Eine Jugend in der Provinz: Alkohol, Schule, Billard, Zigaretten und Prügel.
Foto: Avant-Verlag/Davide Reviati

BerlinAchtung: düsterschwere Striche. Aber Halt, nicht nur! Was für ein märchenhaft gesponnener Einstieg, licht und leicht, geheimnisvoll und auch etwas unheimlich: „Es war einmal, ein einziges Mal nur. / Ein Morgen, weiß von Nebel und Schlaf. / Weiß wie ein weißes Blatt. / Früh wachen wir auf, ohne große Lust. / Keine bleibt zurück. / Niemand erwartet uns. So ließen wir uns treiben, mit leerem Kopf. / Schwerelos.“ Mit diesen Zeilen lässt Davide Reviati seinen Comic „Dreimal Spucken“ beginnen, die ersten Bilder zeigen dazu ein Kind auf dem Rücken eines schwarzen Panthers. Ein merkwürdiges Gespann, wild und zahm. Beide steigen ins Wasser und schwimmen davon, dem Horizont entgegen, bis nur noch ein Schatten bleibt.

Damit ist der Ton gesetzt. Reviati wird seine Geschichte immer wieder ins Surreale abgleiten lassen: Die fantastische Traumwelt schafft nicht nur etwas Erleichterung für eine gar nicht einfache, sich aus vielen Schichten zusammensetzende Handlung, sondern sie eröffnet auch Bildräume für das Unsagbare, für all das, was nicht zu erzählen ist. Dabei ist die Geschichte Reviatis eigentlich schnell erzählt: Er schildert seine Jugend in der italienischen Provinz der 60er- und 70er-Jahre, Alkohol, Schule, Billard, Zigaretten und Prügel. Und eine Roma-Familie in einem verfallenen Bauernhaus, sie lebt in gebührender Entfernung zum Dorf. Doch man begegnet sich – das Mädchen Loretta übt auf die Jungen einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Avant-Verlag/Davide Reviati
Der Comic

Davide Reviati: „Dreimal spucken“. Übersetzung aus dem Italienischen von Myriam Alfano. Avant-Verlag, Berlin 2020, 562 Seiten, in Schwarz-Weiß, 34 Euro.

Der Bilderroman erschien 2016 in Italien. „Dreimal spucken“ ist die erste Veröffentlichung Reviatis auf Deutsch. Der Zeichner ist hier erst noch zu entdecken. Wie sein italienischer Kollege Gipi oder der Franzose Manu Larcenet besticht die Arbeit Reviatis durch ihre Lakonie, eine staubtrockene, streng sachliche Erzählweise. Damit steht er in der Tradition des italienischen Neorealismus, wie sie von dem Filmregisseur Vittorio De Sica („Fahrraddiebe“) geprägt wurde.

Im Laufe dieses Bilderromans wird klar, dass es Reviati nicht nur um das Erwachsenwerden geht, darum, dass er der Provinz mit ihrer Enge und Gewalt entfliehen konnte und zu einem anerkannten Künstler, einem Illustratoren und Karikaturisten wurde, der seine Zeichnungen unter anderen in den Zeitungen „Il Manifesto“, „La Stampa“ oder „L’Unità“ veröffentlicht und der mit „Dreimal Spucken“ bereits seine sechste große Bildergeschichte vorlegt. Vielmehr ist der Italiener einem Ressentiment auf der Spur, das seine Kindheit prägte: dem alltäglichen Hass, den Feindseligkeiten und Vorurteilen gegen Sinti und Roma. Und so findet Reviatis Comic aus der italienischen Provinz zu den drängenden Themen unserer Zeit – Rassismus und Nationalismus.

Antiziganistische Pogrome passieren nach wie vor auch in Deutschland: Erst im September wurden fünf Jugendliche in Ulm verurteilt, weil sie brennende Fackeln auf die Wohnwagen französischer Sinti und Roma geworfen hatten. Manchmal aber taucht das Thema unerwartet auf, etwa bei den zwei Marmorplastiken des Bildhauers Arno Breker, die kürzlich bei Bauarbeiten in Berlin ausgegraben wurden. Ein Zufallsfund: Eines der Werke, „Romanichel“ aus dem Jahre 1940, ist die Nachbildung einer Skulptur, die Breker erstmals in den 20er-Jahren anfertigte. Sie stellt einen Roma-Jungen dar, den Breker in Paris getroffen hatte. „Sein Kopf hat mich sofort fasziniert“, schrieb Breker damals über die Begegnung.

