Drin sein war alles. Erst recht für zwei Jungs aus der fränkischen Provinz, die sich vor die Tür der New Yorker Diskothek The Limelight verirrt hatten – und zu ihrer Überraschung hereingewunken wurden. Die ehemalige Episkopalkirche in der Sixth Avenue war seinerzeit der heißeste Club der Stadt und an jenem Abend noch einmal um einiges heißer, denn Mick Jagger feierte seinen Geburtstag.

Die beiden Jungs, gerade mit der Schule fertig und auf der Suche nach Abenteuern im fernen Amerika, konnten ihr Glück kaum fassen. Der Typ da vorne, ist das nicht Billy Idol? Und das Mädchen dort hinten mit dem Bundeswehr-Turnhemd, ist das nicht Madonna?

Hand am Po

Und dann war da noch dieser freundliche Herr, der sich als Editor eines großen Modemagazins vorstellte und offenbar einen Narren an den „German Boys“ gefressen hatte. Er reichte ihnen Champagner, bot ihnen Koks auf einem silbernen Löffelchen an und lud sie schließlich ins Separee. Dort kam er zur Sache. Er sagte, er wolle die zwei als Models für ein großes Shooting verpflichten, es gäbe viel Geld und obendrein die Perspektive auf eine tolle Karriere.

Noch heute Nacht könnte man den Vertrag machen – bei ihm zu Hause. Und er ließ keinen Zweifel daran, was sie dort erwarten würde: Erst war die Hand nur an der Schulter, dann schon am Oberschenkel, bald auch am Po. Die Jungs aus Deutschland flüchteten auf die Toilette – und beschlossen dort, sich besser davon zu schleichen.

Nach heutiger Wahrnehmung sind die beiden Teenager, von denen einer der Autor dieser Geschichte ist, gerade noch davongekommen. Seinerzeit, es war in den Achtzigern, trieb sie ernsthaft der Gedanke um, womöglich eine große Chance verpasst zu haben – zumal, nachdem sie den Mann tatsächlich im Impressum einer großen Modezeitschrift wiedergefunden hatten.

„Jungs, zieht euch erstmal aus“

Dass der Eintritt in die Welt des Glamours mit einem Opfer verbunden war, im Zweifel einem moralischen, galt als gegebener Zustand. Auch im fernen Franken machte man zur Begrüßung von Freunden gerne den schlechten Witz: „Jungs, zieht euch erstmal aus.“

Das entschuldigt natürlich nichts – weder das unerhörte Angebot des New Yorker Moderedakteurs noch die Anwanze von Kevin Spacey an den damals 14 Jahre alten Anthony Rapp, die etwa zur gleichen Zeit stattgefunden haben muss. Der Umstand, dass Rapp so lange nicht davon gesprochen hat, wie ihn Spacey, der damals bereits ein national gefeierter Theaterstar war, nach einer Party in sein Schlafzimmer gelockt und dort sexuell bedrängt habe, bestätigt jedoch, dass derlei Untaten einfach hingenommen wurden. Es war kein Thema.

Und wenn es eines war, dann scherzte man darüber. Oder sie wurden den kreativen Geistern im Mode-, Bühnen- und Filmbusiness als die Portion Wahnsinn zugestanden, die es scheinbar braucht, um deren Genie anzutreiben.

Engagierte Besucherinnen an Kollegen weitergereicht

Wann und warum sich die Wahrnehmung änderte, ist nicht leicht festzumachen. Sind es erst der Casus Weinstein und die unappetitlichen Enthüllungen Dutzender Schauspielerinnen über die offenbar routinemäßigen Belästigungen, Übergriffe, auch Vergewaltigungen des Erfolgsproduzenten? „In ein paar Jahren werden wir zurückblicken auf diesen Oktober und sagen: Da hat alles angefangen“, sagt Jennifer Konner, die Produzentin der Serie „Girls“.

Aber warum jetzt Weinstein? War der Filmproduzent als mythische Figur nicht schon immer ein dubioser Charakter? Angefangen bei Darryl F. Zanuck. Der Gründer des Hollywoodstudios 20th Century Fox empfing in den 30er-Jahren an jedem Werktag um 16 Uhr eine Studiobedienstete, um sich im Hinterzimmer seines Büros mit ihr zu verlustieren. Engagierte Besucherinnen reichte er gerne an Kollegen weiter.

Am prominentesten die Schauspielerin Carole Landis, die auch dem Star Rex Harrison zu Diensten war. Als sie sich in ihn verliebte und er sie abservierte, schluckte sie eine Schachtel Schlaftabletten und wachte nie wieder auf. Dem Werk und dem Ansehen der beiden Männer hat es nicht geschadet. Nach Zanuck ist heute ein Berg in den USA benannt, Harrison wurde zum Ritter geschlagen.

Sex mit Minderjährigen

Die Geschichte Hollywoods ist voll von Wüstlingen, die ein ehernes, in ihren Filmen stets hochgehaltenes Gesetz missachteten: „Crime doesn’t pay.“ So war etwa das künstlerische Werk von Charlie Chaplin stets über jeden moralischen Zweifel erhaben – im wahren Leben aber war der englische Komiker ein krankhafter Hühnerhabicht.

