Die Opernsängerin Mirella Freni (1935–2020) 
Foto: Lionel Cironneau/AP

BerlinMirella Freni war 55 Jahre alt, als sie noch einmal mit Luciano Pavarotti, ihrem Freund seit Kindertagen, die Hauptrollen in Puccinis „La Bohème“ sang. Mittfünfziger in den Rollen junger Menschen – in der Oper wundert man sich über weniges, aber wie diese beiden großen Sänger mit der Weisheit ihrer singulären Künstlerkarrieren sich noch einmal in die Gefühlsnaivität dieser Personen versetzen können und ihr eine eigene süße Schwere verleihen, das ist eben doch zum Erstaunen.

Mirella Freni und Pavarotti wurden 1935 im Abstand von knapp acht Monaten in Modena in Arbeiterfamilien geboren und angeblich von derselben Amme genährt – ein so bizarres wie intimes Detail in der gerade zum großen globalen Business erwachsenden Klassik-Welt, aus der beide nicht wegzudenken sind. Frenis Karriere begann allerdings viel früher als die Pavarottis: Als der sich 1956 für das Singen entschied, hatte Freni längst in ihrer Heimatstadt debütiert, als Micaela in Bizets „Carmen“. Vor allem mit Buffa-Rollen kam sie ins Geschäft, bis sie 1963 an der Mailänder Scala Herbert von Karajan begegnete. Sie führten zusammen „La Bohème“ auf, produzierten die Inszenierung von Franco Zefirelli als Film, Karajan brachte die Produktion auch an die Wiener Staatsoper – wo sie mitgeschnitten wurde – und wählte die Freni auch noch zehn Jahre später als Mimi für seine Studioaufnahme des Werks.

Auf Karajan war nicht immer Verlass

Mirella Freni hatte eine für Karajans Ästhetik ideale Stimme: Technisch perfekt, nicht so groß, dass man bei ihrem Klang an körperliche Arbeit denken würde, von runder, süßer Schönheit, aber dabei doch immer noch individuell genug, um nicht als glatt verdächtigt zu werden. Karajan besetzte sie später auch in schwereren Rollen: Als Desdemona im „Otello“, als Elisabetta in „Don Carlo“, als Aida und Madama Butterfly. Aber nachdem sie mit der Violetta aus „La Traviata“ beim Mailänder Publikum durchfiel, wusste sie, dass auf Karajans Rat nicht immer Verlass war. Freni sang fortan nur noch im Studio, nicht auf der Bühne, was ihrer Stimme geschadet hätte.

Auf diese Weise gelang es ihr, das jugendliche Timbre erstaunlich lange zu erhalten. Noch mit über 50 Jahren erarbeitete sie sich neue Rollen wie die Tatjana in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ – ihr zweiter Mann, der grandiose bulgarische Bassist Nicolai Ghiaurov brachte ihr nach vielen gemeinsamen Auftritten in Verdi-Opern auch das russische Repertoire näher. Mit 70 Jahren beschloss sie 2005 eine Bühnenkarriere von einem halben Jahrhundert, die es so glanzvoll selten gegeben hat. Ihre Arbeit ist auf zahlreichen Aufnahmen dokumentiert und verläuft entlang einer Interpretationsgeschichte von Otto Klemperer („Don Giovanni“) und Herbert von Karajan über Carlos Kleiber („Otello“) und James Levine („Eugen Onegin“) bis zu Giuseppe Sinopoli („Manon Lescaut“).

Am Sonntag ist Mirella Freni nach langer Krankheit in ihrer Heimatstadt Modena gestorben – und mit ihr die nach dem Tod von Montserrat Caballé und Jessye Norman letzte Vertreterin der großen Bühnen- und Schallplatten-Diven der Nachkriegszeit.