Sequenz  von Chiffren an Berliner Häuserwänden aus Holger Biermanns Corona-Zeit- Serie „Es ist genug Angst für alle da.“ (Ausschnitt)
Foto: Holger Biermann/ Supalife e.V.

Berlin-Diese Situationen kennt jeder, spätesten seit Ende März und dem Corona-Shutdown: Die Welt stand auf einmal still. Auch in den Straßen von Berlin, auf den Plätzen, in den Läden, in allen öffentlichen Räumen - außer in den Lebensmittelgeschäften.

So aber haben wir es noch nicht gesehen. Holger Biermann, gebürtiger Bremer, Jahrgang 1973 und seit 17 Jahren Wahlberliner, ist einer der besten Straßenfotografen im Lande. Nun hat er mit Sequenzen aus der Corona-Zeit aus der für unser aller Gesundheitsschutz notwendigen, aber auch beklemmenden und bisweilen absurden Situation Fotokunst gemacht. Die ist zu sehen im Supalife-Kiosk, Prenzlauer Berg.

Es ist, als würden wir uns, ob jung oder alt, ängstlich oder genervt von den ganzen Vorsichtsmaßregeln, selber anschauen – die Masken, die alle gleich doof und angstvoll aussehen lässt. Das devote bis genervte Stehen in der Warteschlange im Supermarkt, in der Bank, auf der Post. Das zögerliche Eintreten in Räume oder in die Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs. Die traurigen Kinder, die leeren Spielplätze. Und die verstohlenen Begrüßungen unter Freunden. Einander berühren? Besser nicht! Gelangweilte Jugendlichen, keine Schule mehr, kein Freunde-Treffen, kein Club.

Die fotografischen Booklets, wie es Biermanns Art ist, besagen lakonisch: Die Wirklichkeit bringt mitunter Surreales hervor. Der Titel, den er für diese nicht-larmoyante Serie wählte, klingt sarkastisch, auch ironisch: „Es ist genug Angst für alle da“. Es ist die wohl erste öffentliche Kunst-Ausstellung zum Thema, das jeden angeht.

Als die Covid 19- Gefahr auch Berlin lahmlegte, hatte Biermann gerade den Kölner Karneval fotografiert. Aus dem noch bedenkenlosen Straßentrubel zurück in Berlin, stand er plötzlich allein auf den leeren Plätzen der Hauptstadt. Die Angst ging um. Und doch ging er mit der Kamera raus und lief stundenlang durch die Stadt: „Seltsam, ich entdeckte das fast leere Berlin dabei noch mal ganz neu.“

Biermanns Berliner Straßenszenen, Anfang Juni 2020. Langsam sind wieder Leute auf der Straße. Die Maskenpflicht wird ernst genommen, aber nur verstohlen wird sich mal wieder umarmt.
Foto: Holger Biermann/Supalife e.V.

Wilmersdorf, Charlottenburg, Schöneberg, mit dem letzten Tageslicht retour nach Hause, in den Prenzlauer Berg. Fotografisch habe er große Durststrecken erlebt: „Die Leere ist schwer zu fotografieren, aber ich traute mich, so alleine auch mehr rumzuspielen.“

Er hat auch eine andere Kamera genommen, „instinktiv“ sagt er . Die Canon 500 mit dem 28er Objektiv ließ er zu Hause und fotografierte mit der Olympus PenD, einer analogen Halbformat-Kamera aus den 60er Jahren, die ist klein, hat ein lichtstarkes Objektiv und macht hochformatige Aufnahmen auf einen Kleinbildfilm. Die Motive sind Paar-Setzungen, nicht zufällig, eher bewusst zusammengebracht. Sie liegen auf dem Film nebeneinander, getrennt durch den schwarzen Balken, vier Aufnahmen ergeben jeweils eine Sequenz. Diese Kombination gleicht mitunter Altären. Sie machen einen fast andächtig, und sie nehmen auch die Angst.

In den ersten Wochen der Pandemie machte Biermann Aufnahmen von der leeren Stadt. Später wollte er das erweitern: „Oft wartete ich mit dem Auslösen, um ein vermeintlich passendes Anschlussbild zu finden. Ich spielte Domino mit der Kamera und übte mich in Geduld.“ Beinahe alle Häuserzüge der Stadt waren ungewohnt sichtfrei, die Straßencafés und die Kneipen dicht, kein Tisch, kein Stuhl draußen. Und diese beklemmende Lethargie – wie Mehltau lag sie auf der Stadt.

Auf einmal schoben sich die Chiffren an den Häuserwänden in die Kamera, Schablonen-Bilder, die in der Szene „Stencil“ genannt werden, auch auf die Wand tapezierte Papierbildchen, „Paste-Ups“ genannt, von Fabelwesen bis hin zu Clubtänzern. Dazu Aufkleber und diverse Graffiti. Die Elemente der Berliner Street-Art-Szene finden sich hier wieder. Biermann kombinierte sie dann mit Momentaufnahmen der langsam wieder belebteren Straßen und Plätze.

Im Supalife Kiosk sagen Holger Biermanns Corona-Zeit-„Impressionen“, dass seit vier Monaten nichts mehr so ist wie zuvor. Der Fotograf hatte sein Straßen-Metier einst in New York gefunden. Er resümiert heute, dass er damals, 2001 bis 2003, zu den „notwendigen fotografischen Verdichtungen“ gekommen sei, wenn zahllose Menschen im täglichen Einerlei aufeinander treffen. Er machte auch Aufnahmen nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 auf die Twin-Towers. Aber erst Jahr später setzte er die Straßenfotografie in Berlin fort.

Und er macht noch lange nicht Schluss mit dieser fotografischen Erzählung über die  surreale, unfreiwillig lethargische  Corona-Zeit. Derzeit fotografiert er, wie das Leben in vollen Zügen zurückkehrt, langsam aber sicher und mit diesem Hunger nach Gemeinschaft, nach Party und Spaß auch besorgniserregend. Wenn auch noch mit Maske und Abstand – auch in der Ausstellung. Das gebiete, sagt der Fotograf, einfach die Hoffnung, dass Corona aus unserem Leben verschwindet.

Supalife Kiosk, Raumerstr.40 (Prenzlauer Berg), verlängert bis 4. August, Mo-Fr 11-19/Sa 11-20 Uhr.