Seiner zweiten Frau Lita etwa näherte er sich bereits, als sie als siebenjähriges Mädchen ihre Mutter besuchte, die als Kellnerin in einem Kaffeehaus in Hollywood arbeitete. Er brachte sie als Kinderstatistin in seinen Filmen „The Kid“ und „Die feinen Leute“ unter, gab ihr Schauspielunterricht und auch sonst ein paar Lektionen fürs Leben: Im Scheidungsprozess kam später heraus, dass er sie aufklärte, indem er ihr aus „Lady Chatterleys Liebhaber“ vorlas.

Als das Mädchen 16 war, gab er ihr eine Hauptrolle in „The Gold Rush“ – aber mitten während der Dreharbeiten stellte sie fest, dass sie schwanger war. Da Sex mit Minderjährigen damals den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllte, musste Chaplin den Teenager heiraten. Die Ehe hielt zweieinhalb Jahre. Die noch immer erst 19-Jährige erhielt 625.000 Dollar Abfindung und drehte nie wieder einen Film.

Als Sklavin gehalten

Nicht minder gefürchtet war Alfred Hitchcock, ingeniöser Großmeister der Suspense und Schöpfer unsterblicher Meisterwerke wie „Vertigo“ und „Die Vögel“. Hitchcock hatte eine besonders skurrile Macke: Er setzte sich nachts ans Fenster, drückte seine Augen ans Okular eines Fernrohrs – und blickte ins hell erleuchtete Wohnzimmer eines gegenüberliegenden Apartments, wo sich die potenzielle Hauptdarstellerin seines nächsten Filmes langsam und gemäß seiner vorher ausgegebenen Regieanweisungen auszog.

Skropophilie nennt der Fachmann diese Art der sexuellen Befriedigung durch Zuschauen. Sie regte Hitchcock sogar zu einem seiner berühmtesten Filme an: „Das Fenster zum Hof“ mit Grace Kelly, die immerhin damit durchkam, nur ein einziges Mal der Marotte des Meisters nachzugeben. Auch Shirley MacLaine schaffte es, sich zu entziehen, indem sie sich, wie sie mir einmal erzählte, aus der Not heraus pfundweise Übergewicht anfraß, ihre irgendwann auffällige Fülle mit den ständigen Dinner-Einladungen Hitchcocks begründete und ihr der Studioboss daraufhin den privaten Umgang mit dem Regisseur verbot.

Weniger Glück hatte Tippi Hedren, die Hitchcock de facto als Sklavin hielt. Als sie ihn von ihrer geplanten Wiederverheiratung unterrichtete und ihn anhielt, das Verhältnis rein professionell zu halten, sprach er kein Wort mehr mit ihr. Mehr noch. Er weigerte sich, die Frau aus ihrem noch über Jahre laufenden Vertrag zu entlassen, ohne dass sie einen Film drehen durfte – und ruinierte so ihre Karriere. Erst mit Anfang 50 fasste Tippi Hedren wieder Fuß im Geschäft.

Wer ist der Nächste?

Auch Alfred Hitchcock wurde im Übrigen später zum Knight Commander des Britischen Imperiums geadelt. Und sein schäbiger Umgang mit Frauen wird schmunzelnd als Verrücktheit abgetan, Hollywood-Folklore. Heute wäre einer wie er undenkbar und sofort ruiniert. Wie Weinstein, wie der Produzent Brett Ratner, der nun von etlichen seiner Darstellerinnen und Mitarbeiterinnen der sexuellen Belästigung bezichtigt wird.

Wie Kevin Spacey, den immer neue mutmaßliche Opfer immer neuer Vergehen bezichtigen. Vielleicht auch wie Dustin Hoffman, dem eine damalige Praktikantin vorwirft, sie 1985 am Set von Volker Schlöndorffs Film „Tod eines Handlungsreisenden“ sexuell belästigt zu haben – was Schlöndorff selbst im Übrigen als „lächerliche Anklage“ bezeichnet.

Wer ist der Nächste? Offenbar, schreibt die New York Times, „gehen jetzt alles Schleusen auf“. Man müsse aufpassen, „dass sich das nicht zu einer Hexenjagd auswächst, wo jeder Mann, der im Büro seiner Kollegin zuzwinkert, sich gleich einen Anwalt nehmen muss“, sagte Woody Allen – und erntete einen Shitstorm.

Crime doesn’t pay

Dabei hat er nicht unrecht: Was ist überprüfbar, wer ist Opfer, wer will sich wichtig tun – all diese Fragen sind gerade zweitrangig; das Internet kennt keine Unschuldsvermutung. Und in Hollywood scheint man nach dem Motto zu verfahren: Lieber das Kind mit dem Bade ausschütten als gar nicht.

Schließlich fürchtet man, seinen Ruf als moralische Instanz und Boden des besseren Amerikas zu verlieren. Der war zu Zeiten Zanucks, Chaplins und Hitchcocks nicht in Gefahr. Aber die Situation im Land hat sich geändert: Denn es wird geführt von einem Unhold, der Frauen an die Brust und zwischen die Beine greift, ihnen seine Zunge zwischen die Zähne schiebt und das alles damit rechtfertigt, dass er „berühmt“ sei.

Wer diesem Mann und seiner Welt etwas entgegensetzen will, muss tatsächlich erstmal bei sich selbst aufräumen. Weinstein et al. ist allem Anschein nach die Reaktion auf Donald Trump.
Kollateralschäden muss man dabei wohl in Kauf nehmen – auch wenn man gerne gewusst hätte, wie „House of Cards“ ausgeht: Kommt Frank Underwood durch mit all seinen Freveltaten? Immerhin, Kevin Spacey ist nicht durchgekommen. Crime doesn’t pay.