Miley Cyrus hat es nicht leicht. Zum einen wird die 28-jährige Sängerin aus Tennessee immer noch mit ihrem niedlichen Kinderstardasein aus der Fernsehserie „Hannah Montana“ in Verbindung gebracht. Zum anderen hat sie mit ihrem Vater Billy Ray Cyrus und ihrer Patentante Dolly Parton gleich zwei Country-Stars in unmittelbarer Vergleichsnähe. Dass mittlerweile ihre vier Geschwister Noah, Braison, Brandi und Trace ebenfalls singen oder schauspielern, mindert den Druck nicht. Zumal Paparazzi seit fast 20 Jahren all ihre Höhen und Tiefen dokumentieren.

Letzteres hat zumindest den Vorteil, dass Miley Cyrus auch all jene kennen, die bis dato nicht an ihrer Schauspiel- oder Musikkarriere interessiert waren. Aber was mag der Grund für die vielen Imagewechsel sein, die Miley Cyrus mit ihren letzten sechs Alben und einigen Filmrollen vollzogen hat? Die einst niedliche Brünette wurde immer mehr zu einer wilden Blondine, die sich für keinen Skandal und kein Musikgenre zu schade ist. Und so ist es auf ihrem neuen und siebten Album „Plastic Hearts“ erneut. Miley Cyrus hat die letzten Rockjahrzehnte für sich entdeckt und ist nun die edle Rockerin mit blondem Vokuhila, zerrissenen Jeans und Lederhandschuhen.

Foto: Sony Music
Miley Cyrus hat erneut ihr Image gewechselt.

Ihr kürzliches Cover von Blondies „Heart of Glass“ lies bereits erahnen, dass Miley Cyrus diese Richtung einschlagen will. Es folgte eine Vielzahl von Rock-Covern, die sie vor allem bei der gemeinnützigen Spenden-Veranstaltung #SOSFest vortrug. Auf dem neuen Album hat sie neben „Heart of Glass“ auch „Zombie“ von The Cranberries platziert. Obwohl die beiden Stücke häufig kopierte Klassiker sind, zählen sie zu den stärkeren Stücken von Miley Cyrus. Ihre reibende Mezzosopranstimme, die seit einer Operation an den Stimmbändern noch rauer und tiefer klingt, passt gut zu dem Stadionsound – und den Zeilen über Liebe und Schmerz.

Miley Cyrus bleibt in der Vergangenheit haften

Das Stück „Prisoner“ mit Popsängerin Dua Lipa ist wiederum kein Cover – wenn man auch glaubt, Olivia Newton-Johns „Physical“ rauszuhören. „Prisoner, prisoner, locked up / Can't get you off my mind, off my mind“, singen die beiden zu einem treibenden Rock-Pop-Sound über einen Gefangenen, den sie nicht aus dem Kopf kriegen. Das geht gut ins Ohr. Man wird aber das Gefühl nicht los, es schon einmal gehört zu haben und das zieht sich letztlich durch alle 15 Stücke auf „Plastic Hearts“.

Egal ob es die pompöse Rockballade „Midnight Sky“ ist – die sie auf dem Album mit Stevie Nicks von Fleetwood Mac weiterentwickelt – oder das pochende Synthrockstück „Night Crawling“ mit Billy Idol. Es sind nur Anleihen aus den 70ern, 80ern, 90ern –  der Sound, den man aus dem Radio zur Genüge kennt. Miley Cyrus versucht zwar, ihn in die Gegenwart zu transportieren, aber das gelingt nicht wirklich. Während die zwei reinen Cover und die Stücke mit Gästen noch im Ohr bleiben, vergisst man die restlichen neun Stück sofort wieder. Es wird, wie bereits in vielen Liedern auf den letzten Alben, die Songwriter-Schwäche von Miley Cyrus deutlich. Cover gelingen ihr besser.

Denkt man an ihre letzte EP „She Is Coming“ aus dem Jahr 2019 zurück, ist das äußerst schade und der erneute Imagewechsel fatal. Sie verschaffte sich mit dem R&B-Pop-Werk immerhin ein besseres Standing in Kritikerkreisen als mit den vorherigen Softpop-Country-Teen-Rock-Platten. Ihr Popsong „Mother's Daughter“ gelangte zudem in die weltweiten Charts, das dazugehörige Video hat knapp 104 Millionen Aufrufe auf YouTube. Die Art und Weise, wie sie darin Frauen (mit Slipeinlage in der Unterhose, im Rollstuhl mit Narbe oder in gleichgeschlechtlicher Beziehung) darstellte, sorgte für positive Berichterstattungen. Miley Cyrus war damit eine Art Feministin und „Mother's Daughter“ ein starkes Poplied, das mehr als nur radiotauglich war. 

Mit zwei weiteren EPs sollte „She Is Coming“ dann ein Album bilden. Doch nur das erste Werk und die spätere Pop-Single „Slide Away“ wurden veröffentlicht. Medienberichten zufolge soll ihre Scheidung von dem Schauspieler Liam Hemsworth der Grund dafür gewesen sein. Doch es muss noch an etwas anderem gelegen haben, sonst hätte Miley Cyrus ihr Image nicht erneut abgestreift. Man kann nur mutmaßen, dass sie die Wandlung liebt oder immer noch in der Selbstfindungsphase steckt. Einen Gefallen hat sie sich mit diesem Rockwerk jedenfalls nicht getan.