Freiheit stärken. Kultur nicht exportieren, sondern Zusammenarbeit und Kooperation fördern. Dabei einen Schwerpunkt auf den Jugendaustausch legen, vor allem auf den von Jugendlichen für die ein Auslandsaufenthalt nicht selbstverständlich ist. Das sind Sätze mit denen Michelle Müntefering, die neue Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, die Vision ihrer Arbeit in Interviews immer wieder neu zusammenfasst.

Seit Mitte März ist sie im Amt. Ihre Vorgängerin Maria Böhmer war einfache Staatsministerin mit vielfältigen Zuständigkeiten. Die Berufung von Müntefering, die Schärfung des Amtes ist eine gewaltige Aufwertung der internationalen Kulturpolitik. Das Außenministerium setzt neue Akzente. Außenminister Heiko Maaß betont, dass es in Zukunft mehr „Kooperation statt Repräsentation“ geben werde.

Eben die soll die neue Staatsministerin initiieren. Münteferings erste Amtsreise führt nach Afrika. „Wir werden unsere Arbeit auf dem afrikanischen Kontinent intensivieren, um Menschen eine Perspektive, Frauen eine Stimme zu geben und Teilhabe an Bildung zu ermöglichen“, twittert sie danach.

Geradezu mustergültiges Kooperationsprojekt

„Metamorphosen“ heißt ein Tanztheater-Projekt in der Jugendtheaterwerkstatt (jtw) Spandau, das geradezu perfekt erfüllt, was Michelle Müntefering als eine ihrer wichtigsten politischen Zielsetzungen beschreibt: Eine Kooperation einer in einem Problemviertel des sowieso schon prekären Spandau gelegenen sozial-künstlerischen Einrichtung mit einer Tanzcompagnie von der Elfenbeinküste.

Auch die ivorische Compagnie Les pieds dans la mare ist ein sehr besonderes, sozial-künstlerisches Projekt. Aber jetzt stehen nur Berliner Laien auf der Bühne und proben zwei Tage vor der Premiere  den ersten Durchlauf.
Einundzwanzig Akteure, Russen, Deutsche, Syrer und Israelis sind dabei. Der älteste ist 78 Jahre, die jüngste gerade 17 geworden.

Sie jagen mit Charme und Witz unter ständigem Rollenwechsel durch Ovids Erzählungen. Verwandeln sich in Jupiter, in Phaeton, in Narziss. Legen Steine an die Stellen an denen Menschen und Halbgötter zu Opfern der Götter wurden. Nur die sieben ivorischen Tänzer sind nicht dabei. Auch für sie werden später Steine auf die Bühne gelegt. Sie durften nicht einreisen.

Wegen „Zweifel an der Rückkehrbereitschaft“ wurde ihnen kein Visum erteilt. Sie sind zu arm und zu jung, also nicht verheiratet und kinderlos. Nur die Choreografin Jenny Mezile ist da. Sie besitzt einen französischen Pass.
Jetzt sitzt sie in der Pause im Hof und antwortet auf die Fragen der Journalistin, gefasst und sachlich. Aber darunter spürt man ihre Wut und ihre Traurigkeit.

Das ivorische Ensemble Les pieds dans la mare

„Für die Tänzer“, sagt Jenny Mezile, „wäre diese Reise der Beweis gewesen, dass sie gewinnen können, dass sie auf dem richtigen Weg sind.“ Für die jungen Tänzer und ebenso für Mezile selbst wäre es die Krönung ihrer bisherigen Arbeit gewesen. Denn Les pieds dans la mare ist Meziles Projekt. Vor vier Jahren hat sie, neben ihrem Beruf als Anbieterin von Erlebnisevents für Unternehmen, in Bracody, einem Armenviertel in Abidjan ein kleines Tanzprojekt mit ein paar auf der Straße gestrandeten Jugendlichen begonnen.

