Frankreich hat den Hochgeschwindigkeitszug TGV erfunden und das Überschallflugzeug Concorde. Was weniger bekannt ist: Auch das Internet kam in Frankreich zur Welt – zumindest kann der 1982 eingeführte Onlinedienst Minitel als eine Art Internet-Vorläufer gelten. Das Bildschirmgerät mit ausklappbarer Tastatur stand zeitweise in jedem dritten Haushalt. Es erlaubte den weit über 20 Millionen Benutzern, Zugtickets zu kaufen, Börsenkurse abzufragen oder den Wetterbericht einzusehen – und zwar so rasch und einfach, dass selbst Technikbanausen damit umgehen konnten.

Sogar Anwendungen gab es bereits auf dem Minitel. Über eine Applikation namens „le kiosque“ ließen sich etwa Telefonnummern aufrufen. Und nicht zuletzt gab es eine „messagerie rose“ – Erotikdienste. Es genügte, 3615 „Amandine“ oder 3615 „Venus“ zu wählen, schon unternahm der Benutzer Annäherungsversuche an virtuelle Lustbarkeiten. Das war so erfolgreich, dass die Anbieter sogenannte „robottes“ (Roboterinnen) einsetzten. „Ich heisse Hélène und suche ein galantes Rendezvous“, schrieb die automatische Animierdame im Dialogfeld, oder: „Ich bin blond, sportlich und braungebrannt. Und du, wie bist du?“Züchtige Zeiten, ein erster Vorgeschmack auf die heutigen Pornoangebote im Netz.

Minitel war die „erste interaktive, aber zu Hause abrufbare Datenbank für einen Massengebrauch“, schreibt Valérie Schafer in einem neuen Buch mit dem Titel „Minitel – digitale Kindheit Frankreichs“. Wie auch das Internet in den USA entstand der Minitel aus einem staatlichen Projekt: Die französische Regierung wollte damit das ganze Land auf die digitale Zukunft einstimmen. Das war vorausblickend: Als der Minitel-Dienst 1982 für den breiten Markt startete, war zwar in den USA der Internet-Urahn Arpanet bereits seit 13 Jahren in Betrieb. Doch an dieses Netzwerk waren damals nur eine Reihe Universitäten und Regierungsstellen angeschlossen. Minitel hingegen war für ganz normale Nutzer gedacht.

Die Minitel-Technologie setzte sich in Frankreich schnell durch. 1985 waren bereits über eine Million Geräte in Betrieb. Der Staat half mit, gab er doch die aus heutiger Sicht vorsintflutlichen Apparate unentgeltlich an die Haushalte ab. Den Stückpreis von 150 Euro (damals noch 1 000 Francs) hatte der staatliche Konzern France Télécom schnell amortisiert. Neun Millionen Geräte spielten in Spitzenjahren wie 1995 Benutzergebühren von über einer Milliarde Euro ein.

Trotzdem setzte sich das Minitel nicht weltweit durch. Wie üblich zog Frankreich den Alleingang vor, statt sich wenigstens mit den Europäern abzusprechen. So gelang es nicht mehr, den deutschen Bildschirmtext BTX oder Videotext-Systeme anderer Länder zu integrieren. Und ab 1991 trat ohnehin das World Wide Web seinen weltweiten Siegeszug an. France Télécom versuchte zuerst noch, Internet-Dienste oder den E-Mail-Verkehr auf dem Minitel-Bildschirm zu ermöglichen. 1998 verbrachten die Franzosen aber erstmals mehr Zeit – nämlich 6,5 Millionen Stunden pro Monat – vor dem PC als vor dem Minitel. Dessen Ende war besiegelt.

Erstaunlich ist, dass sich Minitel bis heute gehalten hat. Noch sind 810 000 dieser braun-beigen Apparate in Gebrauch; 1 800 von früher 25 000 Diensten sind noch aktiv. Das spricht für die Qualitäten des französischen Steinzeit-Internets: Auch ältere oder fernab der Zivilisation lebende Franzosen kommen damit schnell und praktisch an die gewünschte Information. Oder besser gesagt kamen: Am 30. Juni wird der Minitel nach mehreren Aufschüben endgültig abgeschaltet.