Eine Beethoven-Statur vor einem Piano.
Foto: AFP/Ina Fassbender

BerlinBei der wieder reichlichen Auswahl von Beethoven-„Neunten“ zum Jahreswechsel – nicht weniger als sechs Aufführungen, bestritten von vier Formationen an ebensovielen Orten – ergab sich die vielleicht interessanteste Konstellation direkt am Silvestertag. Nachdem Rundfunkchor und Sinfonieorchester unter Karina Canellakis das Werk am späten Nachmittag ins Ziel gebracht hatten, startete Daniel Barenboim erst mit seinen Staatsopern-Ensembles und entließ die Hörer zu einer Zeit, als Geknatter und Gerumms bereits ein lückenloses Geräuschband über die City legten.

Bei diesem zwanglosen Doppel zwischen männlicher Erfahrungssattheit und aufstrebender weiblicher Dynamik – circa 40 Jahre liegen zwischen beiden – konnte man in erfrischender Weise erfahren, dass Beethoven selbst zu Produkten wie eben seiner 9. Sinfonie, die scheinbar in alle Richtungen bereits erkundet wurde, nicht nur ständig neue Zugänge ermöglicht, sondern dass er es manchmal auch älteren erlaubt, das Werk wieder ganz neu wirken zu lassen.

So in der Darbietung der Staatskapelle. Sie stand zwar mit ihrem fülligen Streichersound (geschätzt ein Drittel mehr als im RSB-Konzert), dem schmelzklängig-kantablen, organischen Fließen der Linien und einem fest, aber weich ausgeformten Klangkörper stabil auf den Sedimenten der romantischen Aufführungstradition. Doch aus dieser fast nostalgisch wirkenden Verankerung resultierte eine große Geschlossenheit und Zielsicherheit, ein mitreißender Sog hin zur Verbrüderungsvision des Finales, wo die menschlichen Stimmen nur vollendeten, was schon über alle vorherigen Sätze hin angelegt worden war. Da wurde ein langer Spannungsbogen zur Kulmination geführt, der sich sogar bis zu Mozarts d-Moll-Klavierkonzert zurückprojizieren ließ, das – mit Daniel Barenboim als dirigierendem Solist – dem Abend einen nachdenklich-melancholischen Auftakt gegeben hatte.

Das Rundfunkkonzert

Innerhalb des ekstatisch-überschwänglichen, erlesen besetzten Solistenquartetts machte sich Tenor Andreas Schager mit seiner visionären Aufbruchsverzückung (an der Seite von Elena Stikhina, Marina Prudenskaya und René Pape) noch besonderes prächtig, während sich Stefan Vinke, sein Gegenüber im Rundfunkkonzert, auch deswegen wenig entfalten konnte, weil ihn die Dirigentin bei seiner kleinen Marschpassage ziemlich gnadenlos über den Parcours trieb. Ohnehin liebte sie straff drängende Tempi, aber schwerer wog, dass viele Phrasenenden trocken wie mit dem Cuttermesser abgeschnitten wurden: eine Art überdynamisiert gehetzter Atemlosigkeit, die besonders dem Kopfsatz die Luft nahm und ihn in eissplitteriger Trockenheit einfror.

Andererseits überzeugte diese hell-spröde Klanglandschaft durch strukturelle Klarheit und Durchsichtigkeit, zeigte im Scherzo raffinierte dynamische Raumstaffelungen und hatte dort wie im langsamen Satz manche beklemmend eindringliche, gleichsam um Emanzipation kämpfende Holzbläserpassagen.

Im ganz sanft, fast naturlauthaft anhebenden Freudenthema der tiefen Streicher kamen sich dann beide Aufführungen näher und blieben es auch in der dionysisch entfesselten Auffassung des Finales, wobei der Rundfunkchor differenzierter in den Farben, dafür weniger wuchtig als das vollklängig anbrandende Staatsopern-Ensemble agierte.