Aber im Laufe weniger Wochen kamen immer mehr. Erst zehn, dann fünfzehn, dann zwanzig, dann dreißig. Inzwischen ist Les pieds dans la mare Jenny Meziles Lebensprojekt. Eine von ihr privat finanzierte Tanzschule in der weitere Musiker und Tänzer ehrenamtlich mitarbeiten. Ein eigenes Studio gibt es nicht. Gearbeitet wird an wechselnden, von der Gemeinde und von Privaten zur Verfügung gestellten Orten. Es ist eine Chance für diejenigen, die in der Schule gescheitert sind, doch noch einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Denn professioneller Tänzer, so Mezile, kann man auch ohne schulische Bildung werden.

Der Erfolg gibt ihr Recht. Inzwischen treten die Jugendlichen auf den größten Bühnen der Elfenbeinküste auf. Einige von ihnen engagieren sich inzwischen selbst sozial. Dem Goethe Institut in Abidjan ist Meziles Arbeit gut bekannt.

Als der Regisseur Carlos Manuel und die Dramaturgin Julia Schreiner mit einem Stipendium des Goethe Instituts vor einem Jahr durch die Elfenbeinküste reisten, stellten die Mitarbeiter aus Abidjan den Kontakt zu Jenny Mezile her. Der Funke sprang sofort über, die Idee für ein gemeinsames Projekt zu Ovids Erzählungen über die Macht der Götter und über ihren Sturz entstand.

"Wir wollten Neues lernen"

Ein Antrag beim Hauptstadtkulturfonds wurde gestellt und bewilligt. Manuel und Schreiner arbeiten seit Jahren eng mit der jtw Spandau zusammen. Für sie ging es nicht um ein „Hilfe-Projekt“. Im Gegenteil: „Wir wollten selbst etwas Neues lernen und die abgelegene Bürgerbühne der jtw Spandau für die Welt öffnen.“

Ein halbes Jahr intensiver gemeinsamer Arbeit liegt hinter ihnen. Parallel wurde in Abidjan und in Spandau geprobt. Über WhatsApp haben sich der Regisseur Manuel und die Choreografin Mezile fast täglich über den aktuellen Stand verständigt. Die Rollen der ivorischen Tänzer wurden in Spandau von Platzhaltern übernommen.

Zehn Tage hätte man gemeinsam geprobt. Jetzt rufen die Schauspieler an einer Stelle „Bacchus“. Die Frauen setzen sich bunte Bademützen auf. Musik erklingt und bricht plötzlich ab. Ein Brief wird verlesen. „Jetzt sollte eine große Tanzpassage folgen, aber die ivorischen Tänzer sind nicht da.“

Ansonsten merkt man der Inszenierung das Fehlen der Tänzer kaum an. „Ich habe versucht die Lücken zu schließen. Es sind Laien, ich musste die Gruppe hier schützen“, sagt Carlos Manuel. Einige der Spandauer Jugendlichen haben das Problem nicht verstanden. Sie wussten nicht was ein Visum ist.

Sie fühlen sich gedemütigt - aber machen weiter

Auf die Frage, wie es den ivorischen Tänzern mit der Einreiseverweigerung ging, antwortet Jenny Mezile nur mit einem Satz. „Sie fühlten sich gedemütigt.“ Drei Tage haben sie die Arbeit daraufhin niedergelegt. Dann erinnerte Mezile sie an Nelson Mandela und Martin Luther King, und sie machten weiter.

Julia Schreiner, die Dramaturgin, hat an allen nur erdenklichen Stellen für die Visa-Erteilung gekämpft. Der Kultursenator Klaus Lederer hat beim Auswärtigen Amt erfolglos gegen die Entscheidung interveniert und sie harsch  verurteilt. Auch aus dem Büro der Kulturstaatsministerin Monika Grütters kommen Worte des Bedauerns und die Erklärung, dass man dieses Projekt zum Anlass nehmen will „die Frage möglicher Visaprobleme einmal generell im Gemeinsamen Ausschuss des Hauptstadtkulturfonds zu erörtern“.

Auch von Michelle Müntefering, die sich den internationalen Austausch zwischen benachteiligten Jugendlichen und einen afrikanischen Schwerpunkt auf die Fahnen geschrieben hat, kommt ein Brief. Von Bedauern ist darin nicht die Rede. Man habe „wohlwollend geprüft“, aber man hätte nicht „mit der erforderlichen Gewissheit“ von einer Rückkehrbereitschaft ausgehen können.