Jeder Tanz beginnt mit dem ersten Schritt. Der argentinische Tango beginnt mit einem Blick. Tänzerinnen und Tänzer suchen einander mit den Augen. Haben zwei zusammengefunden, folgt das Wichtigste: die Umarmung. Erst wenn wir uns darin wohlfühlen, setzen wir gemeinsam unsere ersten Schritte zur Musik.

Wem das zu technisch klingt, der oder die sollte sonntags in der Strandbar hinter dem Bodemuseum vorbeischauen. Umsonst und draußen ist hier zu bewundern, wie wir in den siebten Tango-Himmel entschweben. Und das nicht nur mit der oder dem eigenen Liebsten. Wenn's klappt ... Aber Vorsicht: Ansteckungsgefahr!

Denn nicht wenige haben hier den letzten Kick bekommen, es selbst einmal zu versuchen, erzählte mir ein Berliner Tango-Lehrer. Und das kann teuer werden. An die 150 Euro im Monat, hat die tanzende Bloggerin Laura Knight („BerlinTangoVibes“) einmal kalkuliert – allein für Unterricht und Eintrittsgelder. Erfrischungen exklusive. Von Schuhen, Kleidern und Tango-Reisen ganz zu schweigen. Ich weiß, wovon ich spreche.

Auf der Pista

Aber zurück zur Tanzfläche – wer von seinem Platz an der „Pista“ aus genauer hinschaut, wird verblüfft feststellen: Tangueras und Tangueros machen zu ein und derselben Musik höchst unterschiedliche Bewegungen. Das fängt beim Tempo an: Die einen tanzen halb so schnell, wie der Takt es vorgibt, die andern verdoppeln zeitweise die Zahl ihrer Schritte. Dieses Paar erfreut einander mit „Ochos“; jenes fügt „Boleos“ oder „Sacadas“ hinzu (und was es sonst an tollen Tango-Tricks gibt). Aber damit nicht genug: Um die meisten Figuren hinzubekommen, muss der Mann etwas anderes tun als die Frau. Er führt. Sie folgt. Oder umgekehrt. Klar ist, dass einer entscheidet, was als Nächstes kommt, der oder die andere den Hinweis aufnimmt.

Womit wir wieder bei der Umarmung wären. Sie soll sich nicht nur schön kuschelig anfühlen wie beim Klammerblues im Feten-Keller. Denn außer Glückshormonen überträgt sie vor allem Informationen. Anders als in den Standard- und Latein-Tänzen gibt es im Tango keine festgelegten Choreographien. Auf der Pista wird improvisiert. Dasselbe Paar kann in der nächsten „Milonga“ (so heißen die Tango-Veranstaltungen) zur selben Musik schon wieder ganz anders tanzen als heute hinterm Bode-Museum.

Migranten-Melancholie

Auch die Lieblingslieder der meisten Tango-Freaks sind reichlich museal. Wie Swing-Tänzer bevorzugen sie Titel die in den 30er- bis 50er-Jahren aufgenommen wurden, als die großen Ballsäle von Bigbands live bespielt wurden. Im Tango hießen sie „Orquesta Típica“. Die Stücke sind oft noch früher geschrieben und spiegeln das Lebensgefühl der meist männlichen Einwanderer aus Europa wider, die in Argentinien ihrer alten Heimat nachtrauerten oder verlorene wie vergebliche Liebe beweinten. Derlei Migranten-Melancholie ist erstaunlich anschlussfähig an jene der Metropolitaner von heute.

Wer seinen Frust moderner abreagieren möchte, fährt ins „Tangoloft“ im Wedding, das für seinen verrückten Musik-Mix bekannt ist. Aber gleich zu welchen Klängen – alle wollen immer nur das eine: die tänzerische Erfüllung. Oder wie es die amerikanische Tango-Tänzerin und Autorin Sasha Cagen formuliert hat: den „Tangasmus“. Derlei Höhepunkte irgendwo zwischen Erotik und Meditation sind im Tango allerdings nicht weniger selten als im wirklichen Leben. Was die Tänzerinnen und Tänzer umso mehr anstachelt, mit großem Fleiß immer wieder strebend sich zu bemühen – manchmal bis zur Verkrampfung.

Hingabe, Verbindung, Freude

Derlei Übereifer ließ dieser Tage den Besitzer einer der größten Berliner Tango-Schulen warnend zu Protokoll geben: „Ich halte beim Tanzen Perfektionismus für ungesund.“ Rafael Busch („Tangotanzen macht schön“) propagiert stattdessen „Hingabe, Verbindung und Freude“. Als ob das so einfach wäre. Bei der Konkurrenz fand sein Post auf Facebook vor allem deshalb große Beachtung, weil er hinzufügte, er halte „Wettbewerbe für überflüssig“.

Das saß. Denn die Bemerkung konnte nur als gelinde Distanzierung von der neuen Attraktion des wichtigsten Ereignisses gewertet werden, zu dem sich die Mehrheit der Tango-Schulen und -Veranstalter der europäischen Tango-Hauptstadt vom 4. Juni an für eine Woche zusammenfinden. Im sechsten Jahr seines Bestehens bietet das Embrace-Festival zum ersten Mal ein Tanzturnier. Es winken Preise im Wert von mehr als 10 000 Euro – an der Spitze ein Flug nach Buenos Aires, der Traumstadt der Tango-Fans. Im 25. Jahr der Städte-Partnerschaft Berlin-Buenos Aires half die argentinische Botschaft bei der Suche nach Sponsoren.

Eine kleine Dissonanz

An den „Berlin Open“ kann jedes Tanzpaar teilnehmen, das sich stark genug fühlt. Die Initiatoren versprechen sich von dem Wettbewerb mehr Besucher und ein größeres Interesse auch in den szenefernen Medien. Doch die Umarmung der Aktivisten beginnt auf diese Weise mit einer kleinen Dissonanz. Zwar findet in Buenos Aires seit vielen Jahren eine „Tango-Weltmeisterschaft“ statt. Aber die meisten Tango-Tänzerinnen und -Tänzer hier mögen ihren Himmelsflug nicht bewerten lassen. Turniere sind in ihren Augen etwas für den normierten Standard-Tanz.

Ich lasse mich durch die Debatte nicht irritieren. Eine Chance auf einen der Preise hätte ich sowieso nicht. Da mach ich mich lieber mit meiner Partnerin ganz locker auf die Suche nach einer passenden Wolke. Wenn Sie (und ich) Glück haben, können Sie uns fliegen sehen.

Das Embrace Berlin Tango Festival

wird in mehr als 25 Orten gefeiert, in Form von Milongas, Workshops, Tangonächten. Das Programm gibt es unter embrace-berlin.de

Highlights:

Dienstag 4. Juni, 21.30 Uhr, „Gran Milonga“ im „Tangoloft“, Wedding. Gast-DJ ist Horacio Godoy aus dem „La Viruta“, einem der wichtigsten Hotspots von Buenos Aires.

Freitag, 7. Juni, 21.30 Uhr, Solo Tango Orquesta, eine der international meistgefragten Tango-Bands im „Tangotanzen macht schön“.

Sonntag, 9. Juni, 20.30 Uhr, Finalrunde der „Berlin open“ im Kreuzberger „Walzer linksgestrickt“. Livemusik mit dem Berliner Tango Community Orchester.

Showtanz berühmter Tango-Paare aus Buenos Aires gibt es an jedem Abend.