Eine Frau liest in perfekter Situation (Tee, Hund) eine hoffentlich gute Geschichte.
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BerlinEs gibt Menschen, die immer ein Haar in der Suppe finden, egal wie gut es ihnen geht. Ester ist so eine Frau. Als Jugendliche hasst sie das karge Landleben auf Sardinien. Endlich verheiratet und ab den 50er-Jahren in einer modernen Wohnung in Genua, vermisst sie die Insel. Wieder zurück ist sie auch nicht zufrieden.

Ganz anders ist Esters Tochter Felicita: Sie lebt im Hafenviertel von Cagliari, liebt ihr uneheliches Kind, schließt Freundschaften und erkennt schwerkrank die beglückende Schönheit des schmalen Streifens Meer, den sie aus ihrer winzigen Wohnung sieht.

Die sardische Autorin Milena Agus beschreibt einerseits die Sehnsucht nach dem perfekten Glück, andererseits das Talent, das Beste aus dem zu machen, was ist. Sie zeigt das nicht nur an Mutter und Tochter, sondern an Großmüttern, Vätern, Freunden, Freundinnen. Als Romanidee ist das vielleicht nicht besonders abwechslungsreich, aber reizvoll, weil sich viele darin wiedererkennen dürften.

Außerdem macht Agus ein Sardinien jenseits der touristischen Verklärungen lebendig: Statt strandnaher Ferienwohnungen schildert sie Steinhäuser in abgeschiedenen Dörfern, statt Geplauder am Pool die Diskussionen zwischen (Ex-)Mussolini-Anhängern und Kommunisten, statt Badegästen alte Frauen, denen die Kirche viel näher ist als das Meer.  





Milena Agus:

Eine fast perfekte Welt

Roman. Aus dem Italienischen von Monika Köpfer, dtv, München 2020, 207 S., 20 Euro.

Zweifelnde Mutter

Saskia geht es nicht um Perfektion, sondern um eine verwandte Kategorie. Sie hadert damit, keine „echte“ Mutter zu sein. Und zwar weniger, weil ihre Freundin Juli das gemeinsame Baby zur Welt brachte, sondern weil sie sich einfach nicht so fühlt. Zum Beispiel, wenn sie beim Windeln mit Übelkeit kämpft. „Eine echte Mutter bekommt keinen Würgereiz, wenn sie ihr Kind sauber macht.“

Saskia de Coster, eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Belgiens und selbst lesbische Mutter, erzählt von einer nicht ganz perfekten Regenbogenfamilie – beziehungsweise der Befürchtung, dem hart erkämpften Glück nicht gerecht zu werden. Der Roman schildert die erste Reise der beiden Mütter mit ihrem Sohn. Sie führt zu ihrem Samenspender, dem schwulen kanadischen Künstler Karl und zu dessen Mutter, die in einer Hippiekommune lebt.

Zwischen Selbstversorgergärten, Wald und Meer stellt sich Saskia ihren gemischten Gefühlen, erzählt rückblickend von Kinderwunschkliniken und Julis Fehlgeburten, von der Zeit als Paar ohne Baby, von ihrer Flucht in eine Affäre. Außerdem hat auch Karl mit seiner Hippie-Sippe so einige Probleme. Es gibt also viel zu klären auf der kanadischen Insel. Das Streben nach Perfektion, Echtheit oder idealer Mütterlichkeit, so viel kann schon verraten werden, hilft dabei nicht.





Saskia de Coster:

Eine echte Mutter 

Roman. Aus d. Niederländischen von Isabel Hessel. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 348 S., 24 Euro.