Miriam Jakobs installative Performance „The Broken Promise“.
Foto: Dieter Hartwig

BerlinVerstünde man Theater als Prosa, dann wäre Tanz: Lyrik. Sinnliche Eindrücke erschaffend. Bedeutungen verdichtend und Kontexte verwebend, auf eine assoziative statt argumentierende Weise. Mitunter hermetisch. Diese Vorstellung im Kopf kann man die beiden Auftakt-Premieren zum dreiwöchigen Programmschwerpunkt „Open Spaces“ der Tanzfabrik in den Uferstudios gelöst auf sich wirken lassen.

Maritim ist die Stimmung in Miriam Jakobs installativer Performance „The Broken Promise“. Zu Skulpturen erstarrte Algen hängen zwischen den Sitzplätzen. Geisterhaft vibrieren die fragilen Tanggebilde, vom Summen einer Lautsprechermembran angeregt. Über den nach unten zur Spielfläche führenden Stufen im gekachelten Uferstudio 1 ist ein Podest errichtet, das ins Offene ragt wie ein Pier. Vor dem inneren Auge ersteht die Szenerie einer Meerlandschaft, eines finnischen Hafens, geschildert von einer klaren, weichen Stimme, die keiner der vier Performerinnen im Raum zuzuordnen ist. Wind und Vögel erklingen in der live gesteuerten Klangkulisse und das Signalhorn der Schiffe ertönt, von den langsam umher wandelnden Performerinnen in die Stimmstöcke eines Akkordeons geblasen wie in eine Mundharmonika.

Tief taucht „The Broken Promise“ ein in den selbst geschaffenen Klangkosmos. Maija Karhunen, die wegen der Reiserestriktionen via Laptop zugeschaltet ist und deren Stimme durch die einstündige Performance führt, erzählt von einem Gezeitentümpel, dessen Ökosystem sie mit dem Unterwassermikrophon belauscht. Flappend und schlüpfrig gleitend klingt diese Mikrowelt. Einsinken kann man in diese der Bildenden Kunst und Musik nahe Performance mit ihrer einlullend gedämpften Tonlage. Bis Miriam Jakob die schräge Version eines Schlagers über den Kuckuck jodelt und die Türen nach draußen öffnet.

In den Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Kunst führt danach das Improvisationstrio „Fluid Resilience“ von Shannon Cooney. Mit Resilienzforschung hat sich die kanadische Choreographin befasst, der Fähigkeit komplexer Systeme, auch unter Veränderung ihre essenziellen Funktionen zu erhalten. Wie sich ein fließender, wässriger Körper anfühlt und bewegt, erforschte sie mit ihren Mitperformern Sigal Zouk und Jared Gradinger. In wechselnden Konstellationen greifen die drei auf der Bühne Bewegungsimpulse der anderen auf, bleiben mit Abstand einander verbunden. Wie bei Miriam Jakob entfaltet sich im Tanz hier ein ganz eigenes Ökosystem, das mit einer Haltung des Zugewandtseins an die Zuschauer herangetragen wird. Dem Credo der Tanzfabrik entsprechend, die langfristig mit den Künstlerinnen arbeitet, Beziehungen stiftet und Freiräume bietet: eine deutungsoffene Gabe, wie ein Gedicht.

Open Spaces, Tanzfabrik Berlin, bis 8. November 2020, mit u.a. Wilhelm Groener, Emmilou Rößling, Christina Ciupke & Darko Dragičević, Jasna L. Vinovrški und Julian Weber. www.tanzfabrik-berlin.de