Milky-Chance-Frontsänger Clemens Rehbein spielte vor 900 Zuschauern im Marienpark.
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinFür einen Augenblick hat man tatsächlich vergessen, dass Covid-19 uns noch immer in Atem hält. Als Clemens Rehbein, Sänger der Band Milky Chance, am Sonntagabend auf der Bühne im Marienpark nach dem Mikrofon greift und mit seiner herrlichen Reibeisenstimme deren wohl größten Hit „Stolen Dance“ anstimmt, stehen alle 900 Zuschauer im Marienpark auf und tanzen lebensfroh auf ihrem Platz: Haare fliegen durch die Luft, Hüften schwingen im Takt. Auf der linken Seite des Himmels sticht eine Mondsichel hervor und auf der rechten zeichnet sich der immer noch der hellrote Sonnenuntergang ab. Wir sind in Berlin, 20.30 Uhr, Festivalfeeling pur.

Dass bei einem Konzert unter Corona-Regeln so eine Stimmung aufkommen kann, hat selbst die Band aus Kassel – die mit ihren drei chartplatzierten Alben und berüchtigten Auftritten wie dem bei Lady Gagas „One World“ Tour längst zum Hype geworden sind – überrascht. „Es ist weird, aber schön“, sagt Rehbein im Marienpark auf der Bühne. „Ich hoffe, Ihr habt genug Platz zum Tanzen in Euren Markierungen.“

Auf dem Boden des Marienparks wurde mit Markierungen für Abstand gesorgt.
Foto: Roland Owsnitzki

Zahlreiche Vierecke wurde von den Veranstaltern auf den Boden aufgesprüht. Sie sind genau so groß, dass eine Picknickdecke drauf passt. Zwischen den Decken sind jeweils 1,5 bis 2 Meter Abstand. Zwei bis vier Personen dürfen darauf Platz nehmen. Wer aus einem fremden Haushalt kommt, muss Maske tragen. Nur wer zusammenlebt, darf sie absetzen. Seinen Platz soll man allerdings nicht grundlos verlassen – wenn, dann nur mit Maske. Darauf achten besonders eifrige Aufseher.

Das Konzert von Milky Chance ist komplett ausverkauft

Seit dem 30. Juli testet die Konzertagentur Landstreicher dieses Modell. Die Idee, so die Organisatorin Johanna Ohrt, sei aus der Not geboren. „Seit Anfang März können wir nicht mehr im üblichen Rahmen veranstalten und es war uns wichtig, ein Konzept zu finden, das unter der Einhaltung aller Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen umsetzbar ist“, sagt sie. Mit einem Open Air auf Picknickdecken hätten sie „den charmantesten Weg gesehen, Musik erlebbar zu machen.“ Und es funktioniert: Das Konzert am Sonntagabend ist ausverkauft und wird sogar in einem Livestream übertragen.

Auch wenn Milky Chance mit ihrem folkigen Electro-Rock zum Tanzen einladen und es auf der Bühne auch selbst tun, bewegt sich keiner der 900 Zuschauer aus seiner Markierung heraus. Dabei würde man die blinkende Lichtshow, die sich vorne abspielt, zu gern aus der Nähe sehen. Doch alle hier genießen auf ihren Plätzen einen gemeinsamen Moment, den man in der Form lange nicht mehr hatte. Denn wer weiß, wann sich die Corona-Regeln wieder verschärfen.

Die „Picknick-Konzerte“ werden neben Berlin auch in Köln, Münster, Dresden und Leipzig veranstaltet. Weitere Infos und Termine unter: www.picknick-konzerte.de