dass das Rad wegkommt.

Was heißt, die Volksbühne! Frank will das. Ich glaube nicht, dass jeder einzelne Mitarbeiter dazu befragt wurde. Es ist eine Trotzreaktion. Frank, habe ich gehört, will das Rad jetzt mitnehmen nach Avignon.

Nach Avignon?

Da hat die Volksbühne ein Gastspiel. Was das alleine kostet, es abzubauen und dahin zu schaffen. Für das Geld könnte man den Mitarbeitern auch ’ne schöne Prämie auszahlen, für 25 Jahre.

Frank Castorf unterwegs mit Bert Neumanns Lauf-Rad ist in der Tat eine ziemlich groteske Vorstellung.

Bert soll mal gesagt haben, man muss einfach das Rad abschneiden und die Füße stehen lassen. Das könnte ich mir auch vorstellen. Für mich ist das Rad wie eine Faust, die aus dem Grab herausragt. Ich habe Angst davor, an diesem Platz vorbeizulaufen, und alles ist leer. Vor dem Berliner Ensemble steht ja auch noch der Brecht. Du kannst das Rad anmalen oder ansprayen oder sonst wie belegen. Es wird immer dieses Rad bleiben, immer Bert Neumann, immer diese 25 Jahre.

Sind Sie nicht sauer, dass die Neuen die Volksbühne und ihr Symbol, das Rad, benutzen, ohne Dank und nichts?

Was für ein Dank? Geht es jetzt darum, sich bei Frank Castorf zu bedanken? Man hätte ihn gar nicht erst ablösen sollen. Dass man die Volksbühne zerschlägt, ist dumm und ein Riesenverlust. Und was das Rad betrifft, das ist für mich wie mit dem Lenin-Denkmal, das abgerissen wurde oder dem Palast der Republik. Ich habe das Gefühl, die Denkmäler sollen geschleift werden, und wir schleifen sie jetzt selber. Damit macht man es den Politikern und Nachfolgern viel zu einfach.

Was passiert mit den anderen Relikten der Castorf-Ära, Bert Neumanns Bühnenbildern zum Beispiel?

Seine Witwe Lenore Blievernicht würde die gerne erhalten. Den Orka aus „Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ haben wir in meiner Scheune auf dem Land abgestellt, bevor er geschreddert wird. Ein Flugzeug aus Holz, aus einer Wiener Pollesch-Inszenierung, steht inzwischen auch da. Was mit den anderen Sachen passiert, ist noch unklar.

Was war der Grund, dass Sie die Volksbühne 2008 als festes Ensemble-Mitglied verlassen haben?

Das war eine merkwürdige Zeit. Viele Kollegen sind damals weggegangen. Meine letzte Arbeit war „Emil und die Detektive“. Da spielten vor allem ältere Kollegen und Kinder mit. Kinder und Alte, das letzte Aufgebot, dachte ich. Ich hatte Angst, irgendwann nur noch in der Kantine zu sitzen und zu meckern. Ich wollte Regie führen, drehen, hatte ein Angebot des Regisseurs Jan Bosse. An der Volksbühne hieß es: Ach, Jan Bosse, ja? Hm, na ja, wenn du meinst. Die Arroganz der Avantgarde gehörte ja auch immer zur Volksbühne.

Aber zurückgekommen sind Sie trotzdem?

Klar, die Volksbühne ist mein Zuhause, es war toll, wieder mit Frank Castorf und erstmals mit René Pollesch zu arbeiten. Ich bin inzwischen auch mit ehemaligen Volksbühnen-Kollegen befreundet. Henry Hübchen, Kathi Angerer, Bernhard Schütz, Jeanette Spassova. Interessanterweise fingen diese Freundschaften erst an, nachdem ich aufgehört hatte. Diese Nähe gab es vorher nicht.

Werden Sie das Haus nach Ihrer letzten Vorstellung noch mal betreten?

Ich kann mir vorstellen, dass ich mir was ansehe, einfach nur, damit man weiß, worüber man meckert. Wahrscheinlich werde ich danach noch angepisster sein. Ich kriege ja jetzt schon die Krise, wenn ich sehe, wie gerade alles neu gestrichen wird. Das hat vermutlich gar nichts mit Dercon zu tun, aber ich habe das Gefühl, alles, was das Haus ausgemacht hat, wird gerade weggewischt.

Und das Ensemble?

Das bleibt. Alle, die bei Castorf spielen, sind Freaks, Einzelkämpfer, Individualisten, geprägt vom Geist und der Energie des Hauses. Spielen wir eben woanders. Am Renaissance-Theater. Oder am BE. Oder in Bochum. Ist mir egal. Wir haben zusammen was Einzigartiges erlebt und das kann uns keiner nehmen.

Das Gespräch führten Anja Reich und Ulrich Seidler.