Der ganze Lärm der Großstadt kommt, so scheint es, hierher. Nicht, um zu sterben, sondern, um zu gerinnen in sanft radikalen Rastern. In Geometrien in Form von schattenlosen, exakten Bodenplatten aus Aluminium, Eisen, Stahl. In Quadern, Würfeln, Blöcken und Barren aus rotbraun gebeiztem Holz, Beton, Schamotte, Ziegeln und vielfarbig schimmernden Feldern aus Kupferblech. Kante an Kante – oder aber in rasterartigen Schreibmaschinengedichten auf Papier.

Ein grandioser Ort der Entschleunigung

Carl Andre, Bildhauer aus New York, hat, kuratiert von der jungen Kunstwissenschaftlerin Lisa Marei Schmidt, die imposante Gründerzeit-Halle des Hamburger Bahnhofs in der Berliner Invalidenstraße und sämtliche Rieck-Hallen verwandelt in einen grandiosen Ort der Entschleunigung. Und dies ohne Pathos, allein durch minimalistische Strenge und Reduktion.

„Ich bin kein Atelierkünstler“, so der inzwischen 80-jährige US-Amerikaner. „Ich bin ein Ortskünstler.“ Schon in der kathedralartigen Haupthalle des einstigen Kopfbahnhofs hat der weltberühmte und durch die Wechselfälle des Lebens geprägte Minimalist seine zentrale Arbeit „Sculpture as Place“ ausgebreitet. Als der aus Massachusetts stammende, schon seit jungen Jahren in New York lebende Andre anfing mit dieser begehbaren Skulptur, war er einer der Ersten, die derart ortsbewusst arbeiteten, der so den umgebenden Raum – und zugleich die Rolle und Perspektive des Publikums – völlig neu definierte. Diese Haltung zieht er durch bis heute, unbeeindruckt von Trends und Zeitgeist-Anpassungen seiner Zunft an die Launen des Marktes. Ihn einen „Abstrakten“ zu nennen, wäre viel zu oberflächlich, womöglich sogar falsch. Man sollte seine Kunst auch nicht mit den geometrischen Holz- und Stahlwürfeln des Konzeptualisten und Landsmannes Sol LeWitt vergleichen, der die These vertrat, Kunst spiele sich im Kopfe ab.

Werke aus sinnlicher Erfahrung schaffen

Carl Andre nämlich meint seine Skulpturen sehr körperlich. Schließlich ist er beeinflusst von Bildhauern wie dem Klassiker der Moderne, Constantin Brâncusi, und vom US-Nachkriegs-Avantgardisten Frank Stella. Vorbilder also, die ihr Werk durchaus noch von der Anschauung, der sinnlichen Erfahrung her schufen, nicht aus dem reinen Geist der Konzeption. Andre: „Ich wünsche nicht Kunst zu machen, die dich zerdrückt oder dir ins Auge schießt. Ich habe Arbeiten gerne, mit denen man in einem Raum ist, die man jederzeit ignorieren kann.“

Er führt für seine hartnäckige Reibung an der großen Geschichte der Bildhauerei seit der Antike, auch für seine Abgrenzung von der Klassik, keine Theorien an. Er befragt die Skulptur als Form, als Struktur, als Ort. Und dazu kommt das Material: Rohe, nur wenig bearbeitete Industrie-Stoffe, die aber beim Drauftreten klingen. Fabrikgefertigtes, erklärt er, hätte besondere Eigenschaften. Andre schneidet sich das Material also nicht artifiziell zurecht, sondern benutzt es „als Schnitt im Raum“. Diesen „Cut“ soll der Betrachter mit Körper und Sinnen erleben.