Verdammt: Reviati widmet sich auch dem Massenmord der Nazis an den Roma und Sinti.
Foto: Avant-Verlag/Davide Reviati

Das Jahr 1940, in dem sich Hitlers Lieblingsbildhauer erneut dem Roma-Jungen widmete, war das Jahr, in dem die Nationalsozialisten begannen, Sinti und Roma massenhaft nach Auschwitz zu deportieren. Auch diesem Thema widmet sich Reviati in seinem Comic. In einem langen Kapitel – einem historischen Exkurs – beschreibt er die Verbrechen, zeichnet akribisch die europäische Landkarte, die Konzentrationslager, die Gaskammern, erwähnt die in Berlin ansässige Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle (RHF) und ihre treibende Rolle bei der „Endlösung der Zigeunerfrage“, die eugenischen Programme, die „gründliche rassenkundliche Erfassung und Sichtung aller Zigeuner und Zigeunermischlinge“.

Es fallen Namen, allen voran der Psychologe Robert Ritter und seine Assistentin Eva Justin, die maßgeblich diese „Forschung“ verantworteten und nach dem Krieg unbehelligt ihren Berufen nachgingen. Erwähnt wird aber auch der Oberbürgermeister von Darmstadt, Günther Metzger, der 1985 erklärte: „Durch ihre Forderungen nach Wiedergutmachung wollen die deutschen Sinti und Roma sich auf eine Stufe mit den Opfern des Holocaust stellen und beschädigen damit ihr Andenken.“ Die Ungeheuerlichkeiten die Reviati in seinem Roman versammelt, treffen wie ein Faustschlag: „Dreimal spucken“ ist ein wunderschöner und zugleich schreckensvoller Comic.

Der Strich des Italieners ist filigran, aber das drakonische Schwarz droht immerfort, alles Gegenständliche zu verschlucken, Personen, Gegenden, Tiere, Dinge – so als würde der Tag von einer lichterlosen Nacht geschluckt. Ohnmacht und Beklemmung breiten sich aus und doch führt das Licht die Regie: Es gibt kein Entkommen, aber Aufklärung darüber, was war. Reviatis Comic ist wenn schon keine – wie auch? – Wiedergutmachung, so doch eine Entschuldigung: Die Lebensbeichte von jemandem, der im dörflichen Ressentiment schuldig wurde. Das alles liefe wohl auf eine Überforderung nicht nur der Leser*in, sondern auch des Comics hinaus, wenn da nicht die vielen Alltagsszenen wären: Die Geschichte dreier Freunde.

Verträumt: Immer wieder durchbricht Reviati seine Geschichte mit surreal anmutenden Vignetten.
Foto: Avant-Verlag/Davide Reviati

Das ist die Geschichte einer angstlustbesetzten Annäherung an die Stančič, wie die Roma und Sinti hier nur genannt und nie mit ihrem Namen gerufen werden. Reviati spart die Grausamkeiten nicht aus, sein Schuldigwerden, die Gewalt, den Hass, die Lügen, aber er zeigt auch ein verzaubertes Kinderland. Das „Feld der Wunder“ zum Beispiel, ein karger Acker, auf dem die Kinder die wundersamsten Sachen finden, einen verrosteten Revolver, einen Totenschädel … Die Tiere im Wald, das Baden im Fluss, der Baum, an dem Zitronen, Kirschen und Feigen wachsen. Und dann ist da noch Loretta. Sie scheint das einzige Mädchen bei den Stančič zu sein, die einzige Tochter einer kinderreichen Familie, die aus Slowenien nach Italien kam.

Loretta ist wild, manche im Dorf geben ihr zu essen oder beschuldigen sie, Essen geklaut zu haben. Loretta verrichtet ihre Notdurft in den Treppenhäusern, sie spricht unverständlich und sie sucht Anschluss bei den Jungen des Dorfes. „Loretta ist zwar so alt wie wir, wirkte aber damals schon, als könnte sie unsere Mutter sein. Und ihr Blick erst: Sie starrt dich an, aber ohne Neugierde. Als würde sie nichts erwarten.“ Irgendwann beschließt einer der Jungen, mit Loretta „zu gehen“ – ein Skandal. Ein Riss in der verschworenen Dorfgemeinschaft. Und möglicherweise auch der Fluchtpunkt für den jungen Reviati, der Anlass und Ausweg, um der Enge seines Dorfes für immer zu entfliehen.

Verschrien: Das Roma-Mädchen Loretta erscheint in manchen Passagen sogar als Wölfin.
Foto: Avant-Verlag/Davide Reviati

Reviati beschließt seinen Comic mit einer Erinnerung an die polnische Roma-Dichterin und -Sängerin Bronisława Wajs, die wegen ihrer Schönheit Papusza („Puppe“ auf Romani) genannt wurde und unter diesem Namen auch veröffentlichte. Ihr Leben verlief tragisch, hin- und gerissen zwischen Sesshaftigkeit und Wanderlust, Anerkennung und Ausgrenzung – sie wurde schließlich in die Psychiatrie eingeliefert. Beinahe erscheint es so, als sei die Papusza eine historische Fußnote zu Loretta. Ein typisches Frauenschicksal in der patriarchalen Gesellschaft der Roma und Sinti? Das aber wäre ein weiteres, ein anderes Kapitel des Schuldigwerdens gewesen. Reviati verfolgt es nicht weiter. Er bleibt bei